Ein Autokönig dankt ab Vor 50 Jahren gab Carl F. W. sein Unternehmen auf

Am 4. Februar 1961 endete eine der größten Bremer Erfolgsgeschichten. Es war ein Schicksalsschlag. Für die Familie, für das Unternehmen, für den Bremer Senat, für Bremen, ja, für die gesamte Bundesrepublik.
14.10.2010, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Erika Thies

Am 4. Februar 1961 endete eine der größten Bremer Erfolgsgeschichten. 'Es war', schreibt Birgid Hanke in ihrem neuen Buch, 'ein Schicksalsschlag. Für die Familie, für das Unternehmen, für den Bremer Senat, für die Hansestadt und das Bundesland Bremen, ja, für die gesamte Bundesrepublik, denn zum ersten Mal erhielt das Bild vom Wirtschaftswunderland einen spürbaren Riss.' Im damals reichsten deutschen Bundesland gab der bedeutendste Unternehmer auf: Carl F. W. Borgward (1890-1963), an dem mehr als 20000 Bremer Arbeitsplätze hingen.

Um ihn, sein Lebenswerk und dessen tragisches Ende ranken sich bis heute Legenden. Aber sind nicht schon die Tatsachen interessant genug? Birgid Hanke legte nach jahrelanger Vorarbeit ein ebenso interessantes wie informatives und warmherziges Buch vor. Sie wertete dafür eine Fülle von Materialien aus und sprach noch mit erstaunlich vielen Zeitzeugen. Manche inzwischen bereits verstummte Stimme konnte da gerade noch festgehalten werden.

Carl Friedrich Wilhelm Borgward wurde schon zu Lebzeiten zum Mythos. Sein erstes serienmäßig fabriziertes Fahrzeug war 1924 der dreirädrige 'Blitzkarren' - für 980 Reichsmark, mit 2,2 PS und fünf Zentnern Tragfähigkeit. Das Borgward?sche Bonmot, der Blitzkarren heiße so, 'weil man mich damit überall abblitzen lässt', passte allenfalls anfangs. Bald schon griffen bei diesem praktischen Gefährt nicht nur kleine Handwerksbetriebe und Gewerbetreibende zu, auch die Post setzte es ein, zur Briefkastenleerung.

Das letzte Modell war 1960 der Große Borgward, ein Sechszylinder mit der ersten Luftfederung überhaupt im deutschen Pkw-Bau, 100 PS, 160 Stundenkilometer. Er sollte Borgwards Vorstoß in die automobile Oberklasse sein, konnte aber kein Erfolg mehr werden. Denn die schwächelnde 'Arabella' verkaufte sich schlecht, die Exportzahlen der schönen 'Isabella' sanken, und die Weltwirtschaft kriselte. So kam dann vor fast 50 Jahren das Aus.

Geboren in Altona

Carl F. W. Borgward stammte ursprünglich aus Altona, das damals noch nicht zu Hamburg gehörte, sondern preußisch war. Könnte F. W. - für Friedrich Wilhelm - vielleicht ein Hinweis darauf sein? Es gab vier preußische Könige dieses Namens. Der Vater, ein Kohlenhändler, war in Zurow geboren, die Mutter in Neu-Sülstorf, beides winzige Ortschaften zwischen Wismar und Schwerin. Carl Friedrich Wilhelm, geboren am 10. November 1890, war eines von elf Kindern. 'Er ist ein Tüftler', stellte die Mutter früh fest. Nachdem er das erste Mal ein Auto gesehen hatte, konnte er die ganze Nacht nicht schlafen: 'Eine Kutsche ohne Pferde! Das Ding hat mir maßlos imponiert.' Bald schon bastelte der kleine Borgward am allerersten 'Borgward' - aus Einzelteilen von einem benachbarten Altwarenhändler und mit der strammen Feder eines Uhrwerks als Antrieb.

Als 15-Jähriger schloss er die Oberrealschule Altona mit dem 'Einjährigen' ab, absolvierte danach eine Schlosserlehre, schrieb sich 1908 an der Höheren Hamburger Maschinenbauschule im Stadtteil St. Georg ein und fing nach dem Examen 1910 in Hannover bei der Firma Louis Eilers an. Von da wechselte er 1912 nach Bremen, wurde Konstrukteur bei Schellhass & Druckenmüller und war schon ein Dreivierteljahr später auch Ehemann.

