Neue Öffnungszeiten und Gebühren

„Ich erwarte keine Bankenkrise“

Die Bremische Volksbank sieht derzeit keine große Gefahr für die Branche. In Zukunft will die Bank auf kürzere Öffnungszeiten setzen. Die Gebühren für die Kunden sollen steigen.
07.09.2020, 20:01
Lesedauer: 5 Min
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„Ich erwarte keine Bankenkrise“
Von Lisa Boekhoff
„Ich erwarte keine Bankenkrise“

Im Moment gibt es noch kein Problem mit Insolvenzen. Detlev Herrmann (links) und Ulf Brothuhn sehen Firmenpleiten aber als mögliche Gefahr für die Branche.

Christina Kuhaupt

Was bedeutet Corona eigentlich für die Bremische Volksbank angesichts der Rolle der Finanzbranche für die Wirtschaft?

Ulf Brothuhn: Corona hat uns ziemlich plötzlich getroffen. Wir haben uns zusammengesetzt, um verschiedene Szenarien durchzuspielen. Wo können Risiken entstehen? An den Kapitalmärkten ging es ganz schnell. Die Aktienkurse sind brutal eingebrochen und ebenso die Rentenmärkte. Wir sind hier nicht in Panik verfallen, obwohl es fast besorgniserregende Entwicklungen bei den Buchwerten gab. Wir hatten trotzdem Eis im Blut.

Die Erholung der Märkte trat recht rasch ein.

Detlev Herrmann: Ja. Wir halten das aber nicht für substanziell gerechtfertigt, sondern von der Liquidität getrieben. Wo soll das Geld sonst hingehen? Der Anstieg der Kurse passt nicht dazu, dass die Gewinnerwartungen gesenkt wurden.

Brothuhn: Uns haben dann vor allem die Förderprogramme und Tilgungsaussetzungen beschäftigt. Da können wir nur den Hut vor unserer Mannschaft ziehen. Wir waren extrem schnell lieferfähig. Wir haben auch vor Neukunden nicht die Tür verschlossen. Mitbewerber haben dagegen wegen Bearbeitungsrückständen die Hilfe teils nur Kunden angeboten.

Wollten viele Kunden eine Stundung?

Herrmann: Das hielt sich in Grenzen. Es waren 40 Firmenkunden und knapp 20 Privatkunden.

Brothuhn: Im Prinzip nicht spürbar. Wir haben über die Frist hinaus noch längere Tilgungsaussetzungen angeboten. Die Kunden waren dafür dankbar.

Welches Risiko gibt es für die Kredite?

Brothuhn: Um das einzuschätzen, haben wir die Kunden mit ihren Geschäftsmodellen und Branchen angeschaut. Wer ist stark betroffen? Wir haben zudem einen Fragebogen für die Unternehmen entwickelt. Damit haben wir auch den Kunden geholfen zu erkennen, dass sie doch indirekt auch von Umsatzeinbußen betroffen sein könnten.

Herrmann: Im Moment sind weniger als zehn Prozent unserer Kredite direkt von Corona betroffen. Wir können aber nicht abschätzen, welche Folgen es wegen der Pandemie langfristig gibt. Was bedeutet es, wenn die Lieferketten sich verändern? Und was bedeutet vielleicht eine höhere Arbeitslosigkeit? Wir vermuten, dass wir in diesem Jahr aber nicht signifikant von Kreditausfällen betroffen sein werden. Wir müssen aber permanent mit Weitsicht schauen, was in den nächsten Jahren passieren kann.

Im Moment mehren sich die Insolvenzen in Bremens Wirtschaft. Hat es bereits Kunden von Ihnen getroffen?

Brothuhn: Nein. Toi, toi, toi. (klopft auf den Tisch)

Herrmann: Ob es so bleibt, können wir nicht sagen. Nun war gerade zu lesen, dass die Oase Insolvenz angemeldet hat. Es kann eben schnell passieren. Doch wegen unserer Analyse erwarten wir nicht, davon überrascht zu werden.

Sehen Sie Corona denn als Bedrohung für Ihre Branche?

Brothuhn: Je größer die Insolvenzwelle und die Langfristfolgen für die Wirtschaft, desto gefährlicher wird es für unseren Sektor. Vielleicht ist das zu blauäugig gedacht, aber ich erwarte keine Bankenkrise. Dennoch wird es zu weiteren Konsolidierungen kommen.

Die Banken sind nun besser gewappnet als noch vor zehn Jahren?

Herrmann: Das ist so. Und es geht insbesondere auf die strengeren Eigenkapitalregeln zurück. Viele in der Branche haben mehr Substanz als früher. Ich denke, dass wir lernen, mit der Pandemie irgendwie zu leben. Einen zweiten Lockdown sollten wir uns nicht leisten.

In der Region haben Sparkasse und auch OLB Filialen nicht wieder geöffnet, die wegen der Pandemie geschlossen waren. Und Sie?

