Serie: Arbeitsmarkt der Zukunft (4)

Wie Augmented Reality schon heute den Arbeitsalltag verändert

Im Leben der meisten Menschen spielt Augmented Reality (AR) keine Rolle. Dabei kommt die erweiterte Realität schon heute an vielen Arbeitsplätzen zum Einsatz - künftig werden es wohl noch mehr werden.
10.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie Augmented Reality schon heute den Arbeitsalltag verändert
Von Jean-Pierre Fellmer
Wie Augmented Reality schon heute den Arbeitsalltag verändert

Dieser Auszubildende bei Airbus zeigt bei einer Demonstration den Einsatz der Datenbrille Hololens von Microsoft an einem Flugzeugbauteil. Die Brille arbeitet mit der von Airbus entwickelten "Mira Mixed Reality"-Anwendung und wird unter anderem in der Wartung und Installation eingesetzt.

Daniel Reinhardt/dpa

Als das Spiel Pokémon Go 2016 auf den Markt kam, war die Aufregung groß. Vor allem junge Menschen liefen mit dem Smartphone in der Hand durch die Gegend, der Blick auf den Bildschirm gerichtet, immer auf der Jagd nach den virtuellen Monstern. Wer nicht spielte, amüsierte oder ärgerte sich über diesen Anblick. Die Begeisterung für das Spiel hielt den Sommer an, ließ allmählich nach und das Massenphänomen wurde zum Nischenprodukt.

Für viele Menschen war es das erste Mal, dass sie von Augmented Reality (AR), der erweiterten Realität, hörten. Im Alltag vieler Menschen spielt die Technologie bislang keine Rolle. Trotzdem wird sie schon heute in vielen Unternehmen eingesetzt und ständig weiterentwickelt.

Das Prinzip von Augmented Reality ist einfach: Die tatsächliche Umgebung des Nutzers wird durch virtuelle Inhalte erweitert. Das kann wie bei dem Pokémon-Spiel etwa dadurch geschehen, dass die Spielerin oder der Spieler den Bremer Marktplatz mit dem Smartphone filmt. Das Gerät ergänzt die virtuellen Monster und zeigt sie auf dem Display an. Im Gegensatz zur virtuellen Realität (VR), in welcher der Nutzer vollständig in eine simulierte Computerwelt eintaucht, betrachtet der Anwender weiterhin seine reale Umgebung.

Augmented Reality kommt unter anderem in AR-Brillen zum Einsatz. Der Träger einer solchen Brille schaut durch ihre Gläser, auf die zusätzliche Informationen eingeblendet werden. AR-Brillen, auch Smart Glasses oder Datenbrillen genannt, gibt es schon seit Jahren zu kaufen, für die meisten Privatanwender sind sie wegen ihres Preis und den derzeit noch begrenzten Einsatzmöglichkeiten bislang uninteressant. In der Wirtschaft hilft sie allerdings schon heute bei der Arbeit - etwa bei der Montage, in der Logistik oder bei Wartungsarbeiten.

„Bei DHL Supply Chain setzen wir Datenbrillen bereits seit 2015 sehr erfolgreich im Lagerbetrieb ein”, teilt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage des WESER-KURIER mit. Supply Chain ist ein Geschäftsbereich des Konzerns DHL, bei dem das Unternehmen Logistikdienstleistungen für externe Firmen anbietet. Nach erfolgreichen Testläufen in den USA und in Europa sei der Einsatz der Datenbrillen ausgebaut worden, mittlerweile komme die Technologie fast in allen Regionen zum Einsatz. Vor allem das sogenannte Vision Picking werde genutzt. Dabei erhalten Lagermitarbeiter, die Waren zusammenstellen, zusätzliche Informationen angezeigt – etwa, aus welchem Regal sie die Ware nehmen müssen. Augmented Reality mache die Arbeit im Lager nicht nur effizienter und weniger fehleranfällig, sie entlaste auch den Mitarbeiter, der durch die Datenbrillen die Hände frei hat.

Bei DHL Supply Chain werden Datenbrillen schon standardmäßig eingesetzt, sie helfen den Lagerarbeitern beim Zusammenstellen der Ware.

Bei DHL Supply Chain werden Datenbrillen schon standardmäßig eingesetzt, sie helfen den Lagerarbeitern beim Zusammenstellen der Ware.