Der 22-Jährige hatte die 19-jährige Alwine Bauersfeld geheiratet. Diese Ehe wird in Borgward-Büchern so gut wie nie erwähnt, obgleich ihr doch der älteste Borgward-Sohn Kurt (1913-2008) entstammte. Die Scheidung von der kapriziösen 'Fee' oder dem 'Feelein' erfolgte im Juni 1935. Im Oktober lernte der inzwischen 44-jährige Borgward die 26-jährige Elisabeth Rühl (1909-2000) aus Lauterbach kennen, die in der Familie des Bremer Röntgenologen Kuhlmann die Kinder betreute. Schon im Dezember war Hochzeit, und eine gute Ehe begann. Drei weitere Kinder kamen zur Welt: Carl Friedrich, genannt Peter (1937-1989), Claus (1938-1999) und zuletzt Monica (geb. 1941). Den über 90-jährigen Kurt hat Birgid Hanke noch interviewen können, aber vor allem auch mit Monica Borgward gab es Gespräche; ihre Liebe zum Vater wird darin anrührend deutlich.

Warum schloss Finanzsenator Karl Eggers vor fast 50 Jahren jede weitere Beteiligung an der neuen Kapitalgesellschaft kategorisch aus? Monica Borgward versteht es bis heute nicht: 'Eine unbeschreibliche Dummheit, auf den fachkundigen Rat meines Vaters zu verzichten!' Der ehemalige 'Spiegel'-Redakteur Leo Brawand, dessen Titel-Story 'Der Bastler' im Dezember 1960 den Stein entscheidend mit ins Rollen brachte, sagte zu Hanke: 'Das kann ich Ihnen genau sagen, warum die das gemacht haben: Die wollten diesen ollen Querkopp einfach nicht mehr dabei haben.'

Als der 70-Jährige am 4. Februar 1961 nach zähem Ringen im 'Haus des Reichs' alle zur Borgward-Gruppe gehörenden Werke entschädigungslos dem Bremer Staat übereignete, wartete vor dem Portal seine Frau, am Lenkrad einer Borgward-Limousine. Die beiden fuhren nach Hause. Die dann folgenden Entscheidungen und Fehlentscheidungen, Beurteilungen, Verurteilungen und Verschwörungstheorien änderten für ihn nichts mehr. Hans Koschnick saß damals als 'junger Spund' in der Bürgerschaft. 'Was wir dort nicht ahnten, nicht ahnen konnten, waren diese Animositäten und Spannungen zwischen den Beteiligten', sagte er rückblickend.

Borgward war genial, doch oft auch ruppig und mitunter überheblich. Er hatte in Bremens höchsten politischen Kreisen keine Freunde. Vielleicht waren die Zeiten für Alleinherrscher wie ihn auch vorbei. Bürgermeister Wilhelm Kaisen wurde zuletzt noch in Bonn bei Wirtschaftsminister Ludwig Erhard vorstellig. Der 'Vater des Wirtschaftswunders' winkte ab: Das sei eine bremische Angelegenheit.

Steiler Abstieg

Noch zu Beginn des Jahres 1960 schien die Lage rosig. Aber die Automobilindustrie ist eine harte Branche. Borgwards Abstieg war entsprechend steil. Hätte der vom Bremer Flugpionier Henrich Focke (1890-1979) konstruierte, dreisitzige Helikopter 'Kolibri', der erste deutsche Nachkriegshubschrauber, auch finanziell noch ein Senkrechtstarter werden können? Das Projekt lief nun zwangsläufig ins Leere.

Ein erfahrener Konstrukteur (Dietrich Klie, auch 'Opa Klie' genannt, weil er schon auf die 60 zuging), eine aufopferungswillige Buchhalterin (Wilhelmine Bick), ein technisch hochbegabter Handwerker (der wortkarge, 25-jährige Friedrich Kynast) und dazu ein vorwärtsdrängener, ehrgeiziger Firmeninhaber mit Visionen (Carl Borgward): Sie bildeten das Team, mit dem nach dem Ersten Weltkrieg die Erfolgsgeschichte begann.

Der 'Blitzkarren', alles andere als ein Wunderwerk der Technik, ließ dann einen potenziellen Teilhaber aufmerksam werden: Wilhelm Tecklenborg aus der Wesermünder Werft-Dynastie. Mit 10000 Reichsmark stieg er 1925 ein und 1937 mit 4,4 Millionen Reichsmark wieder aus. 'Ich wäre glatt umgefallen, als ich die Summe hörte', sagte Elisabeth Borgward sehr viel später. 'Aber ich lag ja im Bett.' Sohn Peter war gerade zur Welt gekommen. 'Wir sind frei', soll der frischgebackene Vater am Wochenbett gejubelt haben. Nun konnte er mit vollem Recht sagen: 'Der Bestimmer bin ich!'

