Arbeitskampf um den Verbleib an der Weser

Nordsee-Mitarbeiter streiken für den Standort Bremerhaven

Die Mitarbeiter der Fischrestaurantkette Nordsee kämpfen für einen Verbleib der Verwaltung in Bremerhaven. Am Mittwoch soll es ganztägig einen Warnstreik geben. Die Gemengelage ist nicht einfach.
05.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Nordsee-Mitarbeiter streiken für den Standort Bremerhaven
Von Florian Schwiegershausen
Nordsee-Mitarbeiter streiken für den Standort Bremerhaven

Nicht alle Buchstaben leuchten – bei der Verwaltung in Bremerhaven gibt es am Mittwoch einen Warnstreik.

Peter Kneffel

Die Fischrestaurantkette Nordsee hat bisher keine Entscheidung gefällt, ob die Verwaltung in Bremerhaven verbleibt oder an einen anderen Standort ziehen soll. Die Gewerkschaft NGG will, dass endlich Bewegung in die Verhandlungen und in die Entscheidungen kommt. Deshalb hat sie für diesen Mittwoch die Belegschaft der Hauptverwaltung in der Herwigstraße im Fischereihafen ab acht Uhr zum Warnstreik aufgerufen.

Die Gewerkschaft spricht vom ersten eintägigen Warnstreik in der Geschichte des Unternehmens. NGG will für die Mitarbeiter einen Sozialtarifvertrag aushandeln. Am Donnerstag soll es ein nächstes Treffen zwischen der Geschäftsführung und dem Betriebsrat geben. Laut Gewerkschaft hat es zuvor eine Verhandlungsrunde wegen eines Sozialtarifvertrags gegeben, wie NGG-Gewerkschaftssekretär Moritz Steinberger sagte: „Da erklärte uns Nordsee-Geschäftsführer Carsten Horn, man sehe derzeit keinen Bedarf, einen solchen Tarifvertrag zu verhandeln.“

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Das Unternehmen teilte dem WESER-KURIER mit, es sei irritiert „über das aggressive Verhalten der NGG, die bereits jetzt Verhandlungen zu einem Sozialtarifvertrag mit Arbeitskampfmaßnahmen durchsetzen will“. Die Geschäftsführung wolle bis Ende August gemeinsam mit dem Betriebsrat die verschiedenen Handlungsoptionen diskutieren und anschließend bewerten: „Eine Entscheidung ist damit noch lange nicht gefallen.

Sollte Ende August die Möglichkeit einer Standortverlegung weiterhin in Betracht gezogen werden, wird erst dann die konkrete Ausgestaltung geprüft, die dann wiederum Grundlage für die finale Entscheidung sein wird.“ Erst wenn daraufhin beschlossen werde, den Standort tatsächlich zu verlagern, erhalte die NGG durch den Beschluss die rechtliche Grundlage für die Verhandlung eines Sozialtarifvertrags.

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Mitarbeiter entlassen

Das ist der Gewerkschaft jedoch zu spät. Sie verweist auf Mitarbeiter, die bereits ihre Kündigung erhalten haben. Denn der überschaubare Verwaltungsteil, der sich in Düsseldorf befand, wurde geschlossen, und laut NGG wurden auch in Bremerhaven Mitarbeiter entlassen. Gewerkschaftssekretär Steinberger sagte: „Bis heute arbeiten Kolleginnen und Kollegen im Gebäude in der Herwigstraße, die bereits ihre Kündigung erhalten haben und noch im Unternehmen verbleiben, bis die Kündigungsfristen erfüllt wurden.

Es stellt sich augenblicklich die Frage, wie man in einer solchen Situation davon sprechen kann, dass ein Sozialtarifvertrag nicht nötig sei. Zuletzt mussten die Mitarbeiterinnen zu denkbar schlechten Konditionen die Firma verlassen.“ Steinberger spricht davon, dass die Mitarbeiterzahl in Bremerhaven unverändert bei 120 liegt: „Als die Pläne, den Standort vielleicht zu wechseln, bekannt wurden, haben sich einige Mitarbeiter einen anderen Arbeitsplatz gesucht. Dafür wurden neue Mitarbeiter eingestellt, während andere ältere Mitarbeiter gekündigt wurden.“ Eine Möglichkeit, dass die Gekündigten die anderen Stellen hätten besetzen können, hat es laut Steinberger nicht gegeben.

