Feel-Good-Manager

Vom Glücklichsein bei der Arbeit

Wie lässt sich das Glück an den Arbeitsplatz und ins Unternehmen bringen? Holger Götze ist Feel-Good-Manager bei der EWE und will seine Kollegen vor allem stärken und inspirieren.
12.11.2019, 04:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Boekhoff
Vom Glücklichsein bei der Arbeit

Wer sich in seinem Beruf wohlfühlt, der könne wesentlich produktiver und kreativer arbeiten, sagt der Bremer Wirtschaftsprofessor Sven Voelpel.

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Holger Götze ist voller Energie. Gerade hat er seinen Kollegen erzählt, was er eigentlich macht. Das ist nämlich nicht ganz selbstverständlich: Holger Götze ist der Feel-Good-Manager der EWE. Heute ist der „Agile Day“ des Konzerns und Zeit, seinen Ansatz erklären zu können. Im Kern ist das Ziel, den Kollegen Kraft zu schenken. Götze hat alles gegeben und ist aufgeladen: „Ich könnte die ganze Welt umarmen.“

Doch wie wurde Holger Götze zum Feel-Good-Manager? Der 41-Jährige arbeitete eigentlich im Datenteam, bevor in einem Fragebogen auffiel, dass er besonders empathisch ist. „Der muss zu den Menschen“, hieß es dann beim Oldenburger Energie- und Telekommunikationsversorger. Götze bekam Zeit, um zu recherchieren: „Es begann eine Reise für mich.“

Er traf auf Bodo Janssen, den Chef der Hotelkette Upstalsboom, der seinen Führungsstil komplett umstellte, um ein besserer Chef zu sein. Am Ende seiner Reise, die vor zwei Jahren begann, sollte Götze erklären, warum die EWE einen Feel-Good-Manager braucht. Heute arbeitet Götze auch außerhalb der EWE zur Sache und hält Vorträge. Zunächst ging es für ihn darum, sich um Problem im Kundenservice zu kümmern. Dort gab es Unruhe. Mittlerweile ist das Feel-Good-Management (FGM) bei der Neuaufstellung der EWE ein Element.

EWE wird nicht Google

Die EWE richte sich noch stärker am Markt aus, wolle noch näher an den Kunden ran, sagt Personalvorständin Marion Rövekamp. Auf die Veränderungen, die das mit sich bringe, reagierten Mitarbeiter mit Freude und mit Furcht. „Da ist der Mensch eben unterschiedlich unterwegs.“ Die Führungskraft könne viel bewirken, indem sie beruhige und aufzeige, wohin die Reise geht. „Und trotzdem bleibt ja oft eine grundemotionale Sorge: Was wird aus mir?“ Hier könne Holger Götze unterstützen, um den Kollegen zu zeigen, welche Chancen es für sie gibt. Am Ende sei entscheidend, eine Führungskultur zu haben, in der die Mitarbeiter dazu befähigt werden, ihre Potenziale zu entfalten.

Götze betont, dass er nicht die Führungskräfte ersetze wolle, sondern alle Mitarbeiter stärken, sich zu entwickeln. Zwang ist dabei für ihn der falsche Weg: „Menschen ändern sich, wenn sie sich ändern wollen. Wir müssen von der Pflicht weg. Das ist Irrsinn.“ Für seine Arbeit gebe es dabei keine Schablone, die nur übergeworfen werden müsse. Denn immer sei die Geschichte des Unternehmens wichtig: Aus der EWE lasse sich nicht Google machen. Vorständin Rövekamp sieht es als Vorteil, dass mit Götze jemand direkt von der EWE kommt, der die Historie kennt und weiß, wovon die Kollegen sprechen: „Ich unterstütze und schätze das sehr.“ Das sei ein Unterschied zu einem Berater oder Coach, der ins Unternehmen neu einsteige.

