Sprachliche Neuheit

Vorständin – bitte was?

Seit 2013 steht das Wort "Vorständin" im Duden, doch nur wenige Unternehmen benutzen es. Der Oldenburger Energiekonzern EWE will das nun ändern.
16.04.2018, 20:27
Lesedauer: 4 Min
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Vorständin – bitte was?
Von Lisa Boekhoff
Vorständin – bitte was?

Vorreiter EWE: Marion Rövekamp, ab Mai in der obersten Führungsetage des Konzerns tätig, wird ab sofort als Vorständin bezeichnet.

EWE

Shitstorm, Digital Native und Facebook – sie teilen ein Schicksal mit der Vorständin. Vor knapp fünf Jahren sind diese vier Wörter in den Duden gelangt. Doch die Vorständin hat es schwer. Konzerne verwenden die weibliche Variante des Vorstands nur selten oder gar nicht, anders als die Personalchefin, Abteilungsleiterin oder Mitarbeiterin. Der Duden vergibt an das Wort nur einen von fünf Punkten. Das bedeutet: Häufigkeit selten.

Siemens, Mercedes, Volkswagen und Continental finden auf ihrer Homepage Lösungen, das Wort zu umgehen: Ariane Reinhart (Continental), Hiltrud Dorothea Werner (VW) sowie die Managerinnen Lisa Davis und Janina Kugel von Siemens sind Vorstandsmitglieder. „Wir benutzen den Begriff nicht“, sagt auch ein Sprecher der Daimler AG. Darum sind Renata Jungo Brüngger und Britta Seeger Vorstandsmitglieder der Daimler AG – wie ihre sechs Kollegen. Der Begriff Vorstand werde eben nicht für Personen, sondern allgemein für das Gremium benutzt. „Es gibt mehrere Optionen. Wir haben uns für diesen Weg entschieden“, so der Sprecher. Vielleicht ist die Doppelbedeutung des Worts Vorstand ein Grund, warum sich die Vorständin sprachlich nicht durchsetzt.

Angela Titzrath

Angela Titzrath von der Hamburger Hafen und Logistik AG

Foto: dpa

Klar ist jedoch auch, dass es im Vergleich nur wenige Vorstandsfrauen gibt: Die jüngste Untersuchung von Ernst&Young in den 160 Unternehmen im Dax, MDax, SDax, TecDax zeigt das. Demnach liegt der Anteil von Frauen bei 7,3 Prozent. 50 Frauen stehen 636 Männer gegenüber. Das Wort Vorständin sucht man im Bericht von 14 Seiten übrigens vergebens: Das Barometer nennt sie „weibliches Vorstandsmitglied“. Die Bremer BLG Logistics Group geht einen ähnlichen Weg wie Daimler und nennt Andrea Eck, im Vorstand verantwortlich für den Geschäftsbereich Automobile, auch nicht Vorständin. „Wir sprechen vom Vorstand als Gremium und reden damit keine Personen an.“

Entscheidung für weibliche Form

Der Oldenburger Energieversorger EWE hat sich dagegen nun bewusst für das Wort entschieden – und eine Botschaft. Marion Rövekamp, ab Mai in der obersten Führungsetage des Konzerns tätig, wird ab sofort als Vorständin bezeichnet. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen“, erklärt Christian Blömer, Sprecher der EWE, die Entscheidung. Das solle nicht nur nach außen, in die Branche und Region, sondern im Konzern selbst eine Signalwirkung haben.

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Annabel Oelmann, Verbraucherzentrale Bremen

Foto: dpa

In einer Mitteilung im vergangenen Dezember bezeichnete die EWE Rövekamp noch als Personalvorstand – wie derzeit ihr bisheriger Arbeitgeber die DB Regio. Doch nun sei Zeit für einen Wandel: „Irgendwann muss man damit anfangen. Sprache ist Gewohnheit. Vorständinnen sind ja auch lange keine Exotinnen mehr. Es gibt die Abteilungsleiterin und Personalchefin – und eben auch die Vorständin“, sagt Blömer. Der Vorstandsvorsitzende Stefan Dohler und Marion Rövekamp seien davon überzeugt, dass Vielfalt in einem Unternehmen eine Stärke sei. Die EWE habe dabei noch viele Hausaufgaben zu erledigen. „Im Moment sind Frauen in Führungspositionen noch in der Minderheit: Der Anteil liegt bei fünf Prozent.“ Das soll sich nun aber ändern. Das Wort Vorständin soll nicht bloß Symbolpolitik bleiben.

Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Bremen ist gerade ebenfalls dabei, aus dem Vorstand in ihrer Signatur in E-Mails und auf der Homepage eine Vorständin zu machen. „Ich werde das überall anpassen. Vorstand klingt doch neutral wie Stuhl oder Tisch. Ich finde das Wort Vorständin schön.“ Eine junge Kollegin griff es in einem Text auf. Oelmann war gleich überzeugt: „Genauso. Das machen wir jetzt.“ Vorstand – die Bezeichnung habe sie damals einfach übernommen. „Ich kannte das Wort Vorständin nicht.“

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Der Duden sah das Wort dagegen sehr wohl im Sprachgebrauch. „Die Entscheidung für das Wort ist nicht aus politischen Gründen gefallen. Wir beobachten, ob es eine gewisse Regelmäßigkeit und Frequenz in der Verwendung von Wörtern gibt“, sagt Nicole Weiffen, Sprecherin des Duden. Das Wort werde aus ihrer Einschätzung wenig benutzt, weil es eben noch wenig Frauen im Vorstand gebe. Eine bewusste Ablehnung nimmt sie nicht wahr. Das Wort habe dabei seine Berechtigung: „Vorstand ist aus meiner Perspektive nicht neutral.“

Diese Meinung teilt Irmgard Maassen. Die Anglistin und Kulturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Gender Studies der Universität Bremen hält es für wichtig, dass es eine weibliche Form gibt, wenn der Begriff Vorstand für dessen Mitglieder benutzt wird. Untersuchungen zeigten: Im generischen Maskulinum, wie Arzt, Wissenschaftler oder eben Vorstand, schwinge das Bild eines Mannes mit. Die Sichtbarkeit des Weiblichen in der Sprache sei aber wichtig, führe zu einer Sichtbarkeit der Frau in der Gesellschaft und zur Sichtbarkeit neuer Rollenbilder.

"Das Wort hat seine Berechtigung"

„Sprache tut zwei Dinge: Sprache bildet die Wirklichkeit ab. Außerdem ist Sprache jedoch auch kreativ und konstituiert Wirklichkeit.“ Oelmann erwartet, dass der Druck für gendergerechte Sprache zunimmt und die Vorständin irgendwann selbstverständlich ist, wenngleich natürlich jeder nach seiner Fasson entscheiden müsse. „Das Wort ist noch völlig unüblich. Irgendwann wird aber eine kritische Masse erreicht. Ich denke, dass sich das peu à peu ändert. Erstens gibt es immer mehr Frauen im Vorstand. Außerdem werden Frauen selbstbewusster und achten darauf.“

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Viele Unternehmen müssen sich um das Wort höchstens im Gespräch Gedanken machen: Denn der Großteil hat ohnehin keine Frauen im Vorstand. In der Führungsriege von Cewe sitzen sieben Männer, bei Arcelor-Mittal Bremen sind es vier, bei Beiersdorf sieben, die Sparkasse Bremen hat vier Männer im Vorstand, die Bremer Baumwollbörse sechs, OHB acht, die BSAG zwei und die SWB drei. Eine verbindliche Quote für den Vorstand, wie es sie für den Aufsichtsrat gibt, damit drohte Katarina Barley (SPD) im vergangenen Jahr damals noch als Bundesfamilienministerin der Wirtschaft, sollte sich in einem Jahr nichts ändern. Doch in den Koalitionsverhandlungen konnten die Parteien in diesem Punkt keine Einigung erzielen.

Auf ihrer Visitenkarte bleibt Oelmann noch eine Weile unfreiwillig Vorstand. Die Karten sind eben gedruckt. Christian Blömer war vom Wort nicht so schnell überzeugt, wie Verbraucherchefin Oelmann. „Ich kann mich erinnern, dass ich auch dachte: Das hört sich komisch an.“ Andere lehnen es aus ästhetischen Gründen ab: „Es ist ein furchtbares Wort.“

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