Das i³-Life-Sciences-Cluster Nordwest Von der Forschung zur App

Die Bremer Beratungsfirma Uzuner Consulting entwickelt die Software zum Produkt aus dem Labor.
22.01.2018, 06:00
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Von der Forschung zur App
Von Silke Hellwig

Ein Consulting-Unternehmen zwischen lauter Firmen von Biochemie- und Molekulargenetik-Experten, das wirkt, als hätte sich ein Dreieck zwischen lauter Kreise verirrt. Nicht im Fall des i³-Life-Science-Clusters Nordwest: Das Dreieck Uzuner Consulting GmbH füllt im Projekt „m-Health“ genau die Lücke, die die anderen Unternehmen notgedrungen lassen mussten. Denn die GmbH mit Sitz nahe der Bremer Uni hat in dem Gemeinschaftsprojekt die Aufgabe, ein Produkt der naturwissenschaftlichen Forschung in eine praktische IT-Lösung umzusetzen.

Das Produkt, das die Forscher der anderen beteiligten Firmen (Biamol, Silberpharma, Q-Bioanalytics) sozusagen in die Hände der Fachleute der Consultingfirma legen, wird ein sogenanntes Lab-on-a-chip sein. Darunter zu verstehen ist eine Art Minilabor (wir berichteten), das mit einem komplexen analytischen Verfahren, aber auf simple Weise für die Nutzer DNA-Veränderungen anzeigen kann. Eine Speichelprobe wird mit unterschiedlichen Lösungen behandelt, durch Streifen, ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest, lassen sich die Ergebnisse ablesen.

Im konkreten Projekt geht es um den Nachweis von multiresistenten Keimen und von Laktoseunverträglichkeit. Die Aufgabe der IT-Spezialisten ist es, eine Software in Form einer Smartphone-App zu entwickeln ist, die die Streifen auslesen und gewissermaßen übersetzen kann, in eine Sprache, auf die sich beispielsweise medizinisches Fachpersonal versteht. In dem Testkit für medizinische Fachkreise soll neben dem „Lab-on-a-chip“ ein QR-Code enthalten, über den die entsprechende App heruntergeladen werden kann.

Die Uzuner-Gruppe existiert seit vier Jahren, ist vor allem in Norddeutschland tätig, hat unlängst ein Büro in Hamburg eröffnet und besteht aus mehrere Gesellschaften: Consulting, Systems, Solutions mit Sitz in Bonn und Nuevo. Letzterer Zweig sitzt in Istanbul und entwickelt Software. Insgesamt sind 100 Personen beschäftigt. Die Consulting GmbH ist in das Projekt „m-Health“ eingebunden.

"Die Gründung habe sich bewährt"

„Wir verstehen uns als eine Kompetenzmanufaktur für Prozesse, Projektmanagement und Technologie, als eine Art Thinktank für alles, was mit Prozessen und IT zu hat“, sagt Bülent Uzuner, einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter. Die Spezialität des Beratungsunternehmens sei eine Art ganzheitlicher Ansatz samt entsprechender Leistungen aus einer Hand.

Wenn ein Kunde eine App entwickelt haben wolle, gäben sich die Berater mit diesem Auftrag nicht zufrieden. „Eine App ist nur ein Werkzeug. Wir wollen wissen, wofür das Werkzeug benutzt werden soll.“ Dieses Profil sei nicht branchenüblich. „Da sind wir unique“, so Uzuner.

In welchem Geschäftsfeld sich ihre Kunden betätigten, spiele für die Consultingfirma im Prinzip keine Rolle. Das Gesundheitswesen ist ein Feld, auf dem sich die Uzuner Consulting GmbH schon länger betätigt, beispielsweise im Auftrag der Geno, der Gesundheit Nord GmbH. Auch die Bremerhavener Zytovision GmbH ist nicht nur Cluster-Partner, sondern auch Kunde. „Unsere Tätigkeiten im Gesundheitswesen sind weit gefächert“, sagt Thomas Stehr, der unter anderem für dieses Kompetenzfeld verantwortlich ist. Allein bei der Geno habe die Uzuner Consulting GmbH über mehrere Jahre an die 50 Projekte begleitet.