Foto: DHL

Durch die Technologie könne zudem der aus dem Lagerregal entnommene Artikel direkt im System verbucht werden. “So wird nicht nur Zeit gespart, es verbessert auch die Genauigkeit der Rückmeldung ans Lagerverwaltungssystem“, sagt der Unternehmenssprecher. Ein weiterer positiver Effekt seien kürzere Einarbeitungszeiten neuer Mitarbeiter. Insgesamt seien die Rückmeldungen aus der Belegschaft durchweg positiv.

Datenbrillen seien aber nur ein Baustein der Digitalisierungsstrategie von DHL. Vor allem in Kombination mit anderen Wearables entfalteten sie ihre volle Wirkung. Wearables sind tragbare Computersysteme wie Smart Watches oder etwa Ringscanner, die an den Fingern oder als Armband getragen werden können und Scanner-Pistolen ersetzen. Am größten sei der Mehrwert der Datenbrillen durch die Vernetzung mit weiteren neuen Technologien wie etwa Robotern oder Künstlicher Intelligenz.

Auch in der in der Windkraftbranche finden Datenbrillen Anwendung: 2015 startete das Unternehmen WPD Windmanager, das die Betriebsführung von Windparks übernimmt, zusammen mit dem Bremer Institut für Produktion und Logistik (Biba) und der Bremer Firma Anymotion und Comback ein Projekt, bei dem der Einsatz von Datenbrillen bei der Wartung von Windrädern erforscht wurde. Mittlerweile ist der Versuch abgeschlossen. Das Ergebnis: Datenbrillen seien nützlich, aber auch der Arbeitsschutz müsse berücksichtigt werden. Die Wartungstechniker tragen zu ihrer Sicherheit Helme, weshalb die Datenbrillen an diese angepasst werden müssten, sagt ein Sprecher. Diese Hürde sei allerdings genommen, die umgebauten Datenbrillen kämen nun zum Einsatz.

Datenbrille soll Technikern helfen

Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bremer Institut für Produktion und Logistik GmbH an der Universität Bremen (Biba) demonstriert das Arbeiten mit einer Datenbrille an einem Schaltkasten.

Foto: Carmen Jaspersen/dpa

“Denkbare Anwendungsszenarien von Datenbrillen gibt es viele”, sagt Maximilian Rettinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mensch-Maschine-Kommunikation an der Technischen Universität München. Hersteller bringen immer leistungsfähigere Modelle von AR- und VR-Brillen auf den Markt. Entscheidend sei die die Entwicklung der Software für den jeweiligen Zweck. Das Unternehmen brauche dafür das notwendige Kapital und der Einsatz müsse sich rentieren. Rettinger erwartet, dass langfristig Software entwickelt werden, mit dem der Anwender sich selbst Lösungen für das jeweilige Problem bauen kann. Viele Anwendungsfälle ähnelten sich, etwa die Anzeige von zusätzlichen Informationen auf dem Display, wie sie bei der Montage gebraucht wird. “Das ist vergleichbar mit einer Entwicklung beim Webdesign: Dort gibt es auch Programme, mit denen man sich aus einzelnen Elementen eine Internetseite bauen kann.” Der Vorteil dabei ist, dass die Software den Code im Hintergrund selbst generiert, der Anwender muss also nicht programmieren können. Rettinger zufolge würden Datenbrillen dann auch für kleine und mittelständische Unternehmen interessant.

Ein Unternehmen, das Software für Datenbrillen programmiert, ist Ubimax. Vor wenigen Jahren hat Hendrik Witt das IT-Start-up gemeinsam mit zwei Partnern gegründet, heute ist es Weltmarktführer. Im Juli hat das börsennotierte Unternehmen Teamviewer die Bremer IT-Firma gekauft - für 135 Millionen Euro.

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Das Unternehmen mit Sitz in der Bremer Überseestadt bietet Softwarelösungen für unterschiedliche Zwecke an, zum Beispiel für das Zusammenstellen von Waren, für Inventuren, zur Fehlerdiagnose und mehr. Mithilfe des Produkts Frontline Creator können Kunden AR-Arbeitsabläufe selbst ohne Programmierkenntnisse erstellen. Laut Ubimax nutzen schon mehr als 200 Unternehmen auf der ganzen Welt die Produkte des Bremer Unternehmens.

Neue Technologien wie Datenbrillen bergen allerdings nicht nur Potenzial, sondern auch Risiken. Mit Blick auf den Arbeitsalltag spielt laut Philipp Staab grundsätzlich die Frage der Leistungskontrