Bremer Kaufleute bleiben wichtig

Digitalisierung wälzt Versicherungsbranche um

Die Digitalisierung wälzt die Versicherungsbranche um. Dennoch brauchen die Betriebe in Bremen Nachwuchs: Welche Chancen es bei der Ausbildung der Kaufleute für Versicherung und Finanzen gibt.
13.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Digitalisierung wälzt Versicherungsbranche um
Von Florian Schwiegershausen
Digitalisierung wälzt Versicherungsbranche um

Dualstudentin Sophie Diersch und Azubi Lava Hasan arbeiten bei Lampe & Schwartze gleich an der Weser.

Christina Kuhaupt

Für Sophie Diersch und Lava Hasan bedeutet der tägliche Weg zur Arbeit die Herrlichkeit. Denn in dieser Straße, direkt an der Weser, steht die Versicherungsbörse mit dem Bremer Traditionsunternehmen Lampe & Schwartze. Diersch macht dort eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherung und studiert gleichzeitig Betriebswirtschaft. Hasan macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherung und ist nun im zweiten Lehrjahr.

Sie sagt: „Besonders viel Spaß habe ich daran, die unterschiedlichen Risiken unserer Kunden zu managen und zu versichern.“ Gleichzeitig gibt die 23-Jährige zu, dass sie noch zu Schulzeiten wenig Berührungspunkte mit dem Thema Versicherungen hatte. Aber sie hat die Abwechslung in diesem Beruf gesehen und den hohen Stellenwert, den die Versicherungsbranche in der Gesellschaft habe.

Während ihrer Ausbildung durchläuft sie die Abteilungen – von der Personenversicherung über die technische Versicherung, die Schadenbearbeitung und auch Marketing und IT. Sophie Diersch sitzt zusätzlich noch im Hörsaal für ihr BWL-Studium. Im Unternehmen selbst machen der 20-Jährigen die Azubi-Projekte Spaß, zu denen auch verschiedene Wohltätigkeitsaktionen gehören. Für sie habe es auch einen hohen Stellenwert für ein derartiges Bremer Traditionsunternehmen zu arbeiten, das eben auch international tätig ist. „Die Unternehmenskultur und die Unternehmensphilosophie sind sehr ansprechend und überzeugten mich.“

Branche im Digitalisierungswandel

Gerade die Versicherungsbranche ist im Wandel. Laut einer McKinsey-Studie wird durch die Digitalisierung hier jeder vierte der mehr als 500 000 Arbeitsplätze verschwinden. Um dem Wandel zu begegnen, wurde die Ausbildung in diesem Beruf 2014 geändert. Seitdem werden die Azubis Kaufleute für Versicherung und Finanzen. Sie müssen sich anfangs entscheiden, welchen Schwerpunkt sie setzen. Bei Lampe & Schwartze mit seinen mehr als 240 Mitarbeitern, darunter 15 Azubis, ist es auch weiterhin der Schwerpunkt Versicherungen.

Die Digitalisierung ermögliche auch neue Chancen, wie der Geschäftsführende Gesellschafter André Grobien erläutert und nennt als Beispiel das Stichwort Cyberversicherung: "Es kommen neue und vor allem zukunftsorientierte und sehr moderne Geschäftsfelder hinzu." Außerdem laufe vieles online: die Kundenportale, die Schadenbearbeitung und die Shops allgemein. Dieser Wandel findet laut Grobien bei Lampe & Schwartze seit Langem statt: "Wir freuen uns, wenn unsere Azubis als digital natives bei der Umsetzung aktiv mitwirken." So bildet das Unternehmen für den eigenen Bedarf aus: "Zudem bietet sich darüber auch die Möglichkeit, den Führungskräftenachwuchs aus den eigenen Reihen zu generieren."

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Die Ausbildung für den eigenen Bedarf kann Guido Büscher auch woanders in der Branche feststellen. Der Ausbildungsberater bei der Handelskammer Bremen sagt: „Gerade erst war ich bei dem Besitzer einer Agentur mit einem festen Kundenstamm, der nun die Befähigung hat, selbst auszubilden. Er will in zehn Jahren in Ruhestand gehen und sich auf die Weise einen Nachfolger aufbauen.“ Allgemein werden in den kommenden Jahren so einige Mitarbeiter in der Branche in Ruhestand gehen.

