Bremer Tiernahrungshersteller

Vitakraft will sich weiter spezialisieren

Seit gut drei Jahren ist der Tiernahrungshersteller Vitakraft nicht mehr in Bremer Hand. Auch wenn sich seither vieles im Unternehmen verändert hat: Den Bremer Wurzeln will es treu bleiben.
07.10.2017, 20:02
Lesedauer: 4 Min
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Vitakraft will sich weiter spezialisieren
Von Maren Beneke
Vitakraft will sich weiter spezialisieren

Tierisch große Werbung. Hundehalter sind aber nur eine Zielgruppe des traditionsreichen Unternehmens Vitakraft.

Björn Hake

Auf die Frage, wo Vitakraft nun eigentlich zuhause ist, gibt es eine klare Antwort: „Natürlich in Bremen“, sagt Dieter Meyer. Eine Antwort, die zunächst einmal verwundert. Der Kommunikationschef des Tiernahrungsherstellers hat sein Büro nämlich auf niedersächsischem Boden. Genauso steht dort, unübersehbar für die vorbeifahrenden Autos auf der A 1, die große Fabrik. Doch Firmensitz von Vitakraft Pet Care ist die Mahndorfer Heerstraße, nur wenige Autominuten entfernt.

Es hat sich zuletzt viel getan bei dem Hersteller, der lange Zeit das meiste Geschäft mit Vogel- und Nagerfutter gemacht hat. Vor gut vier Jahren verkaufte die Wührmann-Familie, die das Unternehmen 1837 gründete, einen Großteil ihrer Anteile. Seitdem gehört Vitakraft als selbstständige Firma zur süddeutschen Deuerer-Gruppe, die vor allem auf Hunde- und Katzenfutter spezialisiert ist.

Vitakraft: Marktführer im Bereich Hundesnacks

Meyer spricht von einer Win-win-Situation. Denn unter dem Label Vitakraft haben durch den Zusammenschluss nun auch die Bereiche Hund und Katze stark gewonnen. „Wir haben das klare Ziel, international ­weiter zu wachsen“, sagt Meyer. Und das in einem Markt, der zumindest in Deutschland gesättigt zu sein scheint. Denn die Zahl der Haustiere stagniert. Hinzu kommt, dass gerade bei Hunden der Trend zu kleineren Tieren geht. Und kleinere Tiere wie ­Chihuahuas oder Möpse futtern natürlich weniger als groß gewachsene Hunde. Dementsprechend wird es für Tiernahrungs­hersteller schwerer, die Umsätze zu halten.

So konzentriert sich Vitakraft auf den Markt, der zuletzt die größten Umsatzzuwächse erzielt hat: das Snacking-Geschäft für Tiere. Meyer spricht von einem „klaren strategischen Signal“ seines Unternehmens. Das Wachstum, das Vitakraft anstrebe, sei nicht getrieben von Margen, sondern von Qualität. Tatsächlich hat es die Firma den eigenen Angaben zufolge zuletzt geschafft, den ganz großen Produzenten Nestlé und Mars Petcare Konkurrenz zu machen und entsprechend Marktanteile abzuluchsen: Denn seit dem vergangenen Jahr sind die Bremer laut Meyer Marktführer im Bereich Hundesnacks.

Wührmann schuf die Grundlagen für Tierfutter-Industrie

„Wir stehen nun auf vielen Beinen“, sagt Meyer. Gut 2000 Artikel verkauft Vitakraft, jährlich kommen etwa 200 neue Produkte dazu, während andere wieder verschwinden. Seit dem Zusammenschluss wurden neue Rezepturen und Verpackungen entwickelt. Außerdem spezialisiert sich das Unternehmen weiter, zum Beispiel auf Nahrung für ältere Tiere. Eine Entwicklung, von der auch die fünf Produktionsstandorte in Bremen und umzu profitieren. Denn hier werden etwa Hundesnacks, Cracker und Spezialverpackungen hergestellt. Mit gut 550 Mitarbeitern kommt nach wie vor ein Großteil der 1200 Angestellten an den weltweit 22 Standorten aus der Region.

Und auch ohne die Familie Wührmann besinnt man sich dort, direkt an der Autobahn, auf die Bremer Tradition. Auf vielen Verpackungen sind die Bremer Stadtmusikanten abgebildet. Und wer an der Mahndorfer Heerstraße entlang fährt, kommt an der früheren Zentrale vorbei, an der nach wie vor die alte Werbung angebracht ist: „Futtermittel Vitakraft H. Wührmann“ steht dort.

Heinrich Wührmann war es, der das kleine Unternehmen zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst in Heiligenrode in der Gemeinde Stuhr aufbaute. Unter Heino Wührmann, der Vitakraft 1929 übernahm, gelangte die Firma zu neuer Größe: Nach Unternehmensangaben schuf dieser erstmals die Grundlagen für eine industriell geprägte Produktion von Heimtiernahrung. Dabei setzte er zum einen auf verschiedene Arten der Werbung, was für die damalige Zeit überraschend war. Zum anderen verbesserte er die Qualitätsstandards. Außerdem begann Wührmann neben dem deutschen Markt auch die ersten Auslandsmärkte zu erschließen.

Drei Geschäftsführer statt ein Patriarch

Mit dem 100-jährigen Bestehen zog die Firma in die Hansestadt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die neue Betriebsstätte allerdings zerstört. Für den Neustart entschied Wührmann, die Innenstadt zu verlassen und nach Mahndorf umzuziehen. Denn dort gab es mehr freie Flächen, die Vitakraft für die Produktion benötigte. Als diese dann Mitte der 1980er-Jahre – mittlerweile mit Heiko Wührmann in den Händen der fünften Generation – erneut zu klein wurden, ging es in die neue Zentrale nach Achim. Wührmann habe sich damals sehr bemüht, geeignete Flächen innerhalb der Bremer Stadtgrenzen zu finden, sagt Meyer. Aber die Genehmigungen hätten zu lange gebraucht und aus dem Landkreis Verden habe es eben sofort ein Angebot gegeben.

Seit Deuerer und eine private Finanzbeteiligungsgesellschaft Vitakraft übernommen haben, ist das Unternehmen nicht mehr in Familienhand. Bemerkbar mache sich das etwa in der Führungsstruktur: Statt eines Patriarchen an der Spitze, so Meyer, verteile sich die Verantwortung nun auf mehrere Schultern. Mit Dirk Strelow, Heinz Gardewin und Hans-Ulrich Grimm stehen Vitakraft zwar drei Geschäftsführer vor, aber „jeder kann heute bei uns ein Unternehmer im Unternehmen sein“, sagt der Bereichsleiter. „Die Entwicklungsmöglichkeiten sind größer.“ Konkret meint Meyer damit, dass die Hierarchien flacher geworden sind und sich jeder einzelne Mitarbeiter mehr als früher ins Unternehmen einbringen kann. Unterm Strich werde dadurch nicht nur transparenter gearbeitet, sondern auch effizienter.

700 Millionen Euro Gesamt-Umsatz

Einen groß angelegten Stellenabbau, der oft auf Firmenübernahmen folgt, hat es bei Vitakraft in den vergangenen Jahren nicht gegeben. „Der neue Inhaber kümmert sich weiter um sein Geschäft und wir uns um unseres“, sagt Meyer. Die gesamte Gruppe peilt für 2017 einen Umsatz von 700 Millionen Euro an. „Damit spielen wir nun mit den Größeren in einer Liga“, sagt Meyer. Wie hoch der Vitakraft-Anteil am Gesamtumsatz ist, weist das Unternehmen nicht aus.

Am Ende der Entwicklung ist Vitakraft damit aber noch lange nicht. „Es wird noch etwas dauern, bis die neue Unternehmens- und Führungskultur überall angekommen ist“, sagt Meyer. Derzeit werden an vielen Standorten Seminare für die Mitarbeiter veranstaltet, damit sich die Firma strategisch weiterentwickeln kann – die Firma, die sich trotz des Inhaberwechsels und trotz aller Internationalität, als Bremer Unternehmen versteht. Daran soll sich auch in nächster Zeit nichts verändern. Und so werden die Stadtmusikanten weiterhin die Vitakraft-Verpackungen zieren.

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