Volle Auftragsbücher

Weniger Leiharbeit im Flugzeugbau

Vom Boom der Luft- und Raumfahrbranche profitiert die gesamte norddeutsche Wirtschaft. Bei Neueinstellungen sind zuletzt vor allem ehemalige Leiharbeiter zum Zuge gekommen.
23.10.2019, 18:56
Lesedauer: 3 Min
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Weniger Leiharbeit im Flugzeugbau
Von Peter Hanuschke
Weniger Leiharbeit im Flugzeugbau

Blick in eine Montagehalle bei Airbus in Hamburg-Finkenwerder.

Fabian Bimmer

Bremen/Hamburg. Dass der Weg über Leiharbeit durchaus zu einem festen Arbeitsverhältnis führen kann, das zeigt sich momentan in der Luft- und Raumfahrtbranche: So lag der Anteil ehemaliger Leiharbeiter an Neueinstellungen in Norddeutschland in diesem Jahr bei 82,9 Prozent. 2018 waren es nur 54,5 Prozent, ein Jahr davor 46 Prozent. Das geht aus einer aktuellen Befragung von Betriebsräten im Auftrag der Gewerkschaft IG Metall hervor, die am Mittwoch in Hamburg vorgestellt wurde. Grund dafür ist vor allem die gute Auftragslage im zivilen Flugzeugbau, der in Bremen in erster Linie bei Airbus stattfindet. Allerdings läuft es nicht in allen Airbus-Sparten so gut.

Für diese Entwicklung im Bereich Leiharbeit sorgen vor allem die Rahmenbedingungen. Die Werke arbeiten nahezu in Vollauslastung, zudem leidet auch diese Branche unter Fachkräftemangel. Der Befragung zufolge klagt mehr als die Hälfte der Unternehmen über Probleme bei der Stellenbesetzung. Die steigende Anzahl von Neueinstellungen ehemaliger Leiharbeiter macht sich andersherum bei der Leiharbeitsquote bemerkbar: Sie ist von 15,8 Prozent 2017 auf 10,6 Prozent in diesem Jahr gesunken. „Diese Entwicklung ist erfreulich, aber die Leiharbeitsquote ist immer noch zu hoch“, sagt Volker Stahmann, Geschäftsführer der IG Metall Bremen, auf Nachfrage des WESER-KURIER.

Wie gut es der Branche geht, zeigt sich auch an der Anzahl der Beschäftigten: Die ist in den vergangenen zwei Jahren um mehr als elf Prozent auf 33 000 gestiegen. Motor dafür ist vor allem der zivile Flugzeugbau, der in Deutschland vor allem im Norden stattfindet. Bundesweit ist die Beschäftigtenzahl im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent gestiegen. Insgesamt gibt es etwa 78 000 Beschäftigte, die in der Luft- und Raumfahrt tätig sind.

Geht es um den zivilen Flugzeugbau, dann geht es vorrangig um Airbus. Der europäische Flugzeughersteller hat insgesamt vier Standorte in Norddeutschland. Bremen ist mit etwa 2600 Mitarbeitern der zweitgrößte Standort im zivilen Flugzeugbau hinter Hamburg mit gut 13 200 Beschäftigen. In Standort Stade sind für Airbus rund 2000 und in Buxtehude 400 Mitarbeiter tätig.

Bei Airbus in Bremen gibt es im Vergleich zu den anderen norddeutschen Standorten eine Besonderheit: Neben dem zivilen Flugzeugbau – in den Werkshallen, die in der Bremer Airport-City angesiedelt sind, werden unter anderem alle Flügel mit Landeklappen ausgerüstet – gibt es noch weitere Airbus-Sparten und -Tochterunternehmen, die für die Bereiche Raumfahrt und Militärflieger produzieren. Dazu gehören Defence and Space, Premium Aerotec, die Ariane-Group und Airbus A400M. Insgesamt arbeiten in Bremen etwa 5000 Airbus-Angestellte.

Allerdings gibt es auch Sorgenkinder – etwa den Airbus A400M. Aufgrund von abgesenkten Produktionszahlen bei dem Militärtransporter wurden in den vergangenen Monaten etwa 600 Leiharbeiter abgebaut. In dem Bereich gab es im vergangenen Jahr noch über 1000 Beschäftigte.

Bei der Ariane-Group – der Konzern gehört je zur Hälfte Airbus und der französischen Safran-Gruppe – sollen von 9000 Jobs 2300 Stellen konzernweit abgebaut werden. Heruntergebrochen auf den Bremer Standort, wo unter anderem die Oberstufen für die Ariane-Trägerraketen gebaut werden, würde das ungefähr 130 Beschäftigte betreffen. Die Ariane-Group leidet unter der schwierigen Wettbewerbssituation am Markt. Die ergibt sich vor allem deswegen, weil Europa Startaufträge für Satelliten auch an nicht-europäische Anbieter vergibt und dadurch die „eigene“ Ariane-Rakete benachteiligt wird. Institutionelle Märkte in den Vereinigten Staaten oder in China sind dagegen von ausländischer Konkurrenz abgeschottet.

Die norddeutsche Luft- und Raumfahrtindustrie stehe weiterhin gut da, sagt Ute Buggeln, Geschäftsführerin der IG Metall Bremen. „Das ist grundsätzlich eine erfreuliche Entwicklung, die allerdings nicht automatisch für alle Produktionsbereiche und Betriebe gelte." Es sei schon verwunderlich, dass es auf der einen Seite volle Auftragsbücher gebe, es aber gleichzeitig im Airbus-Konzern immer wieder zu Diskussionen über Umstrukturierungen, Personalabbau oder Auslagerungen komme. Das zunehmende Gezerre im Konzern darum, welche Arbeitspakete letztlich welchem Standort zugeschlagen werden, führe darüber hinaus zu einer konstanten Verunsicherung der Beschäftigten. "Eines haben die letzten Jahre gezeigt: Im Grunde kann sich kein Betrieb und Standort in absoluter Sicherheit wiegen."

Wie gut es der Branche insgesamt geht, zeigt sich auch am Raumfahrtkonzern OHB. Das Unternehmen mit über 1000 Beschäftigten am Bremer Hauptsitz, wo unter anderem die Galileo-Satelliten fürs europäische Navigationssystem gefertigt werden, hat in diesem Jahr über 200 Mitarbeiter eingestellt.

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