Luft- und Raumfahrtindustrie

Warum Betriebsräte und Gewerkschaft am Bremer Airbus-Standort mobilmachen

Seit Donnerstag laufen am Bremer Airbus-Standort Betriebsversammlungen, in denen Gewerkschaft und Betriebsräte auf die Situation des Konzerns in der Hansestadt aufmerksam machen. Das ist die Ausgangslage.
06.03.2020, 05:00
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Warum Betriebsräte und Gewerkschaft am Bremer Airbus-Standort mobilmachen
Von Maren Beneke
Warum Betriebsräte und Gewerkschaft am Bremer Airbus-Standort mobilmachen

In einer Erklärung wollen die Betriebsräte auf die Situation am Bremer Luft- und Raumfahrtstandort aufmerksam machen.

Mohssen Assanimoghaddam /dpa

Eine ihrer ersten Dienstreisen führte Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) im vergangenen August nach Leipzig. Dort setzte sie auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz ihre Unterschrift neben die von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), von weiteren Länderchefs sowie von Vertretern der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie und Gewerkschaften. Das gemeinsame Ziel dieses „Leipziger Statements für die Zukunft der Luftfahrt“: die Entwicklung der Luftfahrtbranche und somit Deutschlands als Standort für den Flugzeugbau zu stärken. Vogt fuhr damals in ihrer Funktion als Vorsitzende der Wirtschaftsministerkonferenz nach Leipzig. Sie wird bei ihrer Unterschrift aber vor allem die Zukunft des Bremer Standorts im Hinterkopf gehabt haben, der – längst nicht mehr ausschließlich, aber insbesondere – mit dem Airbus-Konzern verbunden ist.

Ein gutes halbes Jahr später in Bremen. Am Donnerstag waren die Mitarbeiter von Airbus Operations zu einer Betriebsversammlung eingeladen. In den kommenden Tagen und Wochen werden weitere Veranstaltungen dieser Art folgen. Freitag bei der Ariane Group, später auch bei Premium Aerotec, A400M und Airbus Defence and Space. Eingeladen haben die Betriebsräte der fünf Unternehmen, die sich vor einigen Jahren zum betriebsübergreifenden IG-Metall-Bündnis zusammengeschlossen haben. In einer Erklärung, die auf den Versammlungen verteilt wird und dem WESER-KURIER vorliegt, wollen sie die Belegschaft auf die Situation am Bremer Luft- und Raumfahrtstandort aufmerksam machen und dabei die Gemeinsamkeiten der fünf Sparten betonen: ein Standort, ein Bündnis, eine Belegschaft – so heißt es in der Erklärung. Es ist die erste größere, konzernübergreifende Aktion seit 2018, als 500 Mitarbeiter mit einer Mittagspausenaktion dafür gekämpft haben, dass sie mehr Arbeit bekommen.

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Fünf Sparten, ein Standort: Tatsächlich ist genau das offenbar gar nicht so selbstverständlich. Denn die fünf Unternehmen in Bremen sind auf ihren jeweiligen Gebieten Spezialisten. Da ist das Joint Venture Ariane Group (600 Mitarbeiter), bei der die Oberstufen für die Ariane-Trägerraketen gebaut werden. Da ist Airbus Defence and Space (800 Mitarbeiter), das unter anderem für das Antriebsmodul des US-Raumschiffs Orion verantwortlich zeichnet. Dazu kommt der Teilbetrieb A400M (700 Mitarbeiter), der sich einzig um den Bau des Rumpfs sowie um die Entwicklung des Frachtladesystems für das gefloppte Militärtransportflugzeug kümmert. Alle drei Sparten werden der übergeordneten Division Defence and Space zugerechnet.

Die Division Commercial Aircraft, also die zivile Luftfahrt, spiegelt sich in der Hansestadt beim Flugzeugbauer Airbus Operations (2900 Mitarbeiter) wider, der sich vorrangig darum kümmert, die Flügel der Airbus-Flugzeuge auszurüsten. Auch das Tochterunternehmen Premium Aerotec (500 Mitarbeiter), das als Zulieferer vor allem für Airbus arbeitet und in Bremen der Sitz des firmeninternen Kompetenzzentrums für Blech- und Thermoplastteile ist, wird dieser Division zugeordnet. Damit kann jede Veränderung innerhalb des Konzerns auch die Hansestadt treffen: Denn mit Ausnahme der Helikopter-Sparte sind alle Geschäftsbereiche der Airbus Group in Bremen vertreten. Diese Diversifizierung in die fünf heutigen Unternehmen ist der Konzernhistorie der vergangenen 20 Jahre geschuldet – und bundesweit einzigartig.

