Weniger ist manchmal mehr

Wachstum gilt in der Wirtschaft weithin als Maßstab des Erfolgs. Doch in Zeiten knapper werdender Ressourcen mehren sich die Stimmen, die dieses Credo kritisch hinterfragen. Wirtschaftswissenschaftler diskutieren das Thema schon seit Jahrzehnten. Mittlerweile beurteilen auch viele Unternehmer den Nutzen von Wachstum differenzierter. Manche verzichten sogar gänzlich darauf.
15.11.2010, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Wachstum gilt in der Wirtschaft weithin als Maßstab des Erfolgs. Doch in Zeiten knapper werdender Ressourcen mehren sich die Stimmen, die dieses Credo kritisch hinterfragen. Wirtschaftswissenschaftler diskutieren das Thema schon seit Jahrzehnten. Mittlerweile beurteilen auch viele Unternehmer den Nutzen von Wachstum differenzierter. Manche verzichten sogar gänzlich darauf.

Von Sebastian Manz

Mit seiner Firmenpolitik hat Harald Rossol bundesweit beachtliches Medieninteresse ausgelöst. Fernsehsender, Zeitungen und Online-Portale rissen sich um den Bremer IT-Unternehmer. Der Grund: Rossol hatte ein Tabu gebrochen. Trotz bester Expansionsmöglichkeiten hielt er seine Firma b.r.m. klein. Er verzichtete als Unternehmer bewusst darauf zu wachsen.

Seit fast 20 Jahren betreibt Rossol seine Technologie- und Managementberatung. Seit 15 Jahren ist der Mitarbeiterstamm nicht mehr gewachsen. Sechs Leute kümmern sich vom Firmensitz in der Überseestadt aus um die Computersysteme kleinerer Betriebe in der Region. Mehr sollen es auch in Zukunft nicht werden. 'Wir sind der Meinung, eine so eingespielte Größe zu haben, dass sozusagen Kosten, Nutzen und alle System miteinander abgestimmt sind', sagt Rossol. Wolle man jetzt wachsen, müsse man mindestens doppelt oder dreifach so groß werden. 'Das heißt, wir müssten ein hierarchisches System mit einführen. Und da würde das Miteinander nicht mehr so funktionieren.' Auch wolle er sich selbst um seine Kunden kümmern. Dafür hätte er als Geschäftsführer eines noch größeren Betriebs keine Zeit mehr.

Größe kann Produktivität schmälern

Seine ungewöhnliche Einstellung gegenüber Wachstum sei alles andere als unwirtschaftlich, sagt Rossol. Das Auftragsbuch sei voll und obwohl der Umsatz seit Jahren konstant sei, verbuche das Unternehmen Jahr für Jahr höheren Gewinn. 'Wir drehen permanent an der Kostenschraube', erklärt er. Und dabei entwickelt der Wirtschaftsingenieur ein beachtliches Maß an Kreativität. Unter anderem senkt die Firma ihre Heizkosten, indem sie die Abwärme ihrer Server nutzt.

Unternehmer, die Harald Rossols Einstellung durchaus etwas abgewinnen können, findet man nur wenige Hauseingänge vom b.r.m.-Firmensitz im Speicher I. Dort residiert das IT-Unternehmen neuland bremen und entwickelt Plattformen für den Internethandel. 'Wir könnten hier vermutlich auch mit 80 statt 40 Leuten arbeiten, aber die Frage ist doch, ob die Firma mit doppelt so viel Person immer noch so produktiv und effektiv bleibt', sagt Geschäftsführer Thomas Koch. Je größer das Unternehmen werde, desto mehr Strukturen seien nötig. Diese kosteten in erster Linie Geld, ohne zwingend produktiv zu sein. Je größer ein Unternehmen werde, desto mehr Steuerungsebenen und sogar ganze Verwaltungsbereiche müssten eingeführt werden. 'Je mehr Leute wir beschäftigen, desto größer ist auch der Bedarf an weiteren Aufträgen', erklärt er. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass das Unternehmen zwar mehr Umsatz mache, aber unter dem Strich nur wenig rentabler werde. 'Wir haben gar nichts gegen Wachstum,

aber es ist bei uns schlicht kein Unternehmensziel.'

Auch für Koch sind nicht nur wirtschaftliche Erwägungen mit der Entscheidung nach mehr Wachstum verknüpft. Man müsse sich als Unternehmer auch die grundsätzliche Frage stellen: Will ich meine ganze Energie dem unternehmerischen Erfolg widmen, oder möchte ich auch noch ein privates Leben führen können. 'Zu meinen persönlichen Unternehmenszielen gehört es auch, dass mir das Ganze Spaß macht.' Dieses Ziel zu erreichen, wird mit zunehmender Firmengröße immer schwieriger.

Thomas Koch ist überzeugt, dass seine Philosophie nur auf einige Bereiche des Dienstleistungssektors anwendbar ist. Das produzierende Gewerbe dagegen komme meist nicht um Wachstum herum. 'Stellt man Waren wie etwa Autos oder Schrauben her, unterliegt man durch den Wettbewerbsdruck häufig dem Zwang zu wachsen, und diese Unternehmen müssen permanent ihre Produktivität steigern', sagt er. Solche Firmen müssten wachsen, wenn sie effektiver werden wollen.

Genau in diesem Zwang sehen Wirtschaftswissenschaftler ein fundamentales Problem. 'Wer mehr Gewinne will, muss mehr produzieren - das ist die fast eingebaute Logik vieler Wirtschaftstreibender', sagt der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. 'Aber jedes Promille an Wachstum hat auch seine negativen Folgen, und die haben wir über einen langen Zeitraum konsequent ausgeblendet', entgegnet der konservative Sozialforscher Meinhard Miegel. Der 70-Jährige ist promovierter Jurist, ehemaliger Mitarbeiter des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, Berater eines von der Deutschen Bank finanzierten Forschungsinstituts und Mitglied im Konzernbeirat der AXA-Versicherung.

