BAB-Geschäftsführer im Interview

Wäschekörbeweise Anträge für die Bremer Aufbau-Bank

In Krisen schlägt die Stunde der Förderbank. Wie blickt die Bremer Aufbau-Bank auf die nächsten Monate? Wie steht es um die Wirtschaft? Ein Interview mit den beiden Geschäftsführern.
19.10.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Wäschekörbeweise Anträge für die Bremer Aufbau-Bank
Von Lisa Boekhoff
Wäschekörbeweise Anträge für die Bremer Aufbau-Bank

Nicht nur Schreibtische, sondern auch Sofaecken: Die Mitarbeiter sollen am neuen Standort der Bank vor allem viel miteinander kommunizieren können. Für die Geschäftsführer Ralf Stapp und Kai Sander gibt es ebenfalls offene Büros – ganz ohne Vorzimmer.

Christina Kuhaupt

Seit Kurzem ist die BAB am neuen Standort. Bevor wir zum Großen kommen: Was hat es mit den Gummistiefeln im Schaukasten auf sich?

Ralf Stapp: Wir wollen zeigen, wofür wir stehen. Jeder 3-D-Druck symbolisiert einen Schwerpunkt der BAB. Die Gummistiefel den Klimaschutz, die Glühbirne Innovation. Nachträglich haben wir einen Rettungsring aufgestellt – als Symbol für die Corona-Hilfen.

Wie geht es denn der Bremer Wirtschaft?

Stapp: Als Förderbank müssen wir uns immer Gedanken machen, ob wir mit unseren Produkten abdecken, was notwendig ist. Das ist gerade die große Herausforderung, die unterschiedlichen Entwicklungen zu beobachten. Es gibt sehr wohl Gewinner in dieser Krise. Andere Unternehmen erfahren durch Corona einen Katalysatoreffekt und sind nun endgültig in Schwierigkeiten oder die Insolvenz geraten. Das Besondere ist, dass komplette Branchen von einem Stillstand betroffen sind.

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In welcher Phase der Krise befinden wir uns?

Kai Sander: Wenn ich das beantworten könnte, bekäme ich einen Nobelpreis. Das können wir nicht genau sagen, weil es vom Verlauf der Pandemie abhängt. Ich wage keine Prognose. Die Zahlen, mit denen Banken im Moment arbeiten, entstammen der guten Phase. Die Zeit kommt also noch, dass Banken möglicherweise restriktiver handeln müssen. Vermutlich befinden wir uns also hinsichtlich der Bereitschaft zur Kreditvergabe noch am Anfang der Krise.

Auf Banken werden Kreditausfälle zukommen.

Sander: Das hat jeder auf dem Schirm. Doch es fehlen greifbare Mechanismen für eine Auswertung. Wir müssen derzeit ganz stark die Zukunft einpreisen. Die Vergangenheit spiegelt uns nur die halbe Wahrheit.

Fürchten Sie eine Insolvenzwelle in Bremen?

Stapp: Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ist stark diskutiert worden. Hilft sie, weil Unternehmen eine Chance haben, sich wieder zu stabilisieren? Oder werden Probleme verschoben?

Und wie ist Ihre Antwort? Beides?

Stapp: Ja. Darum ist die Entwicklung schwer abzusehen. Aktuell gibt es eine Liquiditätskrise. Im nächsten Jahr rechnen wir mit einer Eigenkapitalkrise, wenn Fehlbeträge und Kredite die Bilanzen belasten. Es gibt zudem zwei Kurven. Neben den politischen Maßnahmen entscheidet das Verhalten der Kunden. Wann gibt es da wieder Normalität beim Einkauf oder Theaterbesuch? Das kann sich jeder fragen. Und manches Verhalten lässt sich vielleicht nicht mehr zurückschrauben, weil die Menschen sich an die Digitalisierung gewöhnt haben. Wir fahren da auf Sicht.

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Als Bank müssen Sie Entscheidungen über Kredite für Betriebe treffen – bei viel größeren Unwägbarkeiten in Bezug auf deren Entwicklung.

Stapp: Unsere Grundüberlegung ist, dass viele Unternehmen sich anders positionieren müssen. Wir greifen den Ansatz vom Starthaus auf, dass wir sie bei der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells begleiten. Wenn wir davon ausgehen, dass Corona für sie nicht nur eine Delle ist, dann braucht es eine neue Strategie.

Wie viele Anträge auf Hilfe haben die BAB bisher erreicht?

