Produktion von Wasserstoff mit Ökostrom

Grüner Jobmotor

Geht es nach einer neuen Studie, könnte die Produktion von grünem Wasserstoff Hunderttausende Arbeitsplätze bedeuten. Die Oldenburger EWE setzt bei diesem Thema erneut auf Zusammenarbeit – über Grenzen hinaus.
04.11.2020, 05:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Boekhoff und Claus Haffert
Grüner Jobmotor

In Huntorf produziert und speichert die EWE seit Kurzem grünen Wasserstoff. Der Strom dafür kommt von einer Fotovoltaikanlage vor Ort. Ganz in der Nähe verbergen sich zudem riesige potenzielle Speicher: Gaskavernen.

Christian Kosak

Düsseldorf/Hannover. Durch die Produktion von Wasserstoff mit Ökostrom könnten in Deutschland einer neuen Studie zufolge Hunderttausende Arbeitsplätze entstehen. Wenn 90 Prozent des in Deutschland für das Ziel der Klimaneutralität benötigten Wasserstoffs aus heimischer Produktion kämen, seien im Jahr 2050 mehr als 800 000 zusätzliche Arbeitsplätze und Wertschöpfungseffekte von bis zu maximal 30 Milliarden Euro möglich, heißt es in der am Dienstag vorgestellten Untersuchung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und des Beratungsunternehmen DIW Econ. Auftraggeber der Studie waren der Bundesverband Erneuerbare Energien und dessen Landesverband in NRW.

In Deutschland erzeugter Wasserstoff sei auch nicht automatisch teurer als aus Nordafrika oder anderen sonnen- und windreichen Regionen der Welt importierter Wasserstoff, betonen die Autoren der Studie. Sie verweisen dabei auf die hohen Transportkosten. Von Windparks auf See erzeugter Strom ermögliche eine im Vergleich zu Importen konkurrenzfähige Erzeugung von Wasserstoff in Deutschland. Die Bundesregierung will mit Milliardenzuschüssen, rechtlichen Erleichterungen und der Vorgabe konkreter Produktionsziele Deutschland zum Wasserstoffland machen. Um den zukünftigen Bedarf zu decken, wird nach ihrer Einschätzung aber der überwiegende Teil des Wasserstoffs importiert werden müssen.

Nach einer Prognose des Forschungsinstituts Aurora Energy Research wird der europäische Wasserstoffmarkt 2050 ein Volumen von 120 Milliarden Euro erreichen. Bis dahin werde sich allein der Bedarf der Industrie mehr als verdoppeln, heißt es in der nun vorgestellten Studie. Hinzu komme ein erhebliches Potenzial für die Nutzung von Wasserstoff im Verkehr sowie als Ersatz für Erdgas zur Wärmeerzeugung. Deutschland entwickele sich mit seiner ehrgeizigen Wasserstoffstrategie und den wachsenden Solar- und Windkapazitäten im Europavergleich zum attraktivsten Markt für Investitionen – vor allem in grünen Wasserstoff.

EWE und Gasunie wollen das Zukunftsthema Wasserstoff künftig stärker gemeinsam angehen. Am Dienstag, als sich in Hannover das niedersächsische Wasserstoff-Netzwerk traf, vereinbarten der Oldenburger Energieversorger und das Energieinfrastrukturunternehmen eine Kooperation. Dabei gehe es, wie die Unternehmen im Anschluss mitteilten, um die Weiterentwicklung des Wasserstoffmarktes im Nordwesten Europas. EWE und Gasunie streben auf diesem Weg an, die Erreichung der Klimaziele voranzubringen und die Sektorkopplung, also die Nutzung von sauberem Strom im Bereich Wärme und Mobilität.

Gasunie mit Hauptsitz in Groningen und Deutschlandsitz in Hannover ist Betreiber von Energieinfrastruktur in den Niederlanden und Deutschland. Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns Han Fennema plädierte grundsätzlich für mehr Kooperationen zwischen den Ländern bei der Aufgabe: „Die Energiewende darf nicht an Landesgrenzen haltmachen.“ Schon seit Jahrzehnten arbeiten sein Konzern und die EWE zusammen. Nun soll die Mission Wasserstoff mit gemeinsamer Kraft einen Schub bekommen.

Für die EWE und Gasunie hat Wasserstoff eine Schlüsselfunktion. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft sei ein zwingend notwendiger Schritt „hin zu einem nachhaltigen und klimaschonenden Energiesystem“. Die Unternehmen decken dabei unterschiedliche Geschäftsfelder in dieser Wirtschaft ab: von der Erzeugung und Speicherung bis hin zum Transport und der Endkundenversorgung. „Die Zusammenarbeit mit Gasunie gestattet EWE Zugang zu Infrastruktur weit über unser heutiges Geschäftsgebiet hinaus“, sagte Stefan Dohler, Vorstandschef des Energiekonzerns, dem die Bremer SWB angehört. Er sei überzeugt, dass man mit dieser Kooperation „einen wesentlichen Baustein zum Erreichen der Klimaziele in Europa“ beitragen werde.

Eine Karte zeigt, dass EWE und Gasunie gemeinsam ein Verteil- und Transportnetz für Gas von Groningen bis Hamburg abdecken. Teile davon sollen umgewidmet werden zum Transport von Wasserstoff, Erdgasspeicher der EWE zu Wasserstoffspeichern werden. Das Bremer Stahlwerk von Arcelor-Mittal soll etwa an Gasspeicher im niedersächsischen Huntorf angeschlossen werden. EWE sieht sich bei der Speicherung des Wasserstoffs im Vorteil. Der Leiter des Geschäftsfelds Großspeicher und Wasserstoff, Peter Schmidt, weist auf die jahrzehntelange Erfahrung mit Gasspeicherung in unterirdischen Kavernen hin. Man betreibe Kavernen mit einer Volumenkapazität von rund zwei Milliarden Kubikmetern. „Damit ist EWE prädestiniert dafür, perspektivisch auch Wasserstoff in großvolumigem Maßstab zu speichern“, so Schmidt. Das werde unerlässlich sein, um Wasserstoff als Energieträger bedarfsgerecht zur Verfügung stellen zu können.

Olaf Lies (SPD), Niedersachsens Umwelt- und Energieminister, bezeichnete die Zusammenarbeit von Gasunie und EWE als wichtiges Signal. Der Ausbau von Windenergie an Land und auf See schreite voran, die Energiewende sei aber nicht allein eine Stromwende. Der Sektorkopplung komme eine herausragende Bedeutung zu: „Ich begrüße es sehr, dass wichtige Player der Energiewende, die in Niedersachsen aktiv sind, hier Kräfte bündeln.“

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