Streit um Restrukturierung: Hauptgesellschafter will neues Konzept ohne Beteiligung des Betriebsrates entwickeln Verhärtete Fronten auf der Lloyd Werft

Alles zurück auf null: Die Verhandlungen über die künftig Struktur auf der Lloyd Werft sind gescheitert. Zuletzt hatte Mehrheitsgesellschafter Dieter Petram einen Kompromissvorschlag von Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz abgelehnt und will bis Ende September ein eigenes Konzept für insgesamt drei Werftstandorte vorlegen. Betriebsrat und Gewerkschaft befürchten Job- und Einkommensverluste
24.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Krischan Förster

Alles zurück auf null: Die Verhandlungen über die künftig Struktur auf der Lloyd Werft sind gescheitert. Zuletzt hatte Mehrheitsgesellschafter Dieter Petram einen Kompromissvorschlag von Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz abgelehnt und will bis Ende September ein eigenes Konzept für insgesamt drei Werftstandorte vorlegen. Betriebsrat und Gewerkschaft befürchten Job- und Einkommensverluste

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Bremerhaven. Noch vor wenigen Wochen schien eine Einigung für die rund 400 Beschäftigten der Lloyd Werft möglich. Beide Seiten, das Werft-Management und der Betriebsrat, hatten einen von Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz vorgelegten Einigungsvorschlag grundsätzlich akzeptiert. Doch in der vergangenen Woche machte Hauptgesellschafter Dieter Petram einen überraschenden Rückzieher.

"Wir sind enttäuscht und geschockt", sagt Lloyd-Betriebsratschef Daniel Müller. Nun sei der Ausgang der Auseinandersetzung um Löhne, Jobgarantien und Auslagerung in eine neue Betriebsgesellschaft wieder völlig offen. Mit einem gravierenden Unterschied: "Bei den neuen Planungen sollen wir nicht mehr beteiligt werden." Müller kündigt umgehend Widerstand an. Sollte es keine weiteren Gespräche mehr geben, die der Betriebsrat angeboten habe, "behalten wir uns eine härtere Gangart vor". Im Klartext: Streik. Aber auch Petram droht mit Konsequenzen, sollte die Belegschaft nicht einlenken.

Wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage sollen die Mitarbeiter in eine neue Betriebsgesellschaft wechseln, die von der Besitzgesellschaft getrennt wäre. So will das Werftmanagement Kosten sparen und Investoren aus der Offshore-Branche und dem Jachtbau den Einstieg ins Unternehmen erleichtern. Das sieht ein bereits kurz vor Weihnachten vorgestelltes Unternehmenskonzept vor. "Wir müssen handeln, wenn wir das Unternehmen und die Arbeitsplätze sichern wollen", hatte Geschäftsführer Carsten J. Haake schon damals erklärt.

Als Dieter Petram die Mehrheit an der Lloyd Werft vor mehr als einem Jahr gerade übernommen hatte, plante er noch die Anschaffung eines neuen Großdocks bis 2014 – mindestens 340 Meter lang und 57 Meter breit. Kosten: rund 60 Millionen Euro. Notfalls, so erklärte er damals, könnte er dem Land auch die 20 Millionen Euro für die nötige Sanierung der sogenannten Bananenpier vorfinanzieren. Doch anders als erwartet hat sich die wirtschaftliche Lage nicht gebessert, die ehrgeizigen Plänen sind vorerst ad acta gelegt.

Das klassische Reparatur- und Umbaugeschäft, seit 155 Jahren betrieben, wirft nicht mehr genug Geld ab, um die Belegschaft und das riesige Betriebsgelände (260000 Quadratmeter) zu finanzieren. Mit Ausbruch der Schifffahrtskrise waren viele Großaufträge wie der spektakuläre Umbau von Kreuzfahrtschiffen und Fähren ausgeblieben, die der Werft in früheren Zeiten viel Renommee einbrachten und die Kassen füllten. Stattdessen geben die Reeder derzeit nur das Nötigste für die Wartung ihrer Schiffe aus, der Umsatz ist stark gesunken – bei unverändert hohen Fixkosten. Nach Informationen dieser Zeitung hat die Werft allein im vergangenen Jahr drei Millionen Euro Verlust geschrieben. Deshalb will Petram, seit gut einem Jahr Mehrheitsgesellschafter der Werft, nicht nur die zwei neuen Geschäftsfelder entwickeln, sondern auch rigide sparen.

Die Belegschaft ist dazu auch bereit. "Wir leisten seit 1996 unseren Beitrag und hätten dies auch dieses Mal getan", sagt Betriebsratschef Müller. Zusätzlich zu den 35 tariflichen Wochenarbeitsstunden hätten die Mitarbeiter weitere fünf unbezahlte Stunden obendrauf gepackt. Gegen den Wechsel in eine Betriebsgesellschaft hatten sich allerdings 70 Prozent der Belegschaft ausgesprochen. Daraufhin wurden Anfang Mai die Verhandlungen abgebrochen und Grantz trat auf den Plan.

Wäre sein Kompromisspapier angenommen worden, wären betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2013 ausgeschlossen gewesen, die von der IG Metall ausgehandelte Tariferhöhung um 4,3 Prozent wäre ausgezahlt und die Belegschaft mit zehn Prozent an möglichen Unternehmensgewinnen beteiligt worden. Bei einem unvermeidlichen Stellenabbau sollten fünf Monatsgehälter als Abfindung gezahlt werden. Im Gegenzug hätten die Mitarbeiter Mehrarbeit geleistet.

Doch das reicht Petram offenbar nicht aus. "Er fordert von uns Lohneinbußen und den Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld", berichtet Müller. Außerdem, so die Befürchtung, könnten einzelne Bereiche der drei Bremerhavener Werften zusammengelegt werden. Petram ist nicht nur Hauptgesellschafter bei der Lloyd Werft einschließlich Rickmers Lloyd, sondern auch Eigentümer der Motorenwerke Bremerhaven (MWB) und maßgeblich an den Bremerhavener Dockbetrieben (Bredo) beteiligt. Das neue Konzept für den gesamten Verbund will Petram Ende September dem Aufsichtsrat präsentieren.

Er hatte bereits vor Jahresfrist angedeutet, wie er sich das vorstellt. Künftig müsse nicht mehr jede Werft alle denkbaren Arbeiten selbst erledigen. Die Rohrbauabteilung der Lloyd Werft oder die Motorenexperten von MWB könnten als Dienstleister für die anderen Firmen im Verbund oder für Fremd-Auftraggeber tätig werden. Ziel: Dank der gehobenen Synergieeffekte soll die auf den Werften geleistete Arbeit für den Kunden günstiger werden. Damals hatte Petram aber auch noch davon gesprochen, dass dies nicht zulasten der Belegschaft gehen soll.

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