Abstellgleis statt Cockpit

Warum ein Bremer Flugschüler seine Ausbildung fortsetzen möchte

Ein Flugschüler fühlt sich von der European Flight Academy schlecht informiert. Die Schule, die in Bremen ihren Hauptsitz hat, rät den Schülern, die Ausbildung abzubrechen – der Schüler will weitermachen.
06.10.2020, 12:46
Lesedauer: 5 Min
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Warum ein Bremer Flugschüler seine Ausbildung fortsetzen möchte
Von Peter Hanuschke
Warum ein Bremer Flugschüler seine Ausbildung fortsetzen möchte

Im Cockpit ist für angehende Piloten laut Airlines derzeit kaum ein Platz frei.

Daniel Reinhardt /dpa

Seinen Traumberuf hat er gefunden – Pilot in einer Verkehrsmaschine. Doch ob Frank, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, diesen Beruf jemals ausüben wird, ist fraglich. Derzeit ist er in der Ausbildung, die auch an der Bremer Verkehrsfliegerschule stattfindet und die seit 2017 unter dem Namen European Flight Academy (EFA) zu einem Verbund gehört.

Vor der Corona-Pandemie stand der Karriere nichts im Wege: Wer die umfangreichen Aufnahmetests erfolgreich hinter sich gebracht hat und zu denjenigen gehört, die es nach dem anschließenden Auswahlverfahren an eine der Verkehrsfliegerschulen, die zur Lufthansa Group gehören, geschafft haben, dem war der Weg ins Cockpit vorgezeichnet. Nun lässt Corona alle Träume platzen – zumindest rät die EFA zum Ausbildungsabbruch. Unter der Marke EFA vereint Lufthansa Aviation Training (LAT) seit 2017 alle Flugschulen der Lufthansa-Gruppe unter einem Dach. LAT möchte, dass die etwa insgesamt 700 Flugschüler ihre Verträge auflösen. Das wurde den Schülern in der vergangenen Woche mitgeteilt, nachdem sie wochenlang nichts gehört hatten. Die Flugschulen sind wegen der Pandemie seit März geschlossen, wie es weitergeht, ist ungewiss.

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„Mit uns hat keiner in den Wochen zuvor geredet“, behauptet Flugschüler Frank im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Jetzt haben sie uns quasi vor vollendete Tatsachen gestellt und bauen einen enormen Druck auf: Wenn wir das Ausbildungsverhältnis kündigen, dann brauchen wir die bislang aufgelaufenen Schulden nicht zurückzuzahlen. Und wer sich für ein Weitermachen der Ausbildung entscheidet, der hat am Ende die Pilotenlizenz in der Tasche, aber 80.000 Euro Schulden und keine Aussichten, den Beruf auszuüben.“ Die Taktik sei, Angst zu machen, bestätigt ein weiterer Flugschüler.

„Uns ist bewusst, dass die Schülerinnen und Schüler der EFA vor schwierigen Entscheidungen stehen und besonders viele Fragen haben“, sagt LAT-Sprecher Dirk Sturny auf Nachfrage. „Es gab und gibt in regelmäßigen Abständen virtuelle Sprechstunden und das Angebot, sich jederzeit persönlich an unser EFA-Team über eine eingerichtete Telefonhotline zu wenden.“ Der LAT sei bewusst, dass man von allen Beteiligten viel Geduld abverlangt habe, so Sturny. Die Thematik sei komplex. „Strategische Unternehmensentscheidungen durchlaufen mehrere Prozesse und Gremien und werden nicht leichtfertig getroffen. Seit Monaten sind wir im Dauereinsatz, um eine marktfähige Lösung für Flugschüler, aber auch für unsere Mitarbeiter zu finden.“ Dies habe leider bis in den September gedauert.

Keine Chance aufs Cockpit

„Trotz des Drucks, der da momentan aufgebaut wird, möchte ich meine Ausbildung zum Piloten beenden“, sagt Frank. Er habe ein besseres Gefühl, wenn er gegenüber LAT anonym bleibe. „Ich mache mir keine Illusion, dass in den nächsten zwei, drei Jahren neue Piloten eingestellt werden, aber danach ist vielleicht wieder etwas möglich. Und wenn die jetzt meinen Namen lesen, hätte ich überhaupt keine Chance aufs Cockpit.“

Dass Corona im Flugverkehr Spuren hinterlassen hat und ihn weiterhin einschränkt, ist auch Frank klar. Nur noch ein Bruchteil der Maschinen hebt weltweit ab. Der Flugverkehr liegt am Boden. Und wann und wie er wieder steigt, dazu gibt es von den Airlines düstere Prognosen. Allein bei der Lufthansa stehen nach eigenen Angaben 1100 von etwa 5000 Pilotenstellen vor dem Aus.

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„Wir müssten doch an einem Strang ziehen“, so der Flugschüler. Ob es Optionen gebe, etwa die Ausbildung eventuell zu strecken oder andere Alternativen, darüber sei mit ihnen nicht gesprochen worden. „Dabei haben wir doch die gleichen Interessen wie die Lufthansa.“

Intern sei den Flugschülern aktuell mitgeteilt worden, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren keine neuen Piloten benötigt werden, sagt Frank. „Dieses Statement wurde uns nahezu eingeprügelt.“ Dabei sei vorher immer gesagt worden, dass man die Entwicklungen im Flugverkehr für sechs bis zwölf Monate im Voraus berechnen könne. Hinter der Informationspolitik der Lufthansa und der LAT stecke, so seine Meinung, eben eine Strategie des Angstmachens.