Und trotz Digitalisierung brauche es deshalb Nachwuchs, um das Spezialwissen weiterzugeben. Ohnehin sei es so, dass man sich gerade hier in der Branche mit Fachwissen gut behaupten könne. Dass dabei die Beratung zähle, zeigt sich laut Büscher in der Änderung der Ausbildungsordnung: „Seitdem besteht die Note zur Hälfte aus der mündlichen Prüfung. Dem Gesetzgeber war es also wichtig, dass die Kaufleute in diesem Beruf dem Kunden auch genau Vertragsinhalte darlegen können.“

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Tove Wnuck ist Ausbildungsreferentin am Bremer Standort der Allianz Privaten Krankenversicherung. Sie sagt über die Neuordnung: „Sie ist stärker auf Aspekte wie Kunden- und Vertriebsorientierung sowie die Beratungs- und Verkaufskompetenz ausgerichtet. Für unsere Innendienst-Azubis bedeutet dies, dass sie circa drei Monate in einer Allianz Agentur eingesetzt werden, um auch diesen Aspekt der Versicherungsbranche kennenzulernen.“ Am Standort in der Bremer Airport-Stadt arbeiten 420 Mitarbeiter, darunter aktuell 21 Azubis.

Trotz Digitalisierung bleibe die Hauptaufgabe die direkte und schnelle Kommunikation mit den Kunden: „Und hierbei ist der Mensch mitsamt seiner Empathie – gerade in einem Bereich wie der Krankenversicherung – und seinem Fachwissen unersetzlich.“ Daher erhalten die Azubis im ersten Ausbildungsjahr gleich ein umfassendes Telefontraining, um auf verschiedene Gesprächssituationen vorbereitet zu sein. Die dreijährige Ausbildung werde bei der Allianz auf zweieinhalb Jahre verkürzt. „Die Chancen auf eine Übernahme sind bei uns ganz hervorragend“, ergänzt Wnuck.

Bei Lampe & Schwartze sieht der Geschäftsführende Gesellschafter André Grobien durch die Neuordnung, dass es nicht einfacher werde: "Durch den hinzugekommenen Bereich Finanzen ist der schulische Teil der Ausbildung für den ein oder anderen Azubi noch anspruchsvoller geworden. Aber auch die Kundenanforderungen werden immer anspruchsvoller, so dass es wichtig ist, dass die Azubis auf die steigenden Anforderungen vorbereitet werden – sowohl im schulischen als auch im betrieblichen Teil der Ausbildung." Dualstudentin Sophie Diersch sagt, dass sie so auch Wissen für und über die Firmen erhält, mit denen die Bremer zusammenarbeiten. Lava Hasan macht es Spaß, mit ihrer Arbeit ein Teil der bremischen Wirtschaft zu sein – und das an Bremens langjährigem Versicherungsstandort an der Herrlichkeit.

Info

Zur Sache

61 Ausbildungsverträge im Land Bremen

In diesem Jahr hat die Handelskammer zum Stand August bei den Ausbildung zur Kauffrau und zum Kaufmann für Versicherung und Finanzen im Land Bremen insgesamt 61 Ausbildungsverträge verzeichnet: 54 mit der Fachrichtung Versicherung und sieben Verträge mit der Fachrichtung Finanzen. Laut Ausbildungsberater Guido Büscher von der Handelskammer waren es vor einem Jahr 49 Ausbildungsverträge: 46 mit der Fachrichtung Versicherung und drei mit der Fachrichtung Finanzen. „Das bedeutet für dieses Jahr gleich mal eine halbe Berufsschulklasse mehr“, stellt Büscher fest.

Büscher sieht für die Bremer Azubis als weiteren Vorteil den lokalen Standort vom Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft (BWV). Von dort werden die Vorbereitungskurse für die Prüfungen angeboten. Laut BWV erhalten Azubis im privaten Versicherungsgewerbe im ersten Lehrjahr 1040 Euro, im zweiten 1115 Euro und im dritten Lehrjahr 1200 Euro. Im Versicherungsvermittlergewerbe sind es im ersten Jahr 693 Euro, im zweiten Jahr 754 Euro und im dritten Lehrjahr 824 Euro.

Weitere Informationen

Im nächsten Teil der Serie geht es um die Ausbildung zum Digitalisierungsmanager.

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