Stapp: Im Zusammenhang mit Corona haben wir mehr als 100 Kredite vergeben. Insgesamt geht es um ein Volumen von 14 Millionen Euro. Wir verzeichnen bei der aktuellen Überbrückungshilfe des Bundes 1100 Anträge. Der Bedarf ist weiter da, aber im Vergleich zur Soforthilfe, bei der wir über 13.000 Anträge hatten, ist das nichts.

Als Förderbank schlägt nun Ihre Stunde.

Sander: Es sind Hochzeiten für Förderbanken – natürlich. Das klingt vielleicht sarkastisch, doch für diese Situationen gibt es uns. Die Nachfrage nach Krediten ist gerade im Segment bis 50.000 Euro groß.

Es heißt, dass einige Kredite gar nicht abgerufen werden. Es kommen Unternehmen also besser durch die Krise als erwartet?

Sander: Das sehen wir auch. Es gibt eben Gewinner. Die haben eine Zusage, brauchen den Hilfskredit aber nicht. Am Anfang haben die Unternehmen sich mit Liquidität vollgesogen, was aus Unternehmersicht ein kluges Verhalten ist.

Schauen wir zurück: Welche Aufgaben kamen im März auf Ihre Bank zu?

Stapp: Mitte März gab es bei unserer Task Force vermehrt Anrufe. Die Mitarbeiter kamen gar nicht mehr zum Abarbeiten, denn die Telefone klingelten permanent. Wir haben die Anrufe dann zentral auf ein eigenes Team gelenkt. Jede Woche gab es dann neue Fragen: Was passiert jetzt? Wann kommt das Programm? Und wann die Auszahlung?

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Wie ist die Soforthilfe entstanden?

Stapp: In kürzester Zeit haben wir ein Programm entwickelt und waren damit das zweitschnellste Bundesland. Am Sonntag haben wir die Richtlinien mit dem Wirtschaftsressort abgesprochen, am Dienstag gab es die erste Auszahlung. Das Bundesprogramm war zu diesem Zeitpunkt nur angekündigt. Die Senatorin hat darum den klaren Auftrag gesehen, für Bremen ein Zuschussprogramm zu starten. Nach fünf Tagen hatten wir mehr als 10.000 Anträge. Für unsere Mannschaft gab es monatelang keine Wochenenden und Feiertage. Die Antragsflut war unglaublich.

Sander: Wir bearbeiten sonst 400 Zuschussanträge im Jahr. Die hatten wir in der Phase fast stündlich.

In einigen Fällen kam die Soforthilfe nicht sofort. Woran lag das?

Stapp: Am Anfang haben wir handschriftliche Anträge entgegengenommen. Teils konnten wir sie, ganz profan, nicht lesen. Erst zwei bis drei Wochen später haben wir die Anträge digitalisiert und keine Zettel mehr akzeptiert. Ein Problem war zudem, dass Unterlagen nicht vollständig waren oder fehlerhafte Angaben enthielten. Betriebe aus Niedersachsen und Hamburg haben Anträge bei uns gestellt, die wir herausfiltern mussten.

Der BAB fiel damals vor die Füße, dass die Digitalisierung vernachlässigt wurde?

Sander: Unsere Infrastruktur war auf die 400 Anträge ausgerichtet. Wir haben die Digitalisierung auf dem Schirm gehabt. Ausgaben für eine Lösung für 10.000 Anträge hätte man uns vor Corona vorgeworfen.

Stapp: Es ist auch immer ein Abwägen zwischen Geschwindigkeit und Genauigkeit. Schnell entwickelte Programme haben oftmals Kinderkrankheiten. Wir sehen, dass Länder mit digitalen Plattformlösungen andere Herausforderungen hatten.

Weil dort die Hilfen ausgenutzt wurden?

Stapp: Ja. Die Wäschekörbe voller Zettel haben uns sehr lange begleitet. Wir waren nicht schnell genug. Doch letztlich gibt es dadurch kaum Betrugsfälle.

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Es fallen immer wieder Unternehmen und Selbstständige durchs Raster. Würden Sie sagen, dass es genug Hilfe gibt?

Stapp: Die Pandemie kann immer wieder neue Branchen in Mitleidenschaft ziehen und Unternehmen dabei der Atem ausgehen. Letztendlich müssen wir überlegen, ob wir die Probleme lösen können oder nur verschieben. Gerade der Veranstaltungssektor, Hotellerie und Gastronomie werden weiter zu leiden haben. Eine Planung ist fast unmöglich. Selbst wenn die Situation sich normalisiert, ist die Frage, ob Städtetouren oder Dienstreisen wieder unternommen werden.

