Nicht nur für den Naturschutz

Warum immer mehr Firmen in Bremen eigene Bienen züchten

Honig ist eines der ältesten Lebensmittel. Wenn er dann noch aus der Region kommt, ist er erst recht im Trend. Nicht nur für den Naturschutz setzen inzwischen immer mehr Unternehmen in Bremen auf Bienenvölker.
15.10.2019, 05:30
Lesedauer: 4 Min
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Warum immer mehr Firmen in Bremen eigene Bienen züchten
Von Florian Schwiegershausen
Warum immer mehr Firmen in Bremen eigene Bienen züchten

Qualitätsmanagerin und Imkerin Christina Winter (rechts) und Azubi Ricarda Busch ernten bei Roha Arzneimittel den Honig.

Roha

In Deutschland ist die Zahl der Bienenvölker wieder ansteigend. Nach Angaben des Deutschen Imkerbunds waren es Ende 2018 knapp 900.000 Bienenvölker. Zehn Jahre zuvor gab der Imkerbund die Zahl noch mit weniger als 700.000 Völker an. Dass es wieder mehr geworden sind, ist zum Teil auch Unternehmen zu verdanken, die die fleißigen Tiere als Marketingbotschafter entdeckt haben – und es werden immer mehr Firmen. Entweder gibt es jemanden im Betrieb, der freiwillig einen Imkerkurs mitmacht, oder die Unternehmen mieten sich Bienen.

Beim Bremer Traditionsunternehmen Roha Arzneimittel in Bremen-Oberneuland ist es Christine Winter, die sich mit einigen Azubis und Mitarbeitern um die Bienen kümmert. Die Apothekerin leitet in der Firma, die dieses Jahr ihren hundertsten Geburtstag feierte, das Qualitätsmanagement. Doch inzwischen ist sie im Unternehmen auch die Bienen-Mutter. Vor sechs Jahren zogen die ersten Bienenvölker auf dem Gelände ein. Winter machte einen Imkerkurs und kümmert sich seitdem um die Tiere. Für sie haben die Insekten fast schon etwas Meditatives: „Wenn man von den Bienen zurück an den Schreibtisch kehrt, fühlt man sich sehr entspannt.“

35 Kilo Honig

Während Winter privat sechs Bienenvölker hat, sind es bei Roha gerade zwei neue, von denen es zum ersten Mal Honig gegeben hat. 35 Kilogramm konnte die Qualitätsmanagerin ernten: „Da es sich um Jungvölker handelt, wird es im kommenden Jahr wohl mehr Honig sein.“ Auch die Azubis haben mitgeholfen. „So sollen die Auszubildenden auch ein Empfinden dafür bekommen“, sagt Winter. Für Ricarda Busch, die eine Ausbildung zur Industriekauffrau macht, war es ihr Projekt, über das sie ihren Fachreport geschrieben hat.

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Das Unternehmen stellt alle Arzneimittel auf pflanzlicher Basis her, einige davon aus Honig oder Propolis. Das ist eine harzähnliche Substanz, mit der die Bienen den Stock überziehen. Das soll das Eindringen von Krankheiten verhindern. Laut Winter gibt es für die Bienen in Oberneuland ein ausreichendes Angebot an Blüten. Generell stellt Winter als Imkerin fest: „Gut ist es, wenn man Bienen hat und ein Friedhof in der Nähe ist.“ Die Erklärung gibt sie gleich dazu: „Auf einem Friedhof gibt es das ganze Jahr über Blumen. Ein Rapsfeld blüht dagegen nur zwei bis drei Wochen pro Jahr.“ Der firmeneigene Honig ist aber nur für Mitarbeiter. Einige Gläser gehen zur Marketingabteilung, die den Honig dann als Geschenk an Kunden verschickt.

