Pilotversuch in Bremen

Welche Rolle Carsharing bei Neubau-Projekten spielen kann

Carsharing ist beliebt und wird immer häufiger eingeplant, wenn es um neue Bauprojekte geht. In Bremen gibt es einige Pilotversuche. So sollen in Bremen bis 2020 6000 private Autos von der Straße geholt werden.
03.01.2019, 22:15
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von David Schwarz und Stefan Lakeband
Welche Rolle Carsharing bei Neubau-Projekten spielen kann

Carsharing ist beliebt und wird immer häufiger eingeplant, wenn es um neue Bauprojekte geht. In Bremen gibt es einige Pilotversuche. Vorhaben wie etwa das Gewoba-Projekt „Blauhaus“ tragen nicht nur zu einer neuen Art des Wohnens bei, sondern auch zur Mobilitätswende.

Frank Koch

Online buchen, einsteigen, losfahren – Carsharing hört sich in der Werbung der Anbieter so einfach an. Und tatsächlich steigt die Zahl der Nutzer beständig – auch, weil Wohnungswirtschaft und Städte bei neuen Projekten immer häufiger ans Autoteilen denken. Statt Stellplätze für viele Autos wird Mobilitätsmanagement inklusive gemeinschaftlicher Fahrzeug-Nutzung von immer mehr Kommunen gefördert.

In 677 Städten und Gemeinden bundesweit gibt es Carsharing-Angebote – 80 mehr als noch 2017. Der Trend hin zum Teilen ist eindeutig. „Die Unternehmen könnten den Wohnwert steigern und Baukosten senken, Anbieter neue Zielgruppen erschließen“, sagt Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbands für Carsharing. Insbesondere die Wohnungswirtschaft wird als Multiplikator umworben. Carsharing sei aber eben auch nur so stark, wie es die jeweilige Kommune erlaube, sagt Loose. Bremen stellt der Verbandschef gute Noten aus. Hier sei man mit dem sogenannten Stellplatzortsgesetz schon ein ganzes Stück weiter als andernorts. „Die Bremer Bauordnung schafft von Beginn an Anreize für die Integration von Mobilitätsangeboten bei neuen Baukonzepten“, sagt Rebecca Karbaumer, beim Bremer Senator für Umwelt, Bau und Verkehr Ansprechpartnerin der Investoren für nachhaltige Mobilität.

Bis 2020 sollen in Bremen 6000 private Autos durch Carsharing von der Straße geholt werden. Gelingen soll dieses ehrgeizige Vorhaben unter anderem durch neue Mix-used-Projekte wie der Umnutzung des städtebaulichen Areals „Überseeinsel“, dem früheren Industrieareal von Kellogg. Hier soll Carsharing eine große Rolle spielen.

Lesen Sie auch

Referentin Karbaumer gibt allerdings zu bedenken, dass das Thema bei den privaten Bauherren noch nicht so geläufig ist und der Beratungsbedarf hoch sei. Manchmal werde schlicht die Ablösesumme für Stellplätze gezahlt, anstatt sich mit dem Thema Carsharing und dessen Nutzen für neue Wohnquartiere zu befassen. Erst langsam kämen die Investoren mit zunehmenden Nachfragen aus der Deckung. Die Zahlen stützen den Trend: Waren zu Beginn des Jahres 2009 etwa 5000 Carsharer in Bremen registriert, sind es mittlerweile weit mehr als 14.000.

Beitrag zum kostengünstigen Wohnungsbau

In einer Bremer Befragung zu den Prioritäten aus Sicht der Carsharing-Kundschaft wird deutlich, dass eine unkomplizierte Buchung, die Verfügbarkeit der Fahrzeuge zum gewünschten Zeitpunkt und die Nähe der nächsten Station von entscheidender Bedeutung für die Nutzer sind. Die Einbindung von Carsharing als Teil des Mobilitätsmanagements in Wohnungsbauvorhaben sei angesichts der hohen Baukosten von Tiefgaragen und der monatlichen Kosten des Autobesitzes auch ein Beitrag zum kostengünstigen Wohnungsbau, argumentiert Karbaumer.

