Wohnungsmarkt in Bremen und Niedersachsen Verbandschef: "Preiswerte Wohnungen sind Mangelware"

Bremen. In Bremen wird wieder einmal laut über den Verkauf der Gewoba nachgedacht. Über die Situation der Wohnungswirtschaft sprach Reinhard Wirtz mit Bernd Meyer, Direktor des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen (vdw).
19.04.2010, 21:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Reinhard Wirtz

Bremen. Die Aktivitäten der Fonds und 'Heuschrecken' auf dem deutschen Immobilienmarkt sind abgeflaut, entgegen diesem Trend wird in Bremen wiedereinmal laut über den Verkauf der GEWOBA, dem größten Wohnungsunternehmen im Land, nachgedacht. Über die Situation der Wohnungswirtschaft sprach Reinhard Wirtz mit Bernd Meyer, Direktor des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen (vdw).

Frage: In Bremen ist die Diskussion um einen Verkauf der GEWOBA wieder aufgeflammt. Die CDU setzt sich neuerdings für einen Verkauf ein. Wie bewerten Sie das?

Bernd Meyer: Ich weiß gar nicht, was den Vorsitzenden der CDU-Fraktion reitet. Das Problem, das entstünde, wenn die GEWOBA in andere Hände käme, wäre, dass dieses große, wichtige Instrument für die Stadtentwicklung entfiele. Nach dem Krieg sind in Bremen große Stadtteile neu bebaut worden. Diese Bestände werden jetzt von der GEWOBA verwaltet. Man darf diese Wohnungen nicht in die Hände spekulativer Unternehmen oder internationaler Fonds geben. Das könnte zu ganz schwierigen Entwicklungen führen.Nach unseren Erfahrungen versuchen die Käufer in allen Fällen, die erworbenen Bestände wieder zu verkaufen und dabei Kasse zu machen. Meist werden die Leistungen in der Bestandsverwaltung zurückgeschraubt. So investiert die GAGFAH in die Bestandserhaltung nur noch 6.20 bis 6.40 Euro pro Quadratmeter jährlich. Unsere Unternehmen wenden dafür mindestens 15 Euro auf. Zudem investieren solche Aufkäufer in der Regel nicht mehr in den Neubau und beteiligen sich nicht an der Stadtentwicklung.

Wie groß sind derzeit die Transaktionsportfolios?

Sehr niedrig. Wir atmen in der Wohnungswirtschaft richtig durch, da wir derzeit keine großen Verkäufe haben.

Wie sind die vdw-Mitgliedsunternehmen bislang durch die Finanzmarktkrise gekommen?

Unsere Unternehmen hatten in der Finanzmarktkrise keine Probleme, Kredite zu bekommen. Wir haben keine finanziellen Engpässe zu verzeichnen. Weil die Solidität unserer Geschäftsprozesse nachhaltig ist, modern ausgedrückt. Interessant ist die Frage, wie sich der Kapitalmarkt und die Zinsen weiter entwickeln. Für unsere Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren eine Verschiebung ergeben, weil besonders bei Modernisierungen die Finanzierungen der KfW einen sehr hohen Stellenwert bekommen haben.

Um welche Größenordnung handelt es sich?

Bei den energetischen Sanierungen waren das in Niedersachsen und Bremen in 2009 mehr als 150 Millionen Euro. Geschäftsbanken, die es früher oft abgelehnt haben, KfW-Finanzierungen zu begleiten, sind dazu jetzt wieder bereit und geben teils sogar Teile ihrer Marge, die ihnen die KfW einräumt, an die Kunden weiter.

Welches sind die zentralen aktuellen Themen für die Wohnungsunternehmen in Ihrem Verbandsgebiet?

Im Vordergrund steht die Bestandsentwicklung. Die kommunalen und die genossenschaftlichen Unternehmen sind weit voraus in der Modernisierung und Sanierung von Wohnungen. Mehr als 50 Prozent der Wohnungen in unserem Verbandsgebiet sind inzwischen energetisch saniert. Was allerdings auch bedeutet, dass es noch viel zu tun gibt auf diesem Gebiet. Der zweite wichtige Sektor ist der Abbau von Barrieren. Der Abbruch von Barrieren ist eine Selbstverständlichkeit geworden.

Was - außer energetischer Sanierung und Barrierefreiheit - enthält für Sie der Begriff Bestandsentwicklung?

Die Städte sind gebaut, wir müssen diese Bestände weiter entwickeln. Das dritte Kerngebiet ist die Modernisierung. Natürlich brauchen wir auch mehr Neubau, dabei geht es aber im Wesentlichen um Ergänzungsneubau. Bremen hat ja, was sehr zu begrüßen ist, eine Perspektive entwickelt für die Stadtentwicklung bis 2020. Hier wird zurzeit eine Wohnungsbaukonzeption auf der Basis eines umfangreichen GEWOS-Gutachtens diskutiert. In diesem Zusammenhang wird gefordert, in der Stadt Bremen bis 2020 etwa 14000 Wohnungen zu bauen. Das wäre ein sehr ehrgeiziges Ziel.

Wie steht es um den Neubau von Wohnungen in Bremen?

In Bremen gibt es derzeit Projekte in der Überseestadt, neben der 'umgedrehten Kommode' an der Weser und in Bremen Nord. Dies sind Vorhaben für Besserverdiener. Man wird sehr darauf achten müssen, dass man sich bei der Entwicklung neuer Strukturen die Frage stellt: Was wird eigentlich aus dem ?neuen sozialen Wohnungsneubau', wie ich es nenne? Der spielt ja überhaupt keine Rolle mehr bei uns. Durch das Auslaufen von Bindungen haben wir inzwischen eine große Zahl von Sozialwohnungen in Bremen verloren.

Welche Probleme sehen Sie darin?

Wir suchen auch für Hartz IV-Empfänger preiswerte Wohnungen. Uns macht durchaus Sorge der Vorstoß der FDP und jetzt auch der Bundesagentur für Arbeit, bei Hartz IV-Empfängern die Wohnkosten zu pauschalieren. Pauschalierung heißt in aller Regel Reduzierung. Hierdurch könnte es passieren, dass wir viele Hartz IV-Empfänger in sehr preiswerte Wohnlagen hineingedrückt bekommen, sodass es stadtentwicklungspolitisch zu weiteren problematischen Konzentrationen kommt.

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