'Die Mägen und Truhen sind voll'

Er hat in diesem Jahr das Buch 'Exit - Wohlstand ohne Wachstum' veröffentlicht. Seine Wachstumsskepsis erläutert er an einem Beispiel: 'Wenn wir früher ein Haus gebaut haben, sollte es stabil und schön sein. Dass wir damit aber auch Boden versiegelt, den Wasserkreislauf gestört, Ressourcen und Energie verbraucht haben, hat niemand in die Rechnung aufgenommen.' Diese Herangehensweise gelte für beinahe alle Produkte. Dabei wisse man überhaupt nicht genau, ob dieses Wachstum nicht mittlerweile mehr Schaden anrichte als Nutzen. Wenn man diese Rechnung aufmache, würde man feststellen, dass die Nettowohlstandmehrung viel geringer ausfalle als angenommen. Die Wohlstandsgesellschaften müssten Abschied nehmen vom ursprünglich einmal sinnvollen, aber mittlerweile überholten Wachstumskonzept. 'Beim allergrößten Teil unserer Bevölkerung sind die Mägen und die Truhen voll. In dieser Situation zu mehr Konsum zu animieren, ist pervers.' Auch Unternehmen können ohne Wachstum überleben, sagt Meinhard

Miegel. 'Sie haben es schon immer getan, den Expansionsgedanken gibt es im Grunde erst seit der Industrialisierung.'

Dieses Prinzip gelte jedoch nicht überall. 'Wir müssen sehr genau unterscheiden, über welche Teile der Welt wir sprechen, wenn wir diese Debatte führen', sagt Miegel. Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung bräuchten dringend Wirtschaftswachstum. Milliarden Menschen hätten kein sauberes Trinkwasser und nicht genügend Nahrungsmittel. Zum Überwinden dieser Zustände sei Wachstum unabdingbar.

Rudolf Hickel beurteilt die Situation weniger rigoros: 'Man muss die Gewinnwirtschaft nicht abschaffen. Sie muss aber in ökologische Rahmenbedingungen eingebettet werden.' Unternehmen seien gut beraten, nicht ökologisch ignorant zu agieren, sondern Nachhaltigkeit in ihr Geschäftsmodell mit aufzunehmen. Deutschland sei in diesem Bereich auf einem guten Weg. Gerade die Wirtschaft hierzulande habe in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich viel in den ökologischen Umbau investiert. Die Politik sei gefragt, diese Entwicklung durch das Setzen entsprechender Rahmenbedingen weiter voranzutreiben. 'Wenn ich mit ökologischen Argumenten auch Kostensenkung verbinden kann, wird es interessant für Unternehmer', sagt Hickel.

Der britische Ökonom Tim Jackson feilt seit Jahren an einer Wachstumsstrategie, die ökonomische Interessen und ökologische Notwendigkeiten versöhnen soll. Er hält schon den alten Gradmesser für Wachstum, das Bruttoinlandsprodukt für verfehlt. 'Das Bruttoinlandsprodukt misst letztlich nur die Betriebsamkeit der Wirtschaft und nicht, inwieweit die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen befriedigt werden oder wie gerecht Waren und Dienstleistungen verteilt sind', sagt Jackson. Dahinter stehe eine einfache Gleichung: Mehr Waren und mehr Dienstleistungen gleich Wachstum. Oft genug bringt dieses Modell absurde Ergebnisse hervor. So können etwa Katastrophen Wachstum beschleunigen.

Pfleglicher Umgang mit Rohstoffen

Der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko etwa, folgten Milliardenaufträge, um die Schäden zu beseitigen. Demnach können auch Kriege Wachstumsmotoren sein. Was zerstört ist, muss wieder aufgebaut werden. 'Eigentlich muss man anders rechnen', sagt Tim Jackson. Man müsse überlegen, was Wohlstand genau heiße, wer und unter welchen Voraussetzungen daran teilhaben könne. Andere Indikatoren wie Bildungschancen oder das Gesundheitsniveau der Bevölkerung müssten ebenso einbezogen werden, wie Zufriedenheit und Wohlergehen der Menschen. Dazu gehörten auch die Verteilung der Einkommen und der Verbrauch von ökologischen Ressourcen.

Der pflegliche Umgang mit Ressourcen gehört bei der Bremer Entsorgungsfirma Nehlsen zu den Pfeilern des Geschäftsmodells. Das Unternehmen setzt in immer größerem Maße auf das Recyceln von Rohstoffen. Dieser Geschäftszweig wäre ohne eine wachsende Zahl an Abnehmern nicht ausbaufähig. 'Wir beobachten in den vergangenen Jahren gerade bei der Industrie ein deutliches Umdenken', sagt Geschäftsführer Peter Hoffmeyer. Ein Unternehmen auf nachhaltigeres Wirtschaften umzustellen, sei jedoch kein Prozess einiger Tage oder Wochen. 'Das dauert Jahre', sagt Hoffmeyer.

Nachhaltigen Ressourceneinsatz hält auch Christoph Weiss, Geschäftsführer der BEGO Bremer Goldschlägerei, für das Gebot der Stunde. Dass ein Unternehmen dabei auch wachsen kann, hält er für keinen Widerspruch. Verbiete man sich als Wirtschaftstreibender jegliche Expansion, beraube man sich vieler Gestaltungsspielräume. Weiss findet: 'Wachstum ist zwar nicht alles, aber Wachstum macht Spaß.'

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