Wie das aussehen kann, zeigt das Gewoba-Projekt „Blauhaus“. Es soll Menschen mit und ohne Beeinträchtigung innenstadtnahes Wohnen ermöglichen und eine Alternative zu betreuten Wohnformen schaffen. Ende 2019 soll es fertig sein; das Investitionsvolumen beläuft sich auf circa 21 Millionen Euro. Die Idee, gemeinschaftlich und inklusiv zu leben, gilt als bundesweit einmalig. Menschen aller Altersstufen mit und ohne Beeinträchtigung sollen inmitten der City teilhaben – und das inklusive Carsharing-Station und kostengünstiger E-Mobilität. Weitere Carsharing-Stationen sind bei den Gewoba-Neubauprojekten „Lesum-Park“ sowie an der Arndtstraße in Walle installiert oder in Planung.

Zusammen mit dem Anbieter Move About wurde die erste Carsharing-Station mit E-Autos am ersten Gewoba-Passivhaus in Findorff eingerichtet. In direkter Nachbarschaft plant das städtische Wohnungsunternehmen auf einem Grundstück zwischen Utbremer Ring und Kissinger Straße gegenüber dem Recycling-Hof öffentlich geförderte, günstige Mietwohnungen. Die Mieter sollen zum Frühjahr 2019 einziehen können auch hier von einer Carsharing-Station profitieren. Außerdem werde die Carsharing Grundgebühr für die Mieter für einen bestimmten Zeitraum übernommen.

Lesen Sie auch

Cordula Fay vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen organisiert seit einigen Wochen Netzwerke, um 2019 mit einem neu formierten Kompetenzzentrum zum Thema „Wohnen und Mobilität“ an den Start zu gehen. Man sei bereits aus der Pilotphase heraus, langfristig stünden schon allein im Sinne der Kundenzufriedenheit der Mieter Mobilitätskonzepte und die Abkehr vom Auto inklusive Stellplatz auf der Agenda. Diese Entwicklung ergebe sich schlicht aus der zunehmenden Verknappung der Parkflächen. Berlin sei beispielsweise schon heute zu vollgestopft mit Autos. Hier müsse man auch ein Stück raus aus der Komfortzone und zugleich private Eigeninitiativen für das Carsharing mobilisieren. Fay hat vielfältige Erfahrungen als Stadtteil- und Quartiermanagerin in der Berliner Wohnungswirtschaft und legt einen deutlichen Fokus auf die jüngere Generation, „die schon heute selbstverständlich per App Fahrrad, Taxi, ÖPNV und Autos je nach Bedarf kombiniert“. Das sei eine wichtige Zielgruppe von morgen.

Wohnung und Stellplatz bilden eine Einheit

Während öffentliche und genossenschaftlich strukturierte Wohnungsanbieter mit Neubau-Konzepten erste Erfolge vorweisen, ist in Teilen der privaten Wohnungswirtschaft aber noch etliches an Überzeugungsarbeit zu leisten, ist von Verkehrsplanern aus allen Teilen Deutschlands zu hören. Es herrsche dort häufig noch die alte Denke, wonach Wohnung und Stellplatz eine Einheit bilden.

Manche Immobilienunternehmen führen auch geschäftliche Gründe gegen die Kombination aus Wohnen und Carsharing an. Antje S. Hiller, geschäftsführende Gesellschafterin der Rohrer Hausverwaltung in Berlin, bemängelt etwa, dass die Zahl von Pkw-Parkplätzen noch zu niedrig sei. Gerade in der Hauptstadt sei die Nachfrage bei möblierten Mikroappartements mit Stellplätzen sehr groß. Appartements, die keinen Stellplatz anböten, würden schlecht vermietet werden. „Die meisten Mieter dieser Mikroappartements sind Handwerker, Vertriebsmitarbeiter und Führungskräfte, die immer mit dem Auto unterwegs sind“, sagt Hiller. Sie schlägt daher den anderen Weg vor: mehr statt weniger Parkplätze.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+