Tierfutter-Hersteller trotzt der Corona-Krise Vitakraft investiert in Leckerli-Produktion

Das Traditionsunternehmen Vitakraft, am Bremer Kreuz ansässig, leidet weniger unter der Pandemie als andere Firmen der Region. Die Nachfrage ist bislang gestiegen, die Produktion soll ausgeweitet werden.
11.06.2020, 05:00
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Vitakraft investiert in Leckerli-Produktion
Von Silke Hellwig

Kurzarbeit? Für die Mitarbeiter der Vitakraft Pet Care GmbH & Co. KG ist daran nicht zu denken. Der größte Teil der Verwaltung arbeitet im Homeoffice. Die Umstellung habe reibungslos geklappt, sagt Markus Baldus, Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing. "Innerhalb von 14 Tagen hat sich die Firma komplett digitalisiert." Rasch sei ein "Präventionsteam" gegründet worden, insbesondere um die Produktion sicherzustellen. "Bis dato sind wir gut durch die Krise gekommen", stellt Baldus fest.

Unter einer gedrosselten Nachfrage hat das Unternehmen, dessen Zentrale in Achim, an der Landesgrenze und weithin sichtbar an der A 1 nahe dem Bremer Kreuz ansässig ist, unter dem Virus nicht zu leiden, im Gegenteil: Seit Jahren wächst der Markt für Heimtierbedarf-Markt, sagt Kommunikationschef Dieter Meyer. Die Zahl der Haustiere steigt. Statistisch gesehen lebe in fast jedem zweiten Haushalt mindestens ein Haustier, teilten der Industrieverband Heimtierbedarf sowie der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschland vor einem Jahr als Fazit einer repräsentativen Studie mit.

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Die Zahl der Wellensittiche und Kanarienvögel sowie der Nagetiere sinke allmählich, sagt Baldus, die der Hunde und Katzen steige. „Wir stellen weiterhin für jedes Haustier Futter her, auch für Fische, wobei das inzwischen ein kleiner Markt ist. International gewachsen sind wir in den vergangenen Jahren vor allem mit Hunde- und Katzenartikeln“, so Baldus. „Das sind die Säulen unseres internationalen Wachstums“, ergänzt Meyer. Die beiden großen Konkurrenten auf diesem Markt sind Mars Petcare, dessen größte europäische Produktionsstätte in Verden angesiedelt ist, und Nestlé.

Detaillierte Umsatzzahlen nennt der Geschäftsführer nicht. „Wir sind in einem höheren sechsstelligen Bereich anzusiedeln.“ Das Unternehmen investiert in seine Zukunft: Gerade ist ein modernes Kommunikationszentrum entstanden, genannt „Pet-World“, zur Präsentation der Vitakraft-Produkte für internationale Handelspartner. Das Zentrum wird laut Meyer obendrein für interne Veranstaltungen genutzt.

Nebenan entsteht für mehr als 20 Millionen Euro ein vollautomatisiertes Hochregallager (wir berichteten). In der Fertigung stehen bis Mitte des nächsten Jahres Erweiterungs- und Modernisierungsinvestitionen in Millionenhöhe an. „Wir brauchen modernere, neuere Maschinen“, sagt Baldus, „um in der räumlich durch das Gebäude begrenzten Produktion mehr Volumen herstellen zu können“. Die Produktion der Hunde- und Katzensnacks in drei Schichten an sieben Tagen in der Woche reiche nicht mehr aus, um die Nachfrage zu decken. Denn Vitakraft ist nicht irgendwer im Heimtierfuttermarkt: Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Vogel- und Nagerfutter, im größten und am schnellsten wachsenden Hundefutter-Segment – den Snacks – deutscher Marktführer.

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Im Vitakraft-Online-Shop können 235 Artikel für Hunde, 156 für Katzen und 191 für Nager bestellt werden. Die Produkte reichen von „Beef Burgern“ und Hunde-Trockenfutter aus Huhn mit Rote Bete und Amaranth über „Superfood“ mit Goji-Beeren bis hin zu Leinen, Spielzeug und Katzenstreu. Insgesamt hat Vitakraft mehr als 1500 Artikel im Sortiment. Der „Beef Stick“ – in diversen Varianten – ist derzeit das erfolgreichste Produkt der Marke Vitakraft. „Davon verkaufen wir im Jahr etwa 80 bis 90 Millionen Stück“, sagt Meyer.

Sogenanntes Belohnungsfutter gewinnt mehr und mehr an Bedeutung, sagt Markus Baldus, „weil sich die Menschen mehr mit ihren Hunden beschäftigen“. Dieter Meyer ergänzt: „Das Tier wird als Familienmitglied gewertet.“ Das habe sich durch die Corona-Krise noch verstärkt. „Im März haben wir das sehr stark feststellen können“, sagt Baldus. Aber die Super-, Tierfutter- und Baumärkte hatten durchweg geöffnet.