Besonders wichtig für die Firmengeschichte war 1931 in Berlin auf der Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung (IAMA) die Präsentation des dreirädrigen 'Goliath-Pionier' gewesen, 6,5 PS, 50 Stundenkilometer, 1500 Reichsmark: Borgwards erster Personenkraftwagen. Sieben Jahre später wurde im preußischen Sebaldsbrück das neue, auch architektonisch beispielhafte Automobilwerk eingeweiht. Die Belegschaft mit ihren Angehörigen feierte an fünf Stellen: in der Weserlust, im Casino, in den Centralhallen, im Parkhaus und bei Sieler. Überall tauchte der Chef persönlich auf, SA-Führer Heinrich Böhmcker, der 'Regierende Bürgermeister', wich ihm dabei nicht von der Seite.

'Nanu, Rienau, was haben Sie denn da für einen Vogel, in was für einen Verein sind Sie denn eingetreten?', sagte Borgward zu einem Vorstandsmitglied der Gewerbekammer mit Parteiabzeichen. Es kam zum Eklat. Aber auch Borgward trat 1938 der NSDAP bei. Er wurde im selben Jahr zum 'Wehrwirtschaftsführer' ernannt, einer von 400, und stellte bald darauf seine Unternehmen weisungsgemäß auf kriegswichtige Produktionen um. Er gehörte aber, so der Bremer Historiker Jörg Wollenberg, zu den wenigen Bremer Unternehmern, die von den 'Arisierungsmaßnahmen' nicht profitierten.

Bei Kriegsende war das Werk in Hastedt zu 87 Prozent und das in Sebaldsbrück zu 58 Prozent zerstört. Borgward hätte nun gern gleich weitergemacht, durfte es aber erst ab 13. Juli 1948, nachdem er von der IV. Bremer Spruchkammer als 'Minderbelasteter' eingestuft worden war.

Die Zahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stieg zügig von 2400 (1948), auf 6700 (1949) und 9400 (1950). 'In seinen drei Bremer Werken beschäftigt er 10000 Arbeiter und Angestellte. 20000 Menschen arbeiten in den Vorliefer-Werken. Von den 500 autorisierten Borgward-, Goliath- und Lloyd-Händlern im In- und Ausland werden etwa 35000 Menschen beschäftigt. 65000 Arbeiter und Angestellte mit ihren Familien haben durch Carl F. W. Borgward eine Existenz gefunden', rechnete 1951 der Journalist Heinz Liepmann vor. Auch ihm gegenüber unterstrich Borgward: 'An Politik bin ich niemals interessiert gewesen.' Vom Osterdeich 59 a zog die Familie 1953 in die weiße Villa an der Horner Heerstraße 11/13.

Fast schon eine Farce

Schon 1951 hatte Bürgermeister Wilhelm Kaiser dem erfolgreichsten bremischen

Unternehmer die Senatsmedaille für besondere Wiederaufbauleistungen überreicht. Die Auszeichnung mit dem Großen Bundesverdienstkreuz am 10. November 1960, zum 70. Geburtstag, geriet dann fast schon zur Farce. Wirtschaftssenator Eggers 'hat ihm das Ding in die Hand gedrückt und ihm gleich wieder den Rücken zugewandt', empörte sich der älteste Borgward-Sohn Kurt noch über 40 Jahre später in seiner Villa am Tegernsee. Der einstige Lkw-Verkaufsleiter Hans Bertuleit vermutete: Die große Geburtstagsfeier im Park Hotel mit den vielen Gratulanten und herzlichen Worten habe Borgward in dem Gefühl bestärkt, doch noch allein aus der Misere herauszukommen. 'Man brach die Gespräche mit Hanomag ab.'

Als Bürgermeister Kaisen vergeblich in Bonn gewesen war und Ford in Detroit abgewinkt hatte, kam das Ende. Wie es danach weiterging, beschreibt Birgid Hanke nicht mehr. Ihr Fazit: 'Um der bedrohten Arbeitsplätze willen hat sich Carl Friedrich Borgward nach langem inneren Kampf, nach schmerzlichem Ringen und starrsinnigem Sträuben schließlich doch selbst entthront. Ganz allein!'

'Carl F. W. Borgward - Unternehmer und Autokonstrukteur' von Birgid Hanke, 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen, erschienen im Verlag Delius Klasing (ISBN 978-3-7688-3145-1), 22,90 Euro.

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