Ein Gespräch über das Händeschütteln

„Die Aufmerksamkeit ist wichtig“

Eduard Dubbers-Albrecht, geschäftsführender Gesellschafter von Ipsen Logistics und Vizepräses der Handelskammer Bremen, erklärt im Interview, worauf es bei Begrüßungen ankommt.
20.06.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Die Aufmerksamkeit ist wichtig“
Von Lisa Boekhoff
Herr Dubbers-Albrecht, zur Begrüßung hätten wir uns eigentlich die Hand gegeben.

Dubbers-Albrecht: Natürlich!

Wie sehr fehlt Ihnen das – überhaupt Begegnungen im Geschäftsalltag?

Die wirklich persönlichen Kontakte sind momentan weg. Und das ist ausgesprochen schade.

Haben Sie eine gute Alternative zum Händeschütteln gefunden?

Ja, nämlich das, was die Fußballer machen: den Ellenbogengruß. Die Mitarbeiter bei uns im Verpackungsbetrieb berühren sich mit den Füßen und finden das eigentlich auch ganz lustig.

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Warum braucht es überhaupt eine Alternative?

Es geht darum, sich auf den anderen zu konzentrieren. Wenn Sie in Asien eine Visitenkarte übergeben, überreichen Sie sie mit beiden Händen. Was ist der Effekt? In dem Moment gucken Sie die andere Person an. Werfen Sie die Karte einfach hin, schauen Sie schon weiter, was massiv unhöflich ist. Was noch eine sehr schöne Alternative wäre, ist die japanische Art der Begrüßung: aufrecht stehen, sich verbeugen und den anderen angucken. Das geht mit den Hygieneregeln sehr gut. Man hält einen Moment inne.

Darum geht es? Um den Moment?

Ich finde das ganz wichtig. Nur so ein ‚Hallo‘? Natürlich macht man das, aber es ist oft ein Zeichen der Gleichgültigkeit.

In der Wirtschaft hat der Handschlag eine eigene Bedeutung – zumal unter Hanseaten. Warum sagt er mehr als weitere Worte?

Der Handschlag kommt ja nach dem Gespräch, wenn man sich über etwas einig ist. Was macht man genau? Man hat eine persönliche Berührung und fokussiert den anderen. Und man sagt damit, ohne es auszusprechen: ‚Ich stehe zu meinem Wort, du stehst zu deinem Wort. Eigentlich brauchen wir gar keinen Vertrag mehr.‘ Das bedeutet der Handschlag.

Und haben Sie damit schon Geschäft abgeschlossen?

Oft ist das so. Der Handschlag ist überaus wertvoll. Ich erinnere eine große Transaktion. Da waren wir uns einig, konnten noch keinen Vertrag machen, aber einen Handschlag drauf. Alles, was danach kam, war nur noch Begleitmusik.

Der Handschlag ist also ein Versprechen.

Ja, so sehe ich das. Der Handschlag besiegelt: ‚Wir machen das.‘ Natürlich gibt es noch Details abzuarbeiten und Verträge aufzusetzen, doch der Geist stimmt bereits.

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Sind Sie von einem Handschlag schon enttäuscht worden? Also hat jemand das Versprechen gebrochen?

Natürlich. Das Geschäft kam gar nicht zustande, oder es gab massive Schwierigkeiten, sich zu einigen. Das Wort zählte in der Umsetzung nicht mehr.

Unter Viehhändlern ist es sogar bekannt, mit den Händen zu feilschen. Kommt das in Ihrem Alltag auch vor?

Um Preise ringen? Das passiert viel. Und manchmal ist das beinahe wie auf dem Basar. Dabei wird aber nicht mit den Händen verhandelt. Es ist jedoch unser täglich Brot, dass Angebote hin- und hergehen. Ganz brutal sind da Reverse Auctions. Der Begriff sagt schon alles: In einer Auktion geht der Preis normalerweise hoch, hier ist es genau umgekehrt. Die Auktion läuft zudem komplett elektronisch und hat nichts mehr mit Handschlag zu tun. Sie bieten einen Preis und der Computer teilt Ihnen Ihre Position mit. Die letzten Minuten entscheiden, wer das Geschäft bekommt. Das ist Nervensache.

Videokonferenzen sind eine harte Konkurrenz für das direkte Gespräch.

Es stellt sich wirklich die Frage: Wird dieses Medium den persönlichen Kontakt komplett ersetzen? Die jüngere Generation legt – so meine ich – gar nicht mehr einen besonderen Wert auf persönliche Kontakte im Geschäftsleben, vieles wird gerne elektronisch erledigt. Deswegen sind Plattformen wie Amazon so erfolgreich. In unserem Geschäft werden Preise vielfach auch über Plattformen abgefragt, gebucht und gekauft. Es ist interessant: Als Corona kam, durften wir unsere Außendienstler nicht mehr rausschicken, und die Kunden wollten auch keinen Verkäufer mehr treffen. Die Mitarbeiter haben also das Auto gegen das Telefon getauscht. Wie überlegen nun: Wie machen wir weiter? Wollen die Kunden uns überhaupt noch sehen?

Und was vermuten Sie?

