Starttermin der Ariane 6 ist erneut in Gefahr

Europas Spätzünder

Erneut könnte der Erstflug der Ariane 6 verschoben werden. Ohnehin schon angeschlagene Zulieferer bringt das nur noch mehr in Bedrängnis. Jetzt ist die Esa gefragt.
28.10.2020, 11:17
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Europas Spätzünder
Von Stefan Lakeband

Europas neue Trägerrakete steckt in der Krise. Die Ariane 6, deren Oberstufe in Bremen gebaut wird, kommt deutlich später als geplant. Das bringt vor allem die Zulieferer in Bedrängnis. Beim Treffen des Rates der europäischen Raumfahrtagentur Esa an diesem Mittwoch und Donnerstag geht es daher auch um die Zukunft der Ariane 6.

Als die Mitglieder des Esa-Ministerrates 2014 den Bau der Rakete beschlossen, war klar: Sie soll günstiger sein als die Vorgängerin Ariane 5. Deutlich günstiger sogar, von 40 bis 50 Prozent war die Rede. Aktuell spricht aber viel dagegen, dass Starts der Ariane 6 so viel günstiger sein werden. Zumal noch nicht einmal klar ist, wann die Rakete zum ersten Mal abheben wird. Eigentlich war der Jungfernflug für Ende dieses Jahres geplant, dann wurde er im Sommer in die zweite Jahreshälfte 2021 verschoben. Jetzt ist als Startterm das zweite Halbjahr 2022 im Gespräch. So berichtet es die französische Zeitung „Le Figaro“ unter Berufung auf die Fachzeitschrift „Aerospatium“. Der Esa-Rat soll diese Entscheidung dem Vernehmen nach am Donnerstag bekannt geben.

Corona-Pandemie verzögert Erstflug

Vor allem die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass sich der Erstflug immer weiter verzögert. Während an den europäischen Standorten weitergearbeitet wurde – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – standen am Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana lange Zeit die Maschinen still. Der Startplatz für die Ariane-6-Rakete ist daher noch nicht fertig.

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"Die Covid-19-Pandemie hat den Fortschritt der Aktivitäten zur Entwicklung der Ariane 6 ernsthaft beeinträchtigt“, heißt es in einem internen Esa-Papier, aus dem die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert. Die Kosten dürften dadurch enorm steigen. Laut Papier laufen allein beim Raketenbauer Ariane Group Mehrkosten von 200 Millionen Euro auf. Auf Nachfrage des WESER-KURIER wollte sich das Unternehmen nicht dazu äußern.

Finanzielle Folgen spürt aber nicht nur die Ariane Group als Hauptauftragnehmer. Auch viele Zulieferer leiden unter der Verspätung. Nach den Berechnungen der Esa kommen auf Subunternehmer mehr als 100 Millionen Euro zusätzliche Kosten zu. Betroffen davon ist auch MT Aerospace, eine Tochterfirma des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB. Ihr Chef Hans Steininger hatte schon im August davor gewarnt, dass sein Unternehmen in „massive wirtschaftliche Schwierigkeiten“ kommen könnte; mehr als 100 Stellen am Hauptsitz in Augsburg könnten wegfallen, einige auch am Bremer Standort. Verbessert hat sich die Situation in den vergangenen zwei Monaten nicht, wie Steininger jetzt nochmal in der „Süddeutschen Zeitung“ betonte: Ohne Kurzarbeit "wären wir existenziell bedroht oder hätten heute ein massives Personalabbauprogramm mit betriebsbedingten Kündigungen“.

Kosten für Subunternehmer entstehen

Denn auch wenn der Start immer weiter in die Zukunft rücke, würden schon jetzt Kosten für die Subunternehmer entstehen. Hinzu kommt, dass die Zahl der geplanten jährlichen Starts nun viel geringer sei als ursprünglich geplant. Das bringe Steiningers Berechnungen durcheinander. "Unsere Kalkulation geht von elf Starts pro Jahr aus – auch bei den Verhandlungen mit unseren Zulieferern“, sagte er. Von dieser Menge sei nun vorerst aber nicht die Rede. Welche Konsequenzen das haben wird, sagte er bereits vor zwei Monaten dem WESER-KURIER: „Mit vier Raketen im Jahr können wir aber nicht überleben.“

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Es geht also um die Existenz – nicht nur bei MT Aerospace, sondern in vielen Betrieben der Branche. Am Mittwoch und Donnerstag soll es beim Esa-Treffen daher auch darum gehen, wie ein Exitus der Raumfahrt-Zulieferer vermieden werden kann. Steininger hofft, dass die Esa-Staaten einen Teil der Kosten übernehmen.

Sollte keine Lösung gefunden werden, warnte er in der „Süddeutschen Zeitung“ schon vor langfristigen Folgen. Die Weiterentwicklung der Ariane 6 sei in Gefahr, wichtiges Know-how würde verloren gehen. Dass das im Interesse der Esa-Staaten ist, darf bezweifelt werden. Schließlich sind sie davon überzeugt, dass Europa auch in Zukunft einen unabhängigen Zugang zum All braucht. Ohne eine konkurrenzfähige Raumfahrtindustrie dürfte das aber schwer werden.

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Zur Sache

Sauerstoff aus Mondstaub

Mit einer neuen Anlage will Airbus für die Raumfahrt Sauerstoff aus Mondstaub gewinnen. Erste Versuche im Labor seien schon geglückt, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Regolith – wie Mondstaub in der Fachwelt genannt wird – bestehe etwa zur Hälfte aus Sauerstoff, erklärt Airbus-Projektleiter Achim Seidel. In dem feinen Sand sei die lebenswichtige Ressource chemisch an Metalle gebunden und könne durch ein Verfahren mit geschmolzenem Salz und Strom getrennt werden.

Auch der europäischen Raumfahrtagentur Esa ist es bereits gelungen, Sauerstoff aus Mondstaub zu extrahieren. Das Ziel von Airbus wie auch der Esa ist es, möglichen Mondkolonisten Luft zum Atmen zu verschaffen – ohne extra Ressourcen von der Erde zu dem Trabanten fliegen zu müssen. Dies wäre viel zu teuer und damit uninteressant, sagte Seidel. Die Airbus-Anlage namens „Roxy“ komme völlig ohne Hilfsstoffe aus. Der Sauerstoff falle in reiner Form an und müsse nicht weiter aufbereitet werden.

Mondstaub könne auch für die Herstellung von Raketentreibstoff genutzt werden: Bei der Sauerstoff-Gewinnung falle auch brennbarer Metallstaub an. Seit zwei Jahren arbeitet Airbus Defence and Space mit Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung Dresden und internationalen Einrichtungen an dem Projekt. Mitte der 2020er-Jahre soll ein kleinerer Prototyp der Anlage auf den Mond geschickt werden, um unter Realbedingungen – bei Hitze, Kälte und Weltraumstrahlung – Sauerstoff zu produzieren.

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