Das Handelshaus Achelis verkauft Technik in den Ländern um den Victoriasee / Das Geschäft in Ostafrika wächst

Wachstumsmarkt mit Eigenheiten

Seit über 50 Jahren ist das Bremer Unternehmen Joh. Achelis & Söhne im östlichen Afrika aktiv. Die Wirtschaft in der Region wächst seit einigen Jahren. Geschäftsführer Michael Ruch hat selbst 14 Jahre in Uganda und Tansania gelebt.
22.07.2012, 05:00
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Von Paul Hellmich
Wachstumsmarkt mit Eigenheiten

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Handel mit Nutzfahrzeugen wie diesem Löschzug.

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Seit über 50 Jahren ist das Bremer Unternehmen Joh. Achelis & Söhne im östlichen Afrika aktiv. Die Wirtschaft in der Region wächst seit einigen Jahren. Geschäftsführer Michael Ruch hat selbst 14 Jahre in Uganda und Tansania gelebt.

Bremen. Als Michael Ruch 1989 für seinen Arbeitgeber nach Uganda gehen sollte, waren seine Freunde nicht gerade begeistert. "Da willst du hin? Da ist doch dieser Schlächter, Idi Amin!", fragten sie ihn. Der Diktator war damals allerdings bereits seit zehn Jahren entmachtet. Jenseits von Hungersnöten und Kriegen fand Afrika damals in den deutschen Medien nicht statt, bemängelt der 46-Jährige. "So ähnlich ist das heute noch." Ruch, der seit fast 25 Jahren in afrikanischen Ländern Geschäfte abschließt, findet das schade.

Seinem Arbeitgeber, dem Handelshaus Joh. Achelis und Söhne, ist er in all den Jahren treu geblieben. Seit 2002 ist der Außenhandelskaufmann Geschäftsführer seines ehemaligen Ausbildungsbetriebs. Das Handelshaus besteht bereits seit 1826. Diese Tradition schreibe man sich gerne auf die Fahne, sagt Ruch. "Wir sind so alt wie Beck‘s, aber noch in deutscher Hand". Genau genommen ist die heutige Firma Achelis die zweite Inkarnation des Unternehmens. Der Rohstoffhändler ging angeschlagen aus dem Zweiten Weltkrieg hervor und stellte seine Geschäfte in der 1950er-Jahren fast vollständig ein. 1961 gab es eine Art zweite Gründung: Der Kaufmann Heinz Beutler verließ damals das Handelshaus C. Melchers und übernahm die Firma. Beutler hatte für Melchers das Afrika-Geschäft aufgebaut und durfte die Niederlassungen dort für seine eigene Firma übernehmen.

Bis heute bildet Afrika den Schwerpunkt des Geschäfts. Das Handelshaus konzentriert sich dabei auf vier Gebiete: Geräte aus dem Gesundheitsbereich, Nutzfahrzeuge, Industrieanlagen und Strom- und Wasserversorgung. Achelis vertritt mehrere Hersteller, die keine eigene Niederlassung gründen wollen. Unter anderem hat die Firma in mehreren Ländern das alleinige Recht, Zeiss-Mikroskope und Baumaschinen der Marke Bomag zu verkaufen. Andere Waren werden zugekauft. Die gelieferten Waren werden in den meisten Fällen von eigenen Mitarbeitern aufgebaut und später auch gewartet. Nur bei Großprojekten, wie dem Bau von Stromleitungen, werden Vertragsunternehmen beauftragt.

Aufschwung am Victoriasee

Das Unternehmen ist vor allem in den Ländern um den Victoriasee aktiv: in Kenia, Tansania, Uganda, Ruanda und Burundi. Ruch sieht die Geschäftsaussichten in diesem Gebiet sehr positiv "Das östliche Afrika ist ein Wachstumsmarkt." Ruch ist beeindruckt davon, mit welcher Geschwindigkeit sich die Länder aneinander angeglichen haben. Selbstverständlich war diese Entwicklung angesichts der unterschiedlichen Geschichte der Staaten nicht. Während es in Kenia relativ früh eine touristische Entwicklung gab, experimentierte Tansania mit einem "afrikanischen Sozialismus", in Ruanda kam es dagegen noch in den 1990er-Jahren zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Teilen der Bevölkerung.

