Nobelpreis für Ökonomen in den USA

Von Mindestlohn bis Migration

Zusammenhänge im Wirtschaftsleben zu erklären ist besonders kompliziert. Aussagen sind oft nur eingeschränkt möglich. Drei Forscher bekommen für ihre Analysen nun den Nobelpreis.
11.10.2021, 19:20
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Von Lisa Schröder Jan Petermann Steffen Trumpf

Wie schön wäre es, wenn sich alle Ereignisse im Leben auf eindeutige Ursachen zurückführen ließen. Und wenn man umgekehrt zu jeder Ursache ein Ereignis genau vorhersagen könnte. Was im Alltag schon schwierig ist, lässt bei Forschern erst recht die Köpfe rauchen – vor allem, wenn es um ganze Volkswirtschaften geht. Die in den USA lehrenden Ökonomen David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens erhalten für ihre Arbeiten zur Verbesserung der nötigen Methoden den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag bekannt.

Wie reagiert der Arbeitsmarkt auf Zuwanderung? Welche Faktoren im Bildungssystem begünstigen den beruflichen Erfolg? Und nicht zuletzt: Hat ein gesetzlicher Mindestlohn Vorteile nicht nur für Arbeitnehmer, sondern für die gesamte Ökonomie? Oder schadet er eher, weil er die Arbeitskosten von Firmen erhöht? Die drei Ausgezeichneten befassten sich mit solchen Fragen, aber besonders mit dem handwerklichen Rüstzeug, das solidere Aussagen über Wenn-dann-Vermutungen zulässt.

Lohnhöhe in Fast-Food-Ketten in Beziehung zum Arbeitsmarkt

Card, Professor an der US-Universität Berkeley, erhält eine Hälfte des diesjährigen Preises. Der gebürtige Kanadier spürte den Auswirkungen festgelegter Lohnuntergrenzen auf den Arbeitsmarkt nach. Auch Angrist und Imbens – sie teilen sich die zweite Preishälfte – tauchten tief in die Grundlagenforschung ein. Lassen sich reine Experimente wie in den Naturwissenschaften auf Sozialwissenschaften wie die Ökonomie anwenden? Und kann man so aussagekräftigere Daten gewinnen, die mehr als vermeintlich sichere Ja/Nein-Aussagen bringen?

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Das Komitee würdigte Cards „empirische Beiträge zur Arbeitsökonomie“. Er habe gezeigt, dass sich das natürliche Experiment dort als eine Art Annäherung an das naturwissenschaftliche Vorgehen umsetzen lässt. So habe Card mit das entscheidende Instrumentarium für eine Analyse geliefert, die verschiedene Lohnhöhen in Fast-Food-Ketten in den US-Bundesstaaten New Jersey und Pennsylvania mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt in Beziehung setzten. Ergebnis: Ein klarer Nachweis der Hypothese „höherer Mindestlohn verursacht Jobabbau“, wie dies für New Jersey nach einer Lohnerhöhung erwartet wurde, war nicht möglich.

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hält die Wahl des US-Trios für gelungen: „Die Forschung zeigt, dass der Staat sich nicht immer auf den Markt verlassen kann.“ Speziell Card habe Einsichten geliefert, „dass der Mindestlohn zu mehr Motivation, weniger Jobwechseln, stärkeren Investitionen in die Beschäftigten und zu einer höheren Produktivität des Unternehmens führen kann – und somit alle profitieren.“

"Mindestlöhne sind keine Jobkiller"

Aus Sicht von Mechthild Schrooten, Wirtschaftswissenschaftlerin der Hochschule Bremen, passt die Entscheidung für die Ausgezeichneten in die Zeit: "Denn was ist wichtiger, als zu verstehen, wie sich Zusammenhänge analysieren lassen. Das gilt nicht nur für den Arbeitsmarkt und für die Verteilungsfragen, sondern auch für den Alltag." Schrooten bedauert jedoch, dass unkonventionelle wissenschaftskritische Analysen bei der Preisverleihung erneut das Nachsehen gehabt hätten. "Daher ist meine Freude über die diesjährige Wahl – bei allem Respekt vor dem Wirken der Ausgezeichneten – ein bisschen zurückhaltend."

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Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel bezeichnet die Auszeichnung Cards als späten Paukenschlag. Denn mit seiner "epochalen Studie" habe er zusammen mit Alan B. Krueger bereits 1994 belegt: "Gesetzliche Mindestlöhne sind keine Jobkiller. Im Gegenteil, sie tragen durch das Ausbremsen schmutzigen Wettbewerbs mit Niedriglöhnern zur Produktivität der Wirtschaft bei."

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