Zukunftsaussichten um 180 Grad gedreht

Die Corona-Krise habe die Lufthansa bekanntlich innerhalb von nur wenigen Wochen an den Rand der Insolvenz geführt, sagt LAT-Sprecher Sturny. „Damit einhergehend haben sich die Zukunftsaussichten für Piloten binnen kürzester Zeit um 180 Grad gedreht.“ Auf sehr lange Zeit hätten sämtliche Airlines weltweit keinen Bedarf an Piloten, mit oder ohne Flugerfahrung. „Es ist für uns ein Gebot der Fairness, unseren Flugschülerinnen und -schülern diese Branchenaussicht in aller Deutlichkeit zu erläutern, damit sie frühzeitig über Alternativen nachdenken können.“

Mit Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen habe man angesichts einer einmaligen Krisensituation und einem Mittelabfluss des Lufthansa-Konzerns von gegenwärtig 500 Millionen Euro pro Monat dem Gebot der Wirtschaftlichkeit höchste Priorität beizumessen. Dies diene nicht zuletzt dem Ziel, so viele Mitarbeiter wie möglich an Bord zu halten. Man müsse den Weg einer Redimensionierung gehen, um die Chance zu wahren, „unsere bisherige Stärke zu erhalten“. Dies gelte auch für die European Flight Academy als führende Flugschule Europas.

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Rückblick: Frank ist im übertragenen Sinne vor über einem Jahr aus seinem Studium herausgeholt worden. Um den Bedarf an künftigen Piloten zu decken, habe die Lufthansa intensiv akquiriert. „Dieses aggressive Marketing mit Sprüchen wie ,Es gab nie einen besseren Zeitpunkt, Pilot zu werden, als jetzt‘ hat mich davon überzeugt, mein Studium zu beenden.“ Sicherlich sei schon vorher ein Stück Begeisterung für die Fliegerei da gewesen, aber „erst dann hatte ich den Entschluss gefasst, mich überhaupt zu bewerben“. Die Zeiten haben sich geändert. Lufthansa ist vom ehemals sicheren Arbeitgeber zum Konzern geworden, der ohne staatliche Hilfen pleitegegangen wäre. „Intern wurde uns jetzt deutlich gemacht, dass es nie einen besseren Zeitpunkt gab, sich beruflich umzuorientieren.“

Dass Frank trotz der Warnungen seine Ausbildung fortsetzen möchte, hat nicht nur mit einem Bauchgefühl zu tun. „Ich gehe davon aus, dass ich mit dieser Lizenz meine Chancen bekommen werde.“ Außerdem bestehe die Möglichkeit, ein passendes Studium anzuhängen. Problem sei dann in ein paar Jahren, wie er das Geld zurückzahlen könne. „Das weiß ich jetzt noch nicht.“ Es könne aber auch nicht sein, „dass wir hier so abgefertigt werden, uns jetzt eine Frist gegeben wird und wir uns schnell entscheiden müssen. Das ist eine Entscheidung fürs Leben.“ Es gebe nicht einmal das Angebot von Beratungsgesprächen. Man werde vollkommen alleingelassen. So gehe man nicht mit Menschen um, die man vor einem Jahr noch unbedingt haben wollte. „Eine verantwortungsvolle Airline darf sich so nicht verhalten.“ In ein paar Jahren werde es den Bedarf an Piloten wieder geben. „Doch diese beiden Ausbildungsjahrgänge sollen einfach von der Bildfläche verschwinden.“

Ausbildung bei Drittanbietern

Fraglich ist seiner Ansicht nach auch das Angebot für diejenigen, die ihre Ausbildung fortsetzen, aber das nicht an einer EFA-Schule machen dürfen. Davon seien diejenigen betroffen, die noch nicht die einjährige theoretische Ausbildung in Bremen und die erste viermonatige Praxisphase in den USA hinter sich gebracht haben. „Die will die EFA dann bei Drittanbietern ausbilden lassen.“

Der Vertrag beinhalte zwar auch eine Vereinbarung mit der Möglichkeit einer Verlagerung der Ausbildung an externe Anbieter, aber die Frage sei, welche Lizenz man da bekomme. „Natürlich kann es nur um die MPL, die Multi-Crew Pilot Licence, gehen. Das ist die Lizenz, die ich bei der EFA bekomme und die mich dazu befähigt, mich im internen Stellenmarkt der Airlines der Lufthansa Group zu bewerben.“ Frank bezweifelt, dass es genügend Flugschulen gibt, die die entsprechenden Zertifizierungen des Luftfahrtbundesamtes vorhalten können. Es könne außerdem nicht angehen, so Frank, dass eine Airline, die mit öffentlichen Geldern unterstützt wird, auf günstigere externe Anbieter zurückgreife, und „die eigenen Fluglehrer sind in Kurzarbeit“.

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++ Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version hatten wir ein Pseudonym verwendet, das zu einer Verwechslung hätte führen können. ++

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