Interview Wenn Technologien krank machen

Der Wirtschaftsinformatiker Christian Maier spricht im Interview über seine Forschung zu E-Mail-Stress und Facebook-Entzug.
28.11.2018, 22:24
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Technologien krank machen
Von Ina Bullwinkel

Herr Maier, wie viele E-Mails haben Sie heute schon beantwortet?

Christian Maier: Heute waren es erst zwei, weil ich bis eben in einer Vorlesung war. Ansonsten sind es in der Regel 150 bis 200 E-Mails pro Tag.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit Stress, ausgelöst durch moderne Technologie. Wo hört das normale Beantworten von E-Mails auf, wo fängt Technostress an?

Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Jeder hat ein anderes Empfinden dafür und vor allem im Kontext von Stress, ausgelöst durch E-Mails, hängt es mit dem Job zusammen. Das heißt, wenn jemand einen Job hat wie Sie oder ich, bei dem man mit vielen Menschen in Kontakt steht und ein gewisses Servicelevel zu erfüllen hat, ist man es gewohnt, recht viele E-Mails in kurzer Zeit zu beantworten. Andere Berufe, wie etwa der des Physiotherapeuten, erfordern es kaum, E-Mails zu schreiben, da dieser eher einen persönlichen Kontakt mit seinen Kunden pflegt. Deswegen ist bei ihm die Schwelle zum Technostress niedriger, auch weil die Gewohnheit fehlt.

Das heißt, wenn man sowieso viel mit E-Mails und Technologie arbeitet, ist man nicht so schnell überlastet?

Genau. Das zeigen auch die Ergebnisse unserer Forschung in Bezug auf IT-Nutzung im Allgemeinen. Wir haben Angestellte, die kaum IT nutzen mit Angestellten verglichen, die viel mit moderner Technologie arbeiten. Wir konnten beobachtet, dass die negativen Konsequenzen, die durch Technostress entstehen, deutlich bei denjenigen auftreten, die keine IT-Professionals sind. Ein Rückschluss war, dass es vor allem mit Gewohnheit zu tun hat.

Für eine IT-affine Person, die unter Technostress leidet, reicht also auch das Maß an Gewohnheit nicht mehr?

Richtig. Die Frage ist also, was Technostress eigentlich ist. Generell versteht man in der Literatur darunter Stress, während man IT nutzt. Technostress tritt immer dann auf, wenn das Ergebnis nicht mit dem übereinstimmt, was die Person mit einer Technologie erreichen will. Das kann man sich wie eine Wippe vorstellen: auf der einen Seite der Wunsch, auf der anderen Seite die tatsächlichen Ergebnisse. Je nachdem wie die Wippe ausschlägt, kann es positiv für den Menschen sein oder negativ. Technostress kann viele verschiedene Konsequenzen haben. Zum Beispiel, dass der Betroffene unzufrieden mit dem Job ist oder sich abgeschlagen fühlt. Es kann aber auch weitreichendere Konsequenzen haben wie eine Burn-out-Erkrankung oder dass jemand seinen Job wechselt. Technostress kann auch dadurch entstehen, dass man E-Mails zunehmend außerhalb der Arbeitszeit beantwortet.

Wird Technostress also durch die hohe Anzahl von E-Mails oder eher durch die Überforderung mit neuer Technologie ausgelöst?

Es ist eine Kombination aus beidem. Wir unterscheiden generell zwischen Technostress auf der Arbeit und im Privatleben. Im Jobkontext hat man oftmals keine andere Möglichkeit, als die IT zu nutzen. Wenn jeden Tag 100 bis 200 E-Mails eingehen, dann müssen diese beantwortet werden. Wenn IT-Systeme nicht funktionieren, dann kommen die nachfolgenden Prozesse zum Erliegen und man kann nicht arbeiten.

In einer Studie haben Sie untersucht, wie Mitarbeiter auf eine Systemumstellung reagieren. Was haben Sie festgestellt?