Brothuhn: Wir schließen aus, uns in den nächsten Jahren von Standorten zu trennen. Die Öffnungszeiten in den Geschäftsstellen werden wir aber anpassen. Während Corona haben wir sie auf rund die Hälfte reduziert. Nun sehen wir, dass das eigentlich ausreicht. Natürlich werden manche Kunden das nicht gut finden. Doch die Alternative wäre gewesen, drei Standorte zu schließen. Das ist die bessere Lösung. Die Geschäftsstellen – mit Ausnahme der Hauptstelle – sollen nun statt an allen Werktagen noch an zwei oder in Achim drei Tagen geöffnet sein. Die Beratungszeiten, in denen vor Ort Termine ausgemacht werden können, sind dagegen von 8 bis 20 Uhr. Das ist aus unserer Sicht entscheidend.

Wie viele Menschen kommen überhaupt noch in die Bankfiliale?

Brothuhn: Wir haben im vergangenen Jahr eine Frequenzanalyse gemacht. Da waren es für eine Geschäftsstelle weniger als 50 Kunden am Tag.

Herrmann: Wir wissen, dass mehr als ein Viertel der Kunden seit mehr als einem halben Jahr nicht da war. Und weitere 30 Prozent der Kunden haben nur Geld ein- und ausgezahlt. Das lässt sich auch automatisiert machen.

Standorte sind teuer. Im Taunus arbeiten Sparkasse und Volksbank nun zusammen in Filialen. Interessant für Bremen?

Brothuhn: Das Konzept ist dort gut. Wir hätten uns das vorstellen können. Doch die Voraussetzung sollte sein, dass Sparkasse und Volksbank auf Augenhöhe agieren bei der Größe und Anzahl an Geschäftsstellen. Das ist hier nicht der Fall. Die Sparkasse ist deutlich Marktführer.

Viel mehr Kunden sind in dieser Zeit auf digitale Angebote umgestiegen. Das ist doch eigentlich ein Segen für die Branche.

Brothuhn: Corona war wie ein Brandbeschleuniger. Wir lernen gerade viel dazu. Im Firmenkundengeschäft arbeitet ein Mitarbeiter mit einer Vorerkrankung nun von zu Hause aus. Und das Ergebnis ist nicht wirklich schlechter. Es funktioniert. Wir respektieren natürlich auch, wenn jemand kein digitales Angebot nutzen möchte – warum auch immer.

Herrmann: Ich habe ein älteres Ehepaar an das Onlinebanking herangeführt. Die beiden haben sich gefreut, wie einfach das ist. Wir müssen den Kunden viel aktiver als bisher zeigen, was möglich ist, was sich auch über Telefon oder Video erledigen lässt.

Anfang des Jahres gab es bei Ihnen einen Einschnitt: Negativzinsen auf Guthaben von Privatkunden ab der Fallhöhe von 100 000 Euro. Hintergrund sind die Negativzinsen, die Banken für das Parken von Geld bei der EZB zahlen müssen – eine Belastung. Wie waren die Auswirkungen?

Brothuhn: Wir glauben fest, dass es richtig war, damit offen und transparent umzugehen. Das zeigen auch die Reaktionen. In der Reputation hat es uns nicht geschadet. Wir haben zunächst mit den Kunden über Alternativen geredet. Viele konnten wir von Wertpapieren überzeugen – gerade Fonds.

Herrmann: Bei einem der Gespräche, die ich selber begleitet habe, ist der Kunde später zur Konkurrenz gewechselt. Doch nach ein paar Wochen kam er zurück, weil die andere Bank nachgezogen hat. Es kann sich keiner Einlagen in dieser Höhe für umsonst leisten.

Wir sprachen über Veränderungen für die Volksbank. Doch gibt es auch etwas, dass Sie durch Corona als Mensch gelernt haben?

Brothuhn: Ich denke, ich muss nicht mehr auf jeder Hochzeit tanzen. Corona hat für mich ein Stück Entschleunigung bedeutet. Was negativ ist? Als Kind der DDR liebe ich es, in die Welt zu fliegen. Aber das kommt wieder.

Herrmann: Ich war in der Freizeit weniger fremdbestimmt. Dadurch konnte ich meinen inneren Kern wieder mehr finden. Das tat gut. Wir konnten als Familie außerdem eine Zeit viel enger zusammenleben. Das war eine schöne Erfahrung.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Ulf Brothuhn

ist seit 2009 im Vorstand der Bremischen Volksbank. Seit 2013 ist er dessen Vorsitzender. Zuvor war Brothuhn Vorstand bei der Volksbank Helmstedt.

Detlev Herrmann

gehört sei 2013 zum Vorstand der Bremischen Volksbank. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft in Osnabrück kehrte er zur Bremischen Volksbank zurück. Hier hatte er seine Ausbildung absolviert.

Info

Zur Sache

Höhere Gebühren

Im nächsten Jahr sollen die Kontenmodelle der Bremischen Volksbank teurer werden. Im Moment geht es noch um die Ausgestaltung. Die bestehenden Modelle könnten im Korridor von zwei bis drei Euro pro Monat teurer werden. Die Bremische Volksbank hatte die Gebühren zuletzt 2016 angepasst. Die Erhöhung geht auch auf eine Analyse des Wettbewerbs zurück. Wie Vorstand Ulf Brothuhn und Detlev Herrmann angaben, sind die Kontenmodelle derzeit deutlich günstiger als die der Konkurrenz in Bremen. Zudem belasteten nicht nur die Negativzinsen die Bank, sondern auch der Druck auf die Margen im Kreditgeschäft. Die Gebühren für Konten seien eine Kompensation.

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