Das große Hin und Her

Was das Pendeln für Kopf und Körper bedeutet

Gerade wer oft lange Strecken auf der Straße zurücklegt, muss stärkere Belastungen aushalten – und gut mit dem Stress umgehen können. Wie Pendler ihre Wege erleben, das hängt nicht nur vom Verkehrsmittel ab.
06.01.2020, 19:26
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Was das Pendeln für Kopf und Körper bedeutet
Von Lisa Boekhoff
Was das Pendeln für Kopf und Körper bedeutet

Der typische Pendler ist männlich und fährt mit dem Auto.

Julian Stratenschulte

Der Trend ist eindeutig. Die Bewegung zum Arbeitsplatz nimmt insgesamt zu. Immer mehr Menschen pendeln weitere Strecken und brauchen dafür mehr Zeit. Der typische Pendler in Deutschland ist ein Mann, hoch qualifizierter Haupt- und Besserverdiener, zwischen 35 und 55 Jahre alt – und sitzt im Auto. Das zeigt der Report der Techniker-Krankenkasse (TK). Für ihre Untersuchung „Mobilität in der Arbeitswelt“ hat die TK Daten von in der Spitze 4,8 Millionen Versicherten ausgewertet. Im zweiten Schritt wurden weitere Studien zusammengefasst.

„Wir haben in der Studie festgestellt: Je länger die Zeit des Pendelns ist, desto höher werden die Belastungen für die Menschen. Die benötigte Zeit ist entscheidender als die zurückgelegte Wegstrecke“, sagt Wiebke Arps, Referentin der TK mit dem Schwerpunkt betriebliches Gesundheitsmanagement. Welche Folgen diese Belastungen haben, das sei jedoch unterschiedlich: „Es geht überwiegend um das Stresserleben der Menschen. Das ist sehr individuell.“

Lesen Sie auch

Die Untersuchung der Techniker-Krankenkasse befindet, dass das Pendeln „tendenziell mit zahlreichen psychischen, körperlichen und sozialen Gesundheitsbelastungen verknüpft“ sei. Die Auswirkungen seien aber von fünf Faktoren abhängig: Pendelmodus, Pendelentfernung, Pendeldauer, Geschlecht sowie Erlebnisse auf der Pendelstrecke. Ein Ergebnis demnach: Frauen litten stärker unter den gesundheitlichen Folgen des Pendelns, obwohl sie insgesamt weniger lange und weit pendeln.

Und das Verkehrsmittel hat einen Effekt: „Besonders das Pendeln mit dem Auto, über weite Entfernungen und eine lange Zeitdauer beeinträchtigt den Gesundheitszustand in all seinen Facetten.“ Wer aktiv pendelt, also zu Fuß geht oder Rad fährt, der könnte dagegen sogar profitieren. Annekathrin Gut, Sprecherin des Bremer IT-Unternehmens HEC, kennt Kollegen, die selbst längere Strecken mit dem Fahrrad fahren – über Bremens Landesgrenzen hinaus. Selbst nach Osterholz-Scharmbeck und nach Bremen-Nord mache es das E-Bike möglich. Arps betont, dass die Ergebnisse sich nicht einfach auf alle Pendler übertragen lassen. Denn Stress sei kein Merkmal, das bei allen gleich erlebt werde. Es gebe auch Menschen, die mit ihrer halben Stunde im Auto glücklich seien, den Wagen als Kokon erlebten, ihre Ruhe und Musik hätten und den Stau einfach Stau sein ließen.

Neben der individuellen Anpassung spiele auch der generelle Rahmen eine Rolle: Wer rigide Arbeitszeiten habe, für den könnten bereits wenige Minuten im Auto Stress bedeuten. Darum plädiert Arps dafür, dass Unternehmen stärker auf die Belastung der Mitarbeiter achten. Die Untersuchung habe auch den Hintergrund, das Bewusstsein der Arbeitgeber zu schärfen, dass sie Einfluss auf die zusätzliche Belastung der Pendler haben: „Letztendlich haben auch die Arbeitgeber das Nachsehen, wenn die Mitarbeiter deswegen krank werden.“ Entzerrte, flexiblere Arbeitszeiten seien eine Erleichterung, die Möglichkeit zu Homeoffice eine zweite. Für Misstrauen gebe es keinen Grund: „Dieses Gefühl des Arbeitgebers, dass Mitarbeiter weniger leisten, ist nachgewiesen falsch.“

Verkehrsunternehmen müssten zudem genügend Busse und Bahnen einsetzen, damit es in der Rushhour am Morgen und Abend kein Gedränge gebe. Denn auch das mache schließlich Stress. Pendler selbst sollten vor allem rechtzeitig losfahren – mit einem Puffer. Auf rote Ampeln und Staus reagiere man dann mit mehr Gelassenheit. Überhaupt sei es eine Einstellungssache, ob man sich stressen lasse. Jeder müsse den für sich passenden Weg finden. Gerade bei langen Pendelstrecken ließen sich schon gesundheitliche Veränderungen im Krankheitsgeschehen feststellen. „Das wirkt sich häufiger auf die Psyche aus – aber auch auf den Körper.“ Wichtig sei es dabei, Symptome wie Kopf- und Rückenschmerzen oder Hektik wahrzunehmen, die als Ursache den Stress beim Pendeln haben können und nicht zu ignorieren: „Wir sind natürlich gute Verdränger.“

Lesen Sie auch

Viele Studien zeigten, dass immer mehr Menschen zur Arbeit pendelten. Das liege auch am Druck auf den Wohnungsmarkt: In Großstädten und Ballungszentren sei der Wohnraum einfach viel zu knapp – insbesondere der bezahlbare Wohnraum. „Was macht dann jemand, der eine Familie gründet und eine größere Wohnung sucht oder ein Haus bauen will? Der ist gezwungen, ins Umland zu ziehen.“

In Hamburg, Hauptsitz der Techniker-Krankenkasse, beobachtet Arps, dass der Speckgürtel in diesen Zeiten wächst: „Das Umland wird immer größer. Früher ist man in Hamburg nach Norderstedt gezogen – knapp über die Stadtgrenze. Inzwischen fährt man noch mal weiter und landet schon in Kaltenkirchen. Dann ist man bei einer fast doppelt so langen Pendelstrecke.“ In Hamburg sei dabei die Elbe für Autofahrer regelmäßig eine Hürde: „Die Elbüberquerung ist unser Nadelöhr. Irgendwo ist immer Stau.“

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+