20.000 laufende Ausbildungsverhältnisse

Bremer Auszubildende stehen vor ungewisser Zukunft

Kurzarbeit, verpasster Unterricht und zurückgenommene Arbeitsangebote – was die Corona-Zeit für Bremer Azubis bedeutet.
24.04.2020, 05:19
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Auszubildende stehen vor ungewisser Zukunft
Von Elena Matera
Bremer Auszubildende stehen vor ungewisser Zukunft

Auch richtiges Schweißen will gelernt sein. Aktuell sind in Bremen rund 10.000 Ausbildungsverhältnisse registriert.

Waltraud Grubitzsch/dpa

Ob im Friseurhandwerk, in der Pflege oder im Einzelhandel – zahlreiche Auszubildende in Bremen haben mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen. In vielen Betrieben gibt es Kurzarbeit, Berufsschulen sind geschlossen und die schriftlichen Abschlussprüfungen mussten verschoben werden. Eigentlich hätten die Prüfungen zwischen Ende März und Mitte Mai stattfinden sollen. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) haben die Termine bundesweit auf Mitte Juni gelegt. „Aktuell sind bei uns in Bremen gut 10 000 laufende Ausbildungsverhältnisse registriert“, sagt Michael Zeimet, Geschäftsführer für Ausbildung bei der Handelskammer Bremen. Insgesamt gebe es derzeit rund 20 000 Auszubildende im Land Bremen.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Azubis sind laut Zeimet sehr unterschiedlich, je nachdem, ob es sich eher um Bürotätigkeiten oder um gewerblich-technische Tätigkeiten handelt. Einige Azubis müssten im Homeoffice arbeiten. In diesen Fällen müsse der Ausbilder erreichbar sein, um für Fragen ansprechbar zu sein. Zahlreiche Auszubildende müssten auch in Kurzarbeit arbeiten. „Das passiert allerdings erst, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind“, sagt Zeimet. Sollte für Azubis Kurzarbeit angeordnet werden, hätten sie Anspruch auf Zahlung der vollen Ausbildungsvergütung für mindestens sechs Wochen.

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Je nach Unternehmen und Berufsschule werde zudem auf unterschiedliche Weise versucht, die Ausbildungsinhalte trotz der aktuellen Ausnahmesituation weiter zu vermitteln. Mit den verschobenen Prüfungen will die Handelskammer laut Zeimet gewährleisten, dass möglichst alle Auszubildenden ihre Abschlüsse rechtzeitig zum Ende der Monate Juli und August erlangen und die neuen Ausbildungen am 1. August und 1. September 2020 beginnen können.

Andreas Meyer, Geschäftsführer der Handwerkskammer Bremen, ist zumindest zuversichtlich, dass die Azubis im dritten Lehrjahr ihre Ausbildung wie geplant beenden können. Im Handwerk sei die Situation für die ­Aus­zubildenden zweigeteilt. Im klassischen Bau- und Ausbauhandwerk werde über­wiegend weitergearbeitet. Betriebe wie Friseure, Kosmetiker oder Goldschmiede seien hingegen geschlossen. Die Azubis seien in diesen Fällen zu Hause und könnten nicht arbeiten.

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„Sie verpassen Ausbildungszeit und Lerninhalte“, sagt Meyer. Azubis in den ersten Lehrjahren könnten das noch nachholen. Für die Auszubildenden, die kurz vor den Abschlussprüfungen stehen, sehe das anders aus. „Ich hoffe, dass wegen Corona die Azubis nicht reihenweise durch die Prüfung fallen. Das ist schwer abzuschätzen“, sagt Meyer. „Prüfungsausschüsse müssen im Einzelnen schauen, wann der letzte Unterricht in der Berufsschule stattgefunden hat und in welchem Gewerk der Azubi arbeitet. Nur dann sind die Prüfungen gerecht.“ Viele Fragen bleiben laut Meyer noch offen. Wann können die Betriebe wieder arbeiten? Wann werden die Prüfungen tatsächlich stattfinden? Und in welcher Form können sie ablaufen? „Wir hoffen, dass die Details in den kommenden Wochen geklärt werden“, sagt Meyer.