Ich gehe davon aus, dass das Pendel stärker Richtung Telefon und Elektronik ausschlägt. Die Menschen hinterfragen jetzt: Wozu müssen wir uns treffen? In komplexeren Situationen ist es sinnvoll, um auch die Mimik des anderen besser wahrzunehmen. Es wird in Zukunft weiter Einladungen auf ein Bier oder ins Weserstadion geben. Doch der persönliche Kontakt im Geschäft könnte deutlich zurückgehen.

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Welche Begrüßung ist Ihnen von Ihren Reisen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Form der Begrüßung in Japan. Das ist eine Höflichkeitsgeste, und es wird sehr anerkannt, wenn man sie berücksichtigt. Überhaupt wird es respektiert, wenn man sich an die lokalen Gegebenheiten hält. Auch wenn man akzeptiert, dass man von einem stoppelbärtigem Araber oder Südamerikaner geküsst wird (lacht). Einige der Männer haben sich über mich amüsiert, weil ich erst überrascht war. Da muss man mitspielen.

Andere Länder, andere Sitten. Ist Ihnen mal ein Fauxpas passiert?

Das Händeschütteln ist eine westliche Sitte. Als ich damals als Delegationsleiter im Iran war, wurde uns gesagt: ‚Bitte keiner Frau die Hand schütteln! Vor allem nicht initiativ!‘ Ich habe mich aus Gewohnheit öfter dabei ertappt – noch in der Bewegung – und die Hand dann zurückgezogen. Einige Frauen haben gelächelt und gesagt: kein Problem. Andere Frauen waren aber auch erleichtert.

Gibt es abgesehen davon einen falschen Händedruck?

Wie überhaupt im Leben sollte man auf seine Mitmenschen Rücksicht nehmen. Der Händedruck soll nicht wehtun. Allerdings, das Wort sagt es schon, ist ein gewisser Druck auszuüben. Ich finde nichts schlimmer als Labber-
hände. Ganz furchtbar! Es schließt auf die Person und kann auch völlige Gleichgültigkeit bedeuten. Ich halte aber nichts davon, dem anderen die Hand zu zerquetschen, wie Donald Trump es bei Emmanuel Macron gemacht hat. Dieser Dauerdruck, um zu zeigen, was für ein toller Hecht man ist. Das macht man nicht.

Schon vor 50 Jahren war das Stimmungsbild der Bremer zum Händeschütteln gemischt, wie eine Umfrage von Radio Bremen damals zeigt. „Das überträgt Bakterien!“ und „unhygienisch“ hieß es, aber auch „freundliche Geste“. Und heute?

Es wird viele Menschen geben, die das unhygienisch finden. Jetzt mal weg vom Schrecken von Corona: Es ist natürlich unabhängig von der Pandemie sinnvoll, sich die Hände zu waschen, wenn man viele Hände geschüttelt hat. Ich respektiere es, wenn Leute es nicht mögen, aber es ist eben auch eine Form der höflichen Begrüßung. In der Handelskammer ist es bei Empfängen zu Anfang üblich. Die Präses und der Hauptgeschäftsführer begrüßen immer jeden mit Händedruck.

Als passionierter Händeschüttler: Ist es Ihnen aus Reflex anfangs passiert, dass Sie die Hand reichten?

Laufend. Absolut.

Denken Sie denn, dass es langfristig in Verruf gerät, sich die Hand zu geben?

Das wird so sein. Corona wird Effekte haben. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, und so wird es vielen gehen. Es ist selbstverständlicher, aufs Händeschütteln zu verzichten. Nach dieser Geschichte wird sich deshalb keiner abgewiesen fühlen.

Ist das für Sie bedauerlich?

Darauf muss ich mit einem Jein antworten. Einerseits ist es das. Andererseits gibt es neue Möglichkeiten. Wenn ich mir vorstelle, dass wir gleich auseinandergehen und uns mit dem Ellenbogen verabschieden – das ist doch lustig! Wir lachen beide und haben damit alles erreicht. Ich gebe zu: Das Küsschen links und rechts unter Freunden, das bedauere ich, wenn es wegfällt. Aber so ist es nun mal. Es hängt alles davon ab, wie wir miteinander umgehen. Das ist der Punkt: Die Aufmerksamkeit ist wichtig.

Der fehlende Handschlag ist eine Kleinigkeit angesichts der Krise. Die Wirtschaft steckt im Ausnahmezustand. Wie geht es der Logistikbranche?

Die weltweiten Warenströme haben massiv gelitten. Wir sind im Überseegeschäft tätig. Da ist schlicht und ergreifend das Volumen weniger geworden. Und um den Kuchen streiten sich die selben Spieler wie vorher. Kunden haben statt fünf Containern im Monat vielleicht noch einen. Die Branche verzeichnet enorme Einbußen. Was an dieser Krise so kritisch ist, ist, dass fast alle betroffen sind, vom Automobilhersteller bis zum Gastwirt. Und keiner kennt das Ende. Allein wenn ich an die Künstler denke... keine Konzerte! Der Stillstand durch die Finanzkrise war schnell zu überwinden. Das sehe ich heute nicht.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Eduard Dubbers-Albrecht ist geschäftsführender Gesellschafter von Ipsen Logistics und Vizepräses der Handelskammer Bremen. In Dallas geboren, hat er später in Los Angeles und Hongkong gearbeitet.

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