Die Beziehung der Sparten untereinander: Daraus ergibt sich naturgemäß der ein oder andere Nachteil für die Bremer Sparten. Sie stehen beispielsweise zum Teil in Geschäftsbeziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten. Etwa, wenn eines der Unternehmen zum Kunden des anderen wird – und das, obwohl beide unter das gleiche Konzerndach gehören. Durch die Geschäftsbeziehungen sind teilweise auch doppelte Arbeitsschritte nötig geworden. Ein Beispiel: Nach der Zergliederung von Astrium in die Ariane Group und Airbus Defece and Space findet die Qualitätssicherung ein und desselben Produktes nun in beiden Firmen statt. Hinzu kommt, dass es durch die Trennung der Bereiche nicht mehr so leicht möglich ist, Jobs von einem Unternehmen mit Auftragsflaute in ein anderes mit vollen Auftragsbüchern zu verlagern. Auch das war bei Astrium möglich.

Erschwerend kommt dazu, dass alle fünf Unternehmen nicht nur in Bremen, sondern auch an anderen Standorten vertreten sind, die damit auch untereinander in Wettbewerb treten. Zwar hat Airbus in Bremen durch Standort-Leiterin Imke Langhorst eine Stimme, die Entscheidungen über die Zukunft der einzelnen Sparten werden allerdings großteils andernorts getroffen. Und – wie in großen Konzernen üblich – gibt es an den Spitzen der Sparten, aber auch in den Standortleitungen der Unternehmen regelmäßige Wechsel.

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Die Kritik von Gewerkschaft und Betriebsräten: Genau da setzt die Kritik des IG-Metall-Bündnisses an. „Wir stellen fest, dass die von den Konzernzentralen der jeweiligen Betriebe verfolgten Strategien nicht abgestimmt sind und sich negativ auf den Airbus-Standort niederschlagen“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung, die seit Donnerstag mit einer Unterschriftenaktion begleitet wird. Bremen sei durch die massive Zergliederung geschwächt worden. Und angesichts der aktuellen Entwicklung, so heißt es weiter, müsse man zu der Vermutung kommen, dass der Standort Gefahr laufe, „auf einem Abstellgleis zu landen“.

Aktuell laufen Stellenabbauprogramme bei Airbus Defence and Space, bei A400M und bei Premium Aerotec. Auch in der Ariane Group sind zuletzt Jobs verloren gegangen. Die ganz große Sorge der Arbeitnehmervertreter, die über allem schwebt: Verliert die Hansestadt ein Unternehmen, könnten weitere folgen, weil Bremen zwar in allen Bereichen vertreten ist, aber nirgends so richtig das Sagen hat.

Für das Bündnis hat der Konzern auch eine gesellschaftliche Verpflichtung, Jobs an den Standorten in Deutschland zu erhalten und dort die Produktion weiterzuentwickeln: schließlich sei der deutsche Staat für Airbus Defence and Space der größte Auftraggeber – siehe A400M – und das Konzernwachstum basiere zu einem Großteil auf deutschen Steuergeldern.

Die Rolle des Bundes: Der Bund ist an dem Konzern mit Konzernzentrale im französischen Toulouse beteiligt. 2012 hatte er die Airbus-Aktien von Daimler übernommen – ein Anteil von 7,5 Prozent – und hält seither elf Prozent. Mit den Papieren dürfte Deutschland im Übrigen in den vergangenen Jahren einen satten Gewinn von gut sieben Milliarden Euro gemacht haben. Denn seit 2012 hat sich der Kurs des Konzerns verfünffacht.

Die Situation des Konzerns: Ganz so düster, wie man es aus der Erklärung herauslesen mag, sieht die Zukunft von Airbus in Bremen nicht aus. Zwar hat der Mutterkonzern im vergangenen Jahr mit einem Verlust von knapp 1,4 Milliarden Euro tiefrote Zahlen geschrieben. Das lag allerdings vor allem an den Milliardenstrafen, die Airbus wegen eines Korruptionsskandals zu zahlen hatte. Das herausgerechnet, war 2019 für den Luftfahrt- und Rüstungskonzern ein Rekordjahr. Längst hat sich Airbus auf den Weg gemacht, Boeing als größtes Luft- und Raumfahrtunternehmen abzulösen.

