Bremer Forschungsprojekt Wettervorhersagen durch rollende Sensoren

Egal ob Wetter, Reifendruck oder Geschwindigkeit - moderne Autos sammeln ständig Daten. Ein Projekt aus Bremen will diese nun nutzen, etwa um Wettervorhersagen genauer zu machen.
10.07.2018, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Wettervorhersagen durch rollende Sensoren
Von Stefan Lakeband

Das Auto von heute kann viel mehr, als nur von A nach B fahren. Es sammelt Daten über das Wetter, stellt automatisch den Scheibenwischer an. Weiß, wenn die Straße uneben ist und wie viel Leute in einem Fahrzeug unterwegs sind. Das alles ist möglich, weil Autos mittlerweile voll mit Sensoren sind, die im Millisekundentakt Daten über ihre Umgebung sammeln. Alles, damit es der Fahrer so bequem wie möglich hat.

Eine gute Idee, finden Christian Wolff und Daniel Obreiter vom Institut für angewandte Systemtechnik Bremen (ATB). Doch sie sind auch sicher: Da geht noch mehr. Denn wenn Autos schon so viele Daten über die Umgebung sammeln, warum sollte man sie dann nicht auch weiter nutzen? Das war der Ausgangspunkt für das Projekt Automat, das das ATB bis Ende März zusammen mit Partnern wie Volkswagen, Fiat und Renault durchgeführt hat und das von der Europäischen Union mit 4,5 Millionen Euro gefördert wurde.

Daten sinnvoll nutzen

„Wenn die gesammelten Daten verloren gehen, ist das im Grunde weggeworfenes Geld“, sagt Wolff. Dabei könnte man sie sinnvoll nutzen. Der Ingenieur gibt ein Beispiel: Bislang basierten Wettervorhersagen auf den Daten von festen Wetterstationen, die es im Abstand von mehreren Kilometern gibt. „Autos sind aber schon heute im Grunde fahrende Wetterstationen“, sagt der Experte. Sie messen den Luftdruck, die Temperatur, und sie haben Regensensoren. Würde man die Wetterdaten von jedem Auto sammeln, so wäre das Netz an Wetterstationen wesentlich enger – und Vorhersagen könnten damit deutlich präziser gemacht werden. Dass dies nicht nur eine rein theoretische Überlegung ist, zeigt das Interesse aus der Wirtschaft: Meteologix, eine Firma des Wetterexperten Jörg Kachelmann, hat sich ebenfalls an dem Forschungsprojekt beteiligt. Ein anderes Beispiel sind etwa die Stoßdämpfer, die Daten über den Zustand der Straßen sammeln und deren Informationen für Navigationsanbieter oder Kommunen interessant sein können.

Im Zentrum des Projekts stand dann die Frage: Wie können die Forscher die Informationen nutzen? „Die Daten waren da, aber es gab noch keinen Zugang zu ihnen“, sagt der ATB-Geschäftsführer Obreiter. Denn die große Zahl an Sensoren ist eine enorme Hilfe für die Forscher, stellt sie aber auch vor neue Probleme. Sie sammeln schlicht viel zu viele Daten, als dass sie heutzutage schnell und ­problemlos übertragen werden könnten. Hinzu kommt, dass vor allem in ländlichen Regionen das Mobilfunknetz Lücken hat, sodass die Datenübertragung über das mobile Internet nicht überall funktioniert. „Wir mussten deswegen auch herausfinden: Welche Daten sind für uns wichtig und welche nicht?“, sagt Wolff.

Das war längst nicht die einzige Herausforderung: Da Daten aller Autobauer genutzt werden sollen, mussten sich die Projektpartner auf ein einheitliches Datenformat einigen. Der spanische IT-Konzern Atos, ebenfalls Mitglied bei Automat, hat dann eine Plattform entwickelt, auf der die Informationen gesammelt werden. Auf diesen Big-Data-Marktplatz sollen dann Firmen wie Meteologix oder der Kartenanbieter Here zugreifen können, um die Daten für ihr eigenes Geschäft zu nutzen.

Wie sicher sind meine Daten?

Neben all den technischen Fragen gibt es aber auch noch eine große gesellschaftliche, die wohl über Erfolg und Misserfolg entscheiden könnte: Wie sicher sind meine Daten? Denn wenn bei jeder Fahrt alle möglichen Informationen erhoben, gesammelt und verschickt werden, lassen sich mitunter auch Rückschlüsse auf den Fahrer ziehen. Wird etwa gespeichert, wo ich wann mit meinem Auto hinfahre? Weiß der Autohersteller künftig, ob ich alleine unterwegs bin oder Begleitung habe? Können bald andere anhand der Beschleunigungsdaten sehen, ob ich eher sportlich oder zurückhaltend fahre?

„Die Autohersteller haben ganz deutlich gemacht, dass sie sich nicht als Eigner der Daten verstehen“, sagt Obreiter. Das sei immer noch der Fahrer. Obreiter sagt aber auch: „Zum Teil können die Daten personalisiert und zurückverfolgt werden.“ Etwa dann, wenn der Fahrer einen Versicherungstarif habe, der sich am Fahrstil bemisst. „Deswegen soll der Fahrer auch vor jeder Fahrt entscheiden können, ob er Daten an den Marktplatz schicken will, oder nicht“, sagt Obreiter.

Immerhin: Ganz umsonst soll der Autofahrer seine Daten nicht abgeben müssen. Denn wenn andere seine gesammelten Informationen nutzen, um damit Geld zu verdienen, soll auch er davon profitieren. Denkbar ist etwa ein System, ähnlich einer Bonuskarte, bei dem gesammelte Punkte gegen Prämien eingetauscht werden können.

Bis es so weit ist, dauert es aber noch: Das Projekt ist seit dem Frühjahr beendet. „Ein fertiges Produkt ist dabei nicht herausgekommen“, sagt Wolff. „Aber die Vorarbeit ist geleistet.“ Und im Dezember hat auch schon ein neues Projekt begonnen, das von der EU gefördert wird. Es baut auf Automat auf, will dieses Mal aber nicht nur die Daten von Autos sammeln, sondern auch von Smart Homes. Denn auch viele Häuser sammeln mittlerweile Daten über ihre Umwelt.

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