Dennoch habe sich der Markt wegen des Lockdowns „sozusagen vollgesogen“, so Baldur. Aber nicht nur die Lager seien wegen der Corona-Krise aufgefüllt worden, auch der Verkauf an den Verbraucher habe zugenommen. Nicht nur Nudeln, Mehl, Konserven und Toilettenpapier seien gehamstert worden, sondern auch länger haltbares Tierfutter, „obwohl wir nicht als systemrelevant eingestuft sind“.

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Die Herausforderung sei jetzt, dass die Kunden die verbreitete Unlust überwänden, einkaufen zu gehen. „Wir müssen uns fragen, was die Menschen an neuen Produkten und Werbeaktionen dabei überhaupt wahrnehmen.“ Auch die Reaktion der Verbraucher auf den Konjunktureinbruch sei abzuwarten. „Das sind die Herausforderungen, denen sich alle Markenartikler stellen müssen.“

Der Tiernahrungsmarkt sei schnellem Wandel unterworfen, so Meyer und Baldur. Trends aus dem Lebensmittelmarkt für Menschen setzen sich dorthin fort, von getreide- und zuckerfreien bis hin zu Bio-Produkten, auch wenn das bislang ein Nischenmarkt sei. „Alle Trends, die man aus dem humanen Bereich kennt, adaptiert der Kunde auch für sein Haustier“, sagt Meyer. Wer auf gesunde und nachhaltige Produkte achte, lasse davon beim Hundefutterkauf meist nicht ab.

Entsprechend stark fragmentiert sei der Markt, „aber in erster Linie ist er noch preisgetrieben. Der Bereich, der durch Marken abgedeckt wird, durch Innovationen getrieben ist und kontinuierlich überproportional wächst, ist der Snackmarkt.“ Dort setzten sich mehr und mehr Produkte mit „Additiven“ durch, mit Inhaltsstoffen, die das Fell glänzen lassen, der Gesundheit der Zähne, der Krallen, des Bewegungs- oder Verdauungsapparates dienen.

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Grundsätzlich werden die Kunden laut Meyer anspruchsvoller. Sie achteten nicht nur auf artgerechte Ernährung, sondern schauten auch hinter die Kulissen, interessierten sich für das Umweltbewusstsein der Unternehmen und die Herkunft der Zutaten. „Wir stellen uns auch hier jeder kritischen Nachfrage“, betont Dieter Meyer. Die Produktlebenszyklen seien auch in der Tierfutterbranche deutlich kürzer geworden. Früher hätten sich Verbraucher auf einem deutlich überschaubareren Markt viele Jahre mit drei Sorten Hundefutter einer Marke zufriedengegeben, heute sei der Innovationsdruck hoch.

„Heute dauert der Zyklus drei, vier Jahre, in manchen Segmenten noch kürzer. Wie müssen schnell und flexibel sein.“ Das Konsumverhalten sei mehr denn je von Neugier geprägt, die Bindung an gewisse Produkte und Marken lasse nach. Der jüngste Trend seien „alternative Proteinquellen“, die sich in Snacks für Hunde aus Insekten niederschlagen. Vitakraft hat in diesem Jahr einen solchen „Insect Stick“ auf den Markt gebracht. Das Eiweiß wird aus Larven der Schwarzen Soldatenfliege gewonnen.

Vitakraft bewirbt sie als „absolut umweltfreundlich“ und „ohne Zusatz von Zucker, Farb- und Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern, Soja, Ei, Milch und Getreide (...) auch für sensible Hunde geeignet“. Optimistisch stimmt die Firmenleitung auch, dass sich die Verkehrsanbindung in absehbarer Zeit verbessern wird, durch das bremisch-niedersächsische Projekt der neuen Autobahnanschlussstelle an der A 27 mit einer Querung der A 1 in Höhe der Firma, das in etwa zwei Jahren begonnen werden soll. Die Firma ist Mitglied der Interessengemeinschaft Industrie- und Gewerbegebiet Bremer Kreuz.

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Die Vitakraft-Historie

Im Jahr 1837 beginnt die Unternehmenshistorie von Vitakraft. Ausgangspunkt für den Arbeitgeber von heute gut 1000 Mitarbeitern weltweit war eine Futtermittelhandlung in Heiligenrode bei Bremen. Heino Wührmann übernahm das Unternehmen 1929, seit 2013 ist es Teil der Deurer-Unternehmensgruppe. Die Firma exportiert in mehr als 50 Nationen und ist in 20 Staaten mit Vertriebs- und Produktionsgesellschaften ansässig. Nach eigenen Angaben belegt Vitakraft in der Rangliste der weltweit größten Marken im Heimtiermarkt den 8. Platz. Es stellt international rund 1,5 Millionen Produkte am Tag her. In Bremen und Niedersachsen arbeiten an fünf Standorten an die 600 Mitarbeiter, darunter knapp 20 Auszubildende; an der A1 liegt die Unternehmenszentrale. „Wir werden uns in der Zukunft immer stärker auf diesen Standort konzentrieren“, so Vitakraft-Kommunikationschef Meyer.

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