Gute Nachrichten gab es im vergangenen Jahr für den Raumfahrtbereich. Im November hatte die Europäische Weltraumorganisation Esa ihr Budget für die kommenden drei beziehungsweise fünf Jahre unerwartet stark auf 14,4 Milliarden Euro angehoben. Bei der vorangegangen Runde 2016 waren es noch 10,3 Milliarden Euro. Von dem gestiegenen Budget profitiert auch der Bremer Airbus-Standort. Die Ariane Group und Airbus Defence and Space sind in viele der Programme, denen das Geld zufließt, involviert.

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Die Ausgangslage am Standort: Zudem sind die Auftragsbücher etwa für den A320, der vom Bremer Werk ausgerüstet wird, voll. Standortleiterin Langhorst sagte im Sommer im Gespräch mit dem WESER-KURIER, dass allein für diese Flugzeugfamilie 6000 Maschinen in den Auftragsbüchern vermerkt seien. Zusätzliche Arbeitspakete gab es auch durch die Verkaufserfolge beim A320neo und dem A321. Die Frage nach einer Beschäftigungssicherung im Bremer Werk bejahte sie – auch mit Blick auf die Auftragsbestände, die ihren Angaben zufolge Arbeit von bis zu neun Jahren entspreche. Und die Diversifizierung am Standort kann auch von Vorteil sein: „In fast allen Airbus-Produkten steckt ein Stück Bremen“, sagte Langhorst, „das macht uns flexibel.“

Hinzu kommt, dass Bremen nicht nur ein reiner Produktionsstandort ist, hier finden auch Forschung und Entwicklung statt. 300 Bremer Airbus-Mitarbeiter sind in das Ecomat in der Airport-Stadt gezogen. Sechs Jahre ist es her, dass Bremen die benötigten knapp 60 Millionen Euro bewilligte. Eine Investition in den Standort, der auch in Berlin und Toulouse nicht unbeachtet geblieben sein dürfte. Das gemeinsame Luftfahrt-Forschungszentrum von Airbus und der Hansestadt ist ein Vorzeigeprojekt für Technologie-Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Am Standort in der Airport-Stadt wird vorrangig rund um die Schlüsseltechnologie Leichtbau geforscht und entwickelt – Wissen, das nicht nur dem Standort, sondern auch dem Konzern und am Ende der Gesellschaft zugutekommt. Denn: Leichtere Flugzeuge verbrauchen weniger Energie.

Die Zukunft für Bremen: Vor allem im Bereich des ökoeffizienten Fliegens, bei dem Leichtbau eine große Rolle spielt, können die norddeutschen Standorte und damit auch Bremen punkten. „Ökoeffizienz für die Zukunft der Luftfahrt“ ist als erstes Handlungsfeld im „Leipziger Statement“ aus dem vergangenen Jahr festgehalten. Darin heißt es: „Die Bundesregierung fördert die Entwicklung neuer Antriebsformen sowie weiterer schonender Flugzeugtechnologien im Rahmen des Luftfahrtforschungsprogramms und wird dieses (...) ausbauen.“ Wirtschaftssenatorin Vogt versprach, dass die Bremer Unternehmen und Wissenschaft davon „erheblich profitieren“ würden.

Und längst hat man sich in der Hansestadt auch unternehmensübergreifend auf den Weg gemacht: Das Wirtschaftsressort hatte vor gut einem Jahr zur ersten Sitzung des Runden Tisches Luft- und Raumfahrt Bremen eingeladen. Teilnehmer der Treffen sind neben den Airbus-Unternehmen andere große Firmen wie OHB, aber auch Zulieferer, wissenschaftliche Institute und Gewerkschaften. Ein weiterer Vorteil der Hansestadt: die kurzen Wege zum Flughafen, über den Teile, aber natürlich auch Airbus-Mitarbeiter von und nach Bremen geflogen werden.

Auch Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt ist des Reisens nicht müde. Erst in der vergangenen Woche war sie beim sogenannten Airbus-Take-off in Hamburg, um Hände zu schütteln. Mit Airbus-Deutschland-Chef Oliver Vogelgesang soll sie dort über neue Antriebe, alternative Treibstoffe und ökoeffizientes Fliegen gesprochen haben. Einen Besuch in Toulouse gab es bislang noch nicht, aber er ist fest eingeplant.

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