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In der Vahr gibt es inzwischen Rennbahnhonig. Um das möglich zu machen, hat das Atlantic-Hotel an der Galopprennbahn die Patenschaft für die Bienen übernommen, die auf der Wiese in der Nähe des Gebäudes ihren Stock stehen haben. Imker Marten Carstensen kümmert sich darum; in diesem Jahr konnte sie bereits 130 Kilo Honig „ernten“. Das Blütenangebot auf dem Areal eigne sich hervorragend. Die Hotelgäste können den Honig zum Frühstück genießen, er wird aber auch in Gläsern zum Verkauf angeboten.

95 Prozent Honig von eigenen Bienen

Der Heizungsgroßhändler August Brötje in Hemelingen, der zur Gut-Gruppe gehört, bietet seit zwei Jahren Bienen ein Zuhause. Die Bienenvölker sind gemietet, was auf eine Idee des Imkers Dieter Schimanski mit seinem Unternehmen Bee-Rent zurückgeht. Seine Bienenvölker sind auch bei der Sparkasse Bremen oder beim Logistikkonzern BLG Logistics angesiedelt. Momentan beschäftigt er drei Mitarbeiter, überlegt aber inzwischen, einen vierten einzustellen. Gerade erlebt das Team arbeitsreiche Wochen. Der Honig ist inzwischen bei allen Firmen aus den Waben geschleudert. „Dabei garantieren wir, dass in jedem Glas zu 95 Prozent der Honig von den eigenen Bienen enthalten ist.“ Aus technischen Gründen lasse sich nicht ganz vermeiden, dass in der Schleuder noch Honig von anderen Bienen enthalten sei.

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Dann müsse der Honig einige Wochen reifen und dabei cremig gerührt werden, damit er nicht kristallisiert. Wie schnell er sonst kristallisiere, hänge davon ab, wieviel Traubenzucker enthalten ist, sagt Schimanski. „Bis November füllen wir den Honig in Gläser ab. Wenn einige Firmen den Honig schon im August benötigen, berücksichtigen wir das.“ Aber die Mehrheit der Betriebe verschenke den Honig in der Weihnachtszeit an seine Mitarbeiter und Kunden. Daher sei der November ausreichend. Weil sein Geschäft mit den Bienen zum Mieten so gut läuft, ist Schimanski vor einem Jahr von Bremen nach Ganderkesee umgezogen. „Bienen brauchen Platz, aber ein größeres und auch bezahlbares Areal konnten wir in Bremen nicht finden“, begründet das der Imker.

Seine Idee gibt Schimanski nun als Franchise-System weiter: „Bei der Gut-Gruppe hat Brötje den Anfang gemacht, die anderen gut 40 Standorte bundesweit haben nun auch Bienenvölker auf ihrem Firmengelände.“ Um sie kümmern sich die Partner vor Ort. Bei Preisen von 179 bis 199 im Monat, die die Firmen pro Volk zahlen, bedeutet das für die Imker eine sichere Existenz. „Bei hauptberuflichen Imkern geht es ja nur um den Ertrag. Das macht es ihnen schwer, davon zu leben“, sagt Schimanski. „Bei uns steht die Biene im Mittelpunkt. Und ohne Imker gibt es keine Bienen.“ Der Anbau von Blumenwiesen-Streifen allein reiche da eben nicht aus.

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KfW-Preis für Bee-Rent

Das in Bremen gegründete Unternehmen Bee-Rent wird nun für seinen umweltfreundlichen Ansatz ausgezeichnet. Das Konzept von Dieter Schimanski helfe, das Bienensterben zu verringern, hieß es am Montag zur Begründung, warum der mit 5000 Euro dotierte Sonderpreis für Social Entrepreneurship im Wettbewerb KfW Award Gründen an das 2015 von Dieter Schimanski gegründete Unternehmen geht. Bee-Rent verleihe die Bienenvölker für jeweils mindestens zwei Jahre an Unternehmen und Privatpersonen und kümmere sich am Standort um die Pflege. Damit werde es den Kunden leicht gemacht, sich für Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu engagieren, teilte die Förderbank KfW in Berlin mit.

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