Die Uzuner Consulting GmbH war Gründungsmitglied des i³-Life-Science-Clusters Nordwest. Warum? „Wir sehen in dem Kooperationsnetzwerk eine Chance für den Wirtschaftsstandort Bremen“, sagt Stephan Dieckmann, der bei Uzuner Consulting mit dem Projekt „m-Health“ betraut ist. „Die Gründung habe sich bewährt: Fördergelder des Bundes wurden für die Region akquiriert, dass das Cluster im vergangenen Jahr einer der “Ausgezeichneten Orte im Land der Ideen“ wurde, wird ebenfalls als großer Erfolg gewertet.

Das Umsetzung des „m-Health“-Projekts auf IT-Seite sei knifflig, sagt Dieckmann: Die Analyseergebnisse lägen schließlich nicht in digitaler Form vor. Die Streifen, die die Kamera eines handelsüblichen Smartphones auslesen können soll, seien auch nicht Schwarz oder Weiß – das wäre ein Klacks für Programmierer.

Sie würden vielmehr aus vielen Nuancen von Grau bestehen und mal heller und mal dunkler ausfallen, womöglich in sich verlaufen. "Die Rahmenbedingungen sind für Software-Entwickler also nicht optimal.“ Ausgewertet werden müsse auch, ob überhaupt menschliche DNA für den Test genutzt und ob er richtig angewendet worden sei. "Eine Falsch-Positiv-Kontrolle muss vorhanden sein." Auch das müsse die Kamera auslesen können.

Zudem müssten eine Reihe von Fragen beantwortet werden: Welche Daten werden gespeichert? Wie lange? Was sagen die Datenschutzbestimmungen? Wie kann man sich registrieren? Wie wieder abmelden? „Das alles zusammenzufassen, zu einer smarten Anwendung, das ist unsere Herausforderung“, so Dieckmann. In der Vergangenheit sei diesen Fragen intensiv nachgegangen worden, berichtet Dieckmann, mit der eigentlichen Programmierung beginne das Unternehmen jetzt. „Wir legen jetzt die Spezifikation der Streifen fest, die ausgelesen werden müssen.“

"Was wir angefangen haben, bringen wir auch zu Ende"

Ein Nebenprodukt der – anonymen – Datenauswertung, an der das "m-Health"-Team der Uzuner Consulting ebenfalls arbeitet, sei eine Art digitale Landkarten von derartigen Analyseergebnissen. "Der Hausarzt könnte damit sehen, ob seine Patienten in einem Gebiet leben, wo besonders oft bestimmte Krankheiten auftauchen." Melde sich ein Patient mit ähnlichen Symptomen, könne er gezielter untersucht, die Diagnose schneller gestellt, womöglich sogar Warnungen ausgegeben werden.

Denkbar sei auch, dass das „Lab-on-a-chip“ made in Bremen in einer Variante für den Hausgebrauch entwickelt werde. „Die App, die wir entwickeln, wird keine Diagnose stellen. Das dürfen wir nicht. Aber sie wird ein Ergebnis haben, und das kann der Hinweis sein: Gehen Sie zum Arzt", sagt Dieckmann.

„M-Health“ ist das erste Forschungsprojekt, an dem sich die Uzuner Consulting GmbH beteiligt. „Wenn wir vorher gewusst hätten, wie hoch die Hürden teilweise sind, was eine mögliche Förderung betrifft, hätten wir es vielleicht gelassen. Aber was wir angefangen haben, bringen wir auch zu Ende“, sagt Uzuner. Das Projekt mache überdies Spaß, auch seien die Lerneffekte auf allen Seiten groß. „Wir haben viele neue Ideen entwickelt, die wir weiterverfolgen werden.“

Auch wenn die Aufgabe knifflig sei, Stephan Dieckmann ist sich sicher, „dass wir das gelöst kriegen“. Das alleine reiche nicht, „das Kit muss insgesamt funktionieren“. Ein Scheitern sei nicht ausgeschlossen, an seinem Ziel sei das Projekt noch nicht. Eine Art Härtetest in der Realität stehe sozusagen noch aus. Aber die gemeinsame Entwicklung sei vielversprechend; eine ganze Reihe von Anwendungsmöglichkeiten sei die weitere Forschung wert, beispielsweise in Nationen mit schlechter ärztlicher Versorgung. In zwei Jahren soll das erste marktfähige Minilabor samt App-Anbindung auf dem Tisch liegen, auch bei der Uzuner Consulting GmbH.

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