Neue Studie

Vorzeitiger Tod durch Diesel-Gift

100.000 Menschen sind einer Studie zufolge 2015 weltweit früher gestorben, weil sie Stickoxid aus Dieselmotoren eingeatmetet haben. Würden sich Hersteller an Vorgaben halten, sähe die Sache anders aus.
15.05.2017, 18:17
Lesedauer: 2 Min
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Vorzeitiger Tod durch Diesel-Gift
Von Stefan Sauer
Vorzeitiger Tod durch Diesel-Gift

Alles andere als gesund aus: Eine Abgaswolke kommt aus dem Auspuff eines Autos.

dpa

100.000 Menschen sind einer Studie zufolge 2015 weltweit früher gestorben, weil sie Stickoxid aus Dieselmotoren eingeatmetet haben. Würden sich Hersteller an Vorgaben halten, sähe die Sache anders aus.

Der Stickoxidausstoß von Dieselfahrzeugen kann der menschlichen Gesundheit beträchtlich schaden. Mit der Wirklichkeit im Straßenverkehr haben die Angaben der Autobauer zu Verbrauch und Schadstoffausstoß ihrer Erzeugnisse nichts zu tun, offizielle Grenzwerte werden massenhaft überschritten. All das ist bekannt. Bezifferte Angaben zu den schädigenden Wirkungen des Gases sind allerdings rar.

Um dem abzuhelfen, hat der renommierte International Council on Clean Transportation (ICCT) mit Sitz in Washington nun eine Studie veröffentlicht, die die gesundheitlichen Folgen der Stickoxid-Emissionen in Zahlen fassen.

Hierfür untersuchte der ICCT in Zusammenarbeit mit neun Universitäten und Forschungseinrichtungen aus aller Welt die Märkte in Australien, Brasilien, China, Indien, Japan, Kanada Mexiko, Russland, Südkorea sowie in den USA und der EU. 2015 wurden in diesen Ländern mehr als 80 Prozent aller Neuzulassungen für Dieselfahrzeuge weltweit registriert. Die daraus abgeleiteten Befunde des ICCT sind erschreckend: Danach erlitten 2015 weltweit 107.600 Menschen aufgrund von Stickoxiden (NOx) aus Dieselmotoren einen vorzeitigen Tod.

28.400 Opfer in der EU

Allein für die EU ermittelten die ICCT-Wissenschaftler rund 28.400 Opfer. Rund ein Drittel dieser vorzeitigen Todesfälle gehen laut der Studie auf das Konto von NOx-Mengen, die nach rechtlichen Vorgaben gar nicht hätten ausgestoßen werden dürfen.

Anders gesagt: Würden sich die Hersteller an eigene Angaben und gesetzliche Obergrenzen auch im realen Straßenverkehr halten, wären rund 38.000 Menschen, die laut ICCT 2015 wegen NOx frühzeitig starben, am Leben geblieben.

Abgasskandal ist ein Körperverletzungsskandal mit Todesfolge

Gewiss bergen solche Zahlen-Angaben Unsicherheiten. Sie sind aus Statistiken errechnete Produkte, sie können zu hoch ausfallen oder den Schaden noch untertreiben. So oder so bleibt festzustellen, dass der sogenannte Abgasskandal eigentlich ein Körperverletzungsskandal mit Todesfolge ist. Und dass es bei den europäischen und außereuropäischen Grenzwerten nicht um Steckenpferde überambitionierter Gesundheitsapostel geht, sondern für Tausende Menschen um Sein oder Nichtsein.

Würden Obergrenzen und Herstellerangaben eingehalten, ginge allein die Zahl der durch Ozon (das aus NOx entstehen kann) verursachten Todesfälle weltweit um zehn Prozent zurück.

Hauptverursacher sind Lastwagen und Busse

Was also tun? Als wirkungsvollste Sofortmaßnahme regt der ICCT für den Schwerverkehr einen weltweiten NOx-Grenzwert nach der Euro-VI-Norm an. Denn Hauptverursacher der gefährlichen Emissionen sind nicht Diesel-Pkw und Kleintransporter, sondern Lastwagen und Busse. Sie tragen drei Viertel zum weltweiten NOx-Ausstoß bei. Die Euro-VI-Norm dürfe aber nicht wie bisher nur auf dem Papier stehen, sondern müsse im realen Fahrbetrieb überprüft und eingehalten werden, fordern die ICCT-Autoren. Geschehe nichts, wird die weltweite Opferzahl bis 2040 auf 184 000 ansteigen..

Vor diesem Hintergrund und erst recht in Betracht des VW-Skandals sollte Deutschland nach Meinung vieler Experten eine Vorreiterrolle gegen den Abgasbetrug spielen. Schlechterdings ist das Gegenteil der Fall: Bisher jedenfalls bremste die Bundesregierung in Brüssel noch jeden Versuch, verbindlich wirklichkeitsnahe Verbrauchstests einzuführen. Ob sich daran nach der Bundestagswahl Entscheidendes ändert, ist die Frage.

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