Ruch selbst hat die Entwicklung in der Region 14 Jahre lang aus nächster Nähe miterlebt. Mit seinerFrau lebte er drei Jahre lang in Uganda. Danach übernahm er die Niederlassung in Tansania. Die beiden Töchter der Ruchs wachsen dort auf, bis die Familie 2004 zurückkehrt. Auch wenn der Fußballfan in diesen Jahren die Spiele von Werder Bremen nur im Radio verfolgen konnte, denkt er gerne an die Zeit in Afrika zurück. "Jede Erfahrung, die ich damals gemacht habe, kommt mir heute zugute", sagt er. Es sei wichtig, zu verstehen, dass dort vieles anders funktioniert als hier. Schon die Infrastruktur verhindere zum Beispiel, dass Geschäftspartner so schnell auf Anrufe oder E-Mails antworten, wie man es aus Deutschland gewöhnt ist. "In Afrika kann das auch mal ein paar Tage dauern", sagt Ruch.

Deswegen sollten auch zukünftige Außenhandelskaufleute Erfahrungen in Afrika machen, glaubt Ruch. Achelis bildet in einem dualen Studium jedes Jahr zwei Nachwuchskräfte aus. Wie der Geschäftsführer haben viele der Mitarbeiter bereits ihre Ausbildung bei Achelis gemacht. Die Tochterfirmen in den afrikanischen Staaten, Taiwan und Hongkong eingerechnet hat das Unternehmen etwa 300 Mitarbeiter. In der Bremer Zentrale in der Flughafenstadt sitzen allerdings nur 35 Personen.

Die Konkurrenz im Afrika-Geschäft ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden. "Früher hatten wir vielleicht noch je einen Mitbewerber aus England, Holland oder Frankreich", erinnert sich Ruch. "Heute kommen sie aus der ganzen Welt – insbesondere aus China." Dass China im Welthandel immer wichtiger wird, macht dem Geschäftsführer einerseits Sorgen. Gleichzeitig sieht er darin auch eine Chance, schließlich verkauft auch Achelis günstig Waren aus chinesischer Produktion: "Deutsche Produkte machen bei uns nur etwa 20 Prozent aus", schätzt er. "In den 1960er-Jahren waren es noch 60 bis 70 Prozent."

Neben allen positiven Entwicklungen in den ostafrikanischen Staaten sieht Michael Ruch auch Probleme. Obwohl er die Sicherheitslage prinzipiell positiv bewertet, sind zum Beispiel in Kenia die Vorsichtsmaßnahmen gegen bewaffnete Kriminalität und Anschläge nicht zu übersehen."Das ist eine Bremse für die lokale Wirtschaft", glaubt er. "Wie würde der Tourismus erst wachsen, wenn das alles nicht wäre?"

Eine Erweiterung des Geschäfts in der Region ist nicht selten auch ein Abwägen von Chancen und Sicherheitsbedenken. Nach Ruanda ging Achelis beispielsweise 1996 – nur zwei Jahre, nachdem dort fast eine Million Menschen ermordet wurden. Im Rückblick war die Entscheidung richtig, sagt Ruch. Das Land sei mittlerweile sicher und zudem einer der wichtigsten Märkte für Achelis. Seit Kurzem gibt es auch eine Vertretung im erst 2011 gegründeten Staat Südsudan. Ruch sieht das Projekt skeptisch: "Ich bin mir nicht sicher, ob es dort auf Dauer friedlich ist." Aus Kenias Nachbarland Somalia hält sich das Unternehmen ganz heraus, sagt Ruch: "Ich hätte Skrupel, da jemanden hinzuschicken."

Trotz solcher Einschränkungen will Achelis in den kommenden Jahren weiter wachsen. Besonders gut laufen die Geschäfte zur Zeit auf dem Energiesektor. Afrikanische Stromanbieter setzen zunehmend auf ein System, bei dem ähnlich wie bei Prepaid-Telefonkarten im Voraus bezahlt wird. Dadurch haben sie mehr Planungssicherheit und bauen das Leitungsnetz intensiv aus. Außerdem erweitert Achelis zur Zeit sein Angebot. Seit vergangenem Jahr vertritt die Firma auch die Heidelberger Druckmaschinen AG und plant, auch mit Farben und anderem Zubehör zu handeln. Die Expansion solle allerdings auf Ostafrika beschränkt bleiben, sagt Ruch.

Er selbst fährt nur noch drei oder vier Mal im Jahr nach Afrika. Dort zu leben, kann er sich nicht mehr vorstellen. Stattdessen genießt der gebürtige Bremer Vorzüge wie regelmäßige Besuche im Weserstadion und asphaltierte Straßen und arrangiert sich dafür mit dem deutschen Wetter.

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