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Bisher gab es zwei Verhandlungsrunden. „In beiden Fällen hat die Geschäftsführung der Nordsee ausweichend auf die Forderungen der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter reagiert und zuletzt ganz offiziell erklärt, man wolle nicht verhandeln“, heißt es von der NGG. Die Gewerkschaft sieht das als eine Strategie der Ablenkung und des Hinhaltens, bis die nächste Betriebsänderung, ohne echte und wirksame Beteiligung der Betroffenen, angekündigt werde: "An die Gesprächsangebote der Nordsee-Geschäftsführung mag inzwischen niemand mehr wirklich glauben.“ Die Nordsee-Geschäftsführung gibt derweil für die derzeitige Gemengelage auch die Corona-Krise an, die die Restaurants in Innenstädten hart getroffen habe. „Es gibt in manchen Restaurants immer noch Mitarbeiter, die in Kurzarbeit sind“, sagte ein Sprecher dem WESER-KURIER.

NGG verhandlungsgserprobt

Für die Gewerkschaft NGG ist ein solcher Tarifkampf nicht neu. Sie hat ihn bereits im vergangenen Jahr für die Mitarbeiter des Bremer Schokoladenherstellers Hachez geführt, als bekannt wurde, dass die Produktion von Bremen nach Polen verlagert werden soll. Im Falle einer Standortverlegung ist die Verhandlung eines Sozialtarifvertrags möglich. Der regelt unter anderem, wie viel Abfindung die Mitarbeiter erhalten sollen und inwiefern eine Transfergesellschaft gegründet wird, in der sich die Mitarbeiter qualifizieren können.

Bereits in diesem Fall hatte sich die NGG ein dickes Fell zugelegt, denn die Verhandlungen zogen sich über fünf Monate hin. Parallelen sieht sie nun zur Nordsee – auch wenn diese eher zufällig erscheinen: Bei Hachez wurde als Geschäftsführer ein Hamburger eingestellt, der die Abwicklung der Produktion übernahm und das Unternehmen danach wieder verließ. Für die Pressearbeit wurde ein krisenerprobter Berater eingestellt. Nordsee wird seit Februar ebenfalls von einem Hamburger geführt: Diplom-Kaufmann Carsten Horn. Für den 55-Jährigen ist es sein erstes Engagement in der Systemgastronomie.

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Nordsee-Chef streikerprobt

Zuvor war der Manager Chef der Multiplex-Kinokette Cinemaxx. Ein in der Krisen-PR erprobter Experte ist bereits angeheuert. Außerdem ist auch Horn streikerprobt. Denn 2019 wurde bei Cinemaxx der bisher wohl härteste Arbeitskampf geführt. Dazu gingen auch die Mitarbeiter des Bremer Cinemaxx über mehrere Monate immer wieder in den Warnstreik im Kampf für höhere Tariflöhne. Nach fast einem Jahr und laut Gewerkschaft Verdi 100 Streiktagen gab es im November ein Ergebnis durch die Schlichtungskommission.

Die Stadt Bremerhaven hat das Gespräch mit Nordsee gesucht. So hatte Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) im vergangenen Oktober angeboten, auf die Rückzahlung von Fördergeldern für das „Nordsee“-Gebäude zu verzichten, wenn das Unternehmen die Firmenzentrale an ihrem bisherigen Ort im Fischereihafen belasse. Ob dieses Angebot der Restaurantkette und ihrem Besitzer, dem Schweizer Finanzinvestor Kharis Capital, reicht, werden die kommenden Wochen zeigen.

Die Gespräche mit Grantz bezeichnete Nordsee als „konstruktiven Dialog“. Als Grund für den möglichen Wegzug wurden Ende vergangenen Jahres unter anderem die Standortkosten in Bremerhaven genannt. Inzwischen ist aus verschiedenen Quellen zu hören, dass man sich bei der Suche nach einem anderen Standort auch für Hamburg entscheiden könnte.

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