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Holger Götze geht nun an Büros vorbei, und manche Kollegen stehen auf und fangen an zu tanzen – passend zu „I feel good“. Für ihn ist nicht wichtig, wie sein Titel genau heiße, es gehe darum, Menschen zu inspirieren. Schließlich werde der Druck in Unternehmen nicht abnehmen. Aber Verwunderung, was er eigentlich macht, die erlebt er häufiger: Einen Kicker aufstellen? Schokolade verteilen? Partys organisieren? „Ich habe nichts gegen Grillfeste einzuwenden, aber das ist nicht der Kern.“ Natürlich lasse sich die Wirkung nicht in Zahlen ausdrücken wie in einer Kosten- und Leistungsrechnung, sagt der Betriebswirt. Doch die Kollegen hätten Vertrauen, nähmen das Angebot an. Von einigen habe er gehört, dass sie wieder mehr Mut haben, zur Arbeit zu gehen. „Ich glaube, dass dieses Ding funktioniert.“

Schon immer habe er sich für Menschen und ihre Geschichte interessiert. Als er klein war, litt seine Mutter unter Depressionen. Ihn habe die Frage beschäftigt, was man tun muss, damit Menschen gesund sind. Im Mai 2020 will Götze offiziell Coach sein. Dafür besucht er das Institut für Wertekultur in der Wirtschaft in Bremen. Das leite Ingrid Kadisch, die in Europa die erste Weiterbildung zum Feel-Good-Manager angeboten hat und schließlich sogar den Berufsverband der Feel-Good-Manager gründete, wie sie erzählt. „Ich habe mich sehr früh mit dem Thema beschäftigt“, sagt Kadisch. Nur stört sie, dass aus der Sache oft eine „Bespaßungsgeschichte“ gemacht werde. Dabei gehe es vor allem um eine Wertekultur. „Das ist nichts, wo ich einen Obstkorb aufstelle.“

Feel-Good-Manager für mehr Motivation

Die EWE ist nicht allein. Unternehmen stellen heute „Wellbeing Manager“ ein oder ernennen „Chief Happiness Officer“. Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Sven Voelpel von der Jacobs University, der sich viel mit positiver Psychologie beschäftigt hat, begrüßt das: „Das ist sehr sinnvoll.“ Große Unternehmen hätten mittlerweile einen Feel-Good-Manager. Der motiviere die Mitarbeiter und sorge dafür, dass es ihnen besser gehe. „Alle können dann produktiver und kreativer arbeiten und engagieren sich mehr.“ Und Innovation sei das, was Unternehmen heute benötigten.

Das Start-up von Sven Voelpel, Sharemac, hat ebenfalls einen Feel-Good-Manager. Allerdings mit besonderer Ausrichtung auf gute Laune: Hund Lotte hat im Team diesen Titel. „Der einzige Hund auf dem Campus“, sagt Voelpel. Jeder Investor, Kooperationspartner und Mitarbeiter freue sich über Lotte: „Das macht sofort super Stimmung.“ Voelpel selbst hat eine Technik, um gut in den Tag zu starten: Wenn er aufwache, sei er dankbar, für das, was er habe: ob das Dach über dem Kopf oder die Gesundheit. Wer sich in diesen positiven Zustand versetze, der sei viel kreativer, dessen Gehirn arbeite besser: „Das sind wirklich Welten.“ Die Feel-Good-Manager setzten genau an dieser Stelle an.

Was ist für dich bedeutsam?

Für seine Kollegen ist Holger Götze oft auch Ansprechpartner. Der häufigste Satz, den er höre, sei die Frage: „Kann ich dir mal was im Vertrauen erzählen?“ Die Wirkung von FGM reicht für ihn über die Arbeit hinaus. Schließlich gehe es um die Haltung der Kollegen zum Leben insgesamt. In seinem Vortrag wird das deutlich. Götze erzählt viel von sich, von seiner Familie, seinem Weg, von Dankbarkeit, Wertschätzung, Glück und Gefühlen. Wissen zu vermitteln sei nicht das Ziel, sondern Bilder und Emotionen. Das funktioniere nur, wenn man sich öffne.

Seine Kollegen müssen das an diesem Tag auch tun: In Runden sollen sie sich erzählen, was für sie im Leben bedeutsam ist. Drei Minuten. Wie immer wieder in diesem Vortrag wird es ernst. Götze kann sehr nachdenklich sein und im nächsten Moment einen flapsigen Scherz bringen. Gute Laune zu verbreiten, ist seine Sache. Schon immer habe er gerne Menschen zum Lachen gebracht und hatte ein Vorbild: „Ich fand es genial, wie mein Vater Witze erzählt hat.“ Vielleicht ist er auch deshalb in dieser neuen Rolle glücklich.

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