Sander: Wir sind in vielen Bereichen ausführendes Organ und reichen Zuschüsse weiter. Wir sitzen nicht mit am Tisch, wenn in Berlin über die Hilfsprogramme gesprochen wird. Auf Landesebene sind wir dagegen involviert. Individueller ist es bei den Krediten. Gleichwohl müssen wir uns auch da an die Regularien der KfW halten und anschauen, ob die Chance besteht, dass ein Kredit zurückbezahlt wird. Sonst vergeben auch wir ihn nicht.

Die Zukunft ist teils eine Blackbox. Was heißt das für Sie?

Stapp: Wir wissen nicht, was 2021 auf uns zukommt. Was wir gemerkt haben, ist, dass wir kurzfristig Hilfsprogramme schneller aufgreifen müssen. Die gewöhnlichen Vorlaufzeiten bei Krisen der Vergangenheit reichen nicht.

Hilfen können eine Richtung einschlagen: Welche Wirtschaft wollen wir?

Stapp: Unser Anspruch ist nicht, da Impulse zu setzen. Denn im Moment leisten wir Erste Hilfe und sind noch nicht in der Reha. Wir müssen schauen, welchen Unternehmen wir zutrauen, wieder aus dieser Krise herauszukommen. Im zweiten Schritt geht es um neue Geschäftsmodelle, und da spielt Nachhaltigkeit eine Rolle.

Sander: Banken haben schon deutlich vor Corona Nachhaltigkeit in die Bücher geschrieben bekommen. Ob ein Unternehmen Ressourcen schont oder besonders verbraucht, muss künftig auch bei Kreditvergaben eingepreist werden. Als Förderbank liegt uns auch immer die Arbeitsplatzsicherung – gerade in dieser Krise – besonders am Herzen. Wir hoffen, dass die beiden Ziele in Zukunft gut nebeneinanderstehen können und nicht widersprüchlich diskutiert werden. Das gelingt teils ja schon heute.

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Haben Sie in dieser Zeit etwas dazugelernt?

Sander: Ich habe gemerkt, zu welchen Leistungen man als Team im Stande ist. Es hört sich blöd an, aber es hat richtig Spaß gemacht, zu helfen, so haben Ralf Stapp und ich zum Beispiel auch direkt Anträge bearbeitet.

Stapp: Schnelligkeit, Zusammenhalt und Pragmatismus – was alles möglich ist, weil alle am gleichen Strang ziehen! Die Pandemie hat unser komplettes Leben auf links gedreht. Das wird ganz viel mit uns machen, neue Selbstverständlichkeiten hervorbringen – und welche verschwinden lassen.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Ralf Stapp (50) ist seit 2011 Geschäftsführer der Bremer Aufbau-Bank. An der Universität Paderborn studierte er Wirtschaftswissenschaften. Im Anschluss war er bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und als Unternehmensberater tätig. Dann der Wechsel in die Branche: 2003 begann er die Arbeit bei der Sparkasse Lüneburg.

Kai Sander (51) leitet die Förderbank seit dem vergangenen Jahr gemeinsam mit Ralf Stapp. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er BWL an der Hochschule Bremen und in Alcala de Henares bei Madrid. Vor seiner Laufbahn bei der Bremer Aufbau-Bank ab dem Jahr 2001 arbeitete er für die KfW in Frankfurt am Main.

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Zur Sache

Umzug in stürmischen Zeiten

Der neue Sitz der Bremer Aufbau-Bank (BAB) am Domshof soll vor allem für den Austausch genutzt werden. Das zeigt die offene Gestaltung der Räumlichkeiten. Das Homeoffice ist laut Geschäftsführung dagegen für stille Arbeit gedacht. Vor Ort aber soll viel kommuniziert und neue Ideen entwickelt werden. Das ist für die zweite bei der BAB verankerte Aufgabe wichtig: die Gründerhilfe Starthaus. Seit Anfang September ist der Umzug abgeschlossen.

Dabei musste immer sichergestellt sein, dass die Bank wegen Corona leistungsfähig ist. In der Spitze halfen 170 Menschen, um die Anträge auf Hilfe zu bearbeiten – etwa auch Mitarbeiter der Handelskammer oder Wirtschaftsförderung. Die Bank hat heute etwas mehr als 80 Mitarbeiter, soll aber wegen weiterer Förderaufgaben noch etwas wachsen.

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