Uns hat ein Unternehmen kontaktiert, weil die Krankheitstage unter den Mitarbeitern nach der Einführung eines neuen Betriebssystems um 20 Prozent angestiegen sind und es außerdem kurz nach der Umstellung fünf Burn-out-Fälle gegeben hat. Wenn Schulungen nicht gut abgestimmt sind, oder wenn die Mitarbeiter nicht die Relevanz und die Notwendigkeit des neuen Systems sehen, dann kommt es dazu, dass Mitarbeiter alles hinterfragen. Angestellte, die kurz vor der Rente stehen, fragen sich etwa, warum sie ihre Arbeitsläufe verändern sollen. Das führt dazu, dass sie von der Technologie gestresst sind. Oftmals haben sie Ängste, dass ihr Job durch neue Technologien ersetzt wird. Das sind Gefahrenpotenziale, die eine Kettenreaktion von Unzufriedenheit, Burn-out, Jobwechsel oder eine schlechte Jobperformance mit sich bringen können.

Glauben Sie, dass sich das Phänomen Technostress in den kommenden Jahren vergrößert oder verkleinert?

Ich schätze, IT wird in Zukunft weiterhin an Bedeutung gewinnen. Sei es im Kontext von Chatbots oder im Bereich der Telemedizin. Die Rolle von IT im täglichen Leben wird größer werden und damit vermutlich auch die Relevanz von Technostress. Wer hätte etwa vor zehn Jahren gedacht, dass man Whatsapp-Nachrichten und E-Mails direkt über Smartwatches lesen kann und so alles noch schneller mitbekommt.

Kann man diesem Trend und seinen negativen Folgen entkommen?

Es ist wichtig, sich den Stress bewusst zu machen. Viele sind sich gar nicht darüber im Klaren, dass ihr Unwohlsein mit Technologien zusammenhängt. Gegen den E-Mail-Stress auf der Arbeit hilft zum Beispiel, sich ein Filtersystem anzulegen und die wichtigsten E-Mails mit höherer Priorität zu beantworten. Als Unternehmen muss man dafür sorgen, dass die IT-Prozesse sauber strukturiert sind und jeder Mitarbeiter gut mit der IT umgehen kann. Schulungen sind dafür sehr wichtig. Im Privaten kann man einfache Regeln durchsetzen. Etwa, dass man beim Essen das Handy und andere Geräte weglegt oder sie ab 20 Uhr nicht mehr nutzt.

Auf der Arbeit sind es vor allem E-Mails, im Privatleben eher soziale Medien, die Technostress auslösen. Für eine Studie haben Sie Probanden zwei Wochen lang den Zugang zu Facebook verwehrt. Was wollten Sie damit zeigen?

Im privaten Kontext zeigt sich, dass Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Plattformen wie Instagram und Facebook großes Stresspotenzial haben. Das haben wir in unserem Umfeld und bei den Studierenden festgestellt. Für unsere Studie ergab sich die Frage, was man dagegen machen kann und das Naheliegende war, die Nutzung der Plattform für eine gewisse Zeit zu vermeiden. Das Hauptziel der Studie war zu sehen, ob der Stress sinkt und welche Konsequenzen sich ergeben.

War es für viele der Probanden ein Problem, ohne Facebook auszukommen?

Es war wellenförmig. Am Anfang haben sich alle gefragt, wie der Alltag ohne Facebook funktionieren soll. Die Probanden haben Tagebuch geführt und da kamen Einträge zustande wie „Sitze jetzt auf der Toilette und habe keine Ahnung, was ich überhaupt machen soll“. Es ergaben sich Probleme, an die wir überhaupt nicht gedacht hatten. Mit der Zeit wurde das Stressniveau geringer, während zunächst ein Anstieg zu erkennen war.

Das Gespräch führte Ina Bullwinkel.

Info

Zur Person

Dr. Christian Maier (33) forscht an der Universität Bamberg und beschäftigt sich mit negativen Konsequenzen der Nutzung von Technologie. Seine Arbeiten wurden unter anderem mit dem Schmalenbach-Preis ausgezeichnet.

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