Einige dieser Details wurden bereits durch die Bundesregierung mitgeteilt. So wurde von der Regierung gesagt, dass der Unterricht ab dem 4. Mai starten kann. „Für Bremen wurde dann der 27. April als Starttermin genannt. Das müssen wir jetzt alles organisieren“, sagt Katja Ollmann, Leiterin der Berufsschule für den Großhandel, Außenhandel und Verkehr in Bremen. Insgesamt gebe es aktuell 1700 Azubis in ihrer Berufsschule.

Ab dem 27. April sollen zunächst die Abschlussklassen unterrichtet werden. Die Klassen müssen dafür laut Ollmann in zwei Räume aufgeteilt werden, damit der Mindestabstand eingehalten werden kann. Ab dem 4. Mai könnten anschließend die Schüler aus dem zweiten Ausbildungsjahr zurück in die Be­rufsschule. Erst wenn die Abschlussklassen entlassen seien, könnte auch die Unterstufe aus dem ersten Jahr in die Schule dazukommen.

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In den vergangenen Wochen fand der Unterricht digital über „It‘s learning“ und per E-Mail-Verkehr statt. Doch nicht alle Azubis konnten an dem Unterricht teilnehmen. „Es gab ja den Aufruf, dass Azubis in systemrelevanten Berufen in den Betrieben voll arbeiten sollen“, sagt Ollmann. Dafür habe sie auch Verständnis. Viele Betriebe hätten jedoch Kurzarbeit angeordnet, nur die Azubis mussten weiter in Vollzeit arbeiten und hätten so keine Zeit für die Berufsschule erhalten. Normalerweise gebe es für sie zwei Berufsschultage in der Woche.

„Ich finde dieses Vorgehen sehr bedenklich. Die Azubis werden eingesetzt, die Betriebe zu retten. Sie verpassen dadurch Unterricht, haben keine Zeit zum Lernen und so einen Nachteil bei den Prüfungen“, sagt Ollmann. Gerade die schriftlichen Prüfungen würden sich auch auf die Inhalte beziehen, die die Auszubildenden in der Berufsschule gelernt haben. Für Ollmann steht daher fest: Der aktuelle Zustand dürfe nicht weiter anhalten. Für einige Azubis hätte es auch die Chance zu einer Übernahme im Betrieb gegeben, doch diese sei in vielen Fällen wieder abgesagt worden. Auch das sei eine unschöne Situation für die Azubis, sie stehen vor einer ungewissen Zukunft.

„Für viele Bremer Auszubildende ist die Situation im Moment sehr schwierig“, sagt Nonni Morisse, Jugendsekretär der Gewerkschaft Verdi in Bremen und Nord-Niedersachsen. Eine gute Nachricht sei, dass es bisher noch keine Kündigungen gegeben habe. „Das hatten wir zunächst befürchtet“, sagt Morisse. Die Kurzarbeit, die auch für viele Azubis beantragt wurde, sieht Morisse kritisch. „Azubis bekommen bereits wenig Gehalt. Dieses wird nun noch mal gekürzt“, sagt er. Negativ sei auch, dass die Azubis für längere Zeit nicht ausgebildet werden könnten, etwa in Friseurbetrieben. Die verpasste Ausbildungszeit lasse sich nur schlecht nachholen.

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Im öffentlichen Dienst würden viele Auszubildende und Dualstudierende in Behörden wie der Bremer Aufbaubank eingesetzt, die unter einer hohen Belastung arbeiten müssten. In der Pflege seien die Schülerinnen und Schüler den gleichen Belastungen und Gefahren durch mangelnde Schutzausrüstungen wie die examinierten Kräfte ausgesetzt. Gleichzeitig müssten sie sich um ihre Examensprüfung sorgen, für die an den Pflegeschulen kein Unterricht mehr stattfindet. Auch das sehe die Gewerkschaft Verdi kritisch.

„Wichtig wäre aus unserer Sicht, eine Art Schutzschirm für Auszubildende einzuführen“, sagt Morisse. Es müsse eine Aufstockung der Ausbildungsvergütungen in Kurzarbeit und eine Perspektive geben, was mit versäumten Ausbildungsinhalten und Abschlussprüfungen passiert. „Noch schätzen wir die Situation nicht zu kritisch ein“, sagt Morisse. „Doch wenn der Zustand weiter so anhält, kann sich das sehr negativ auf die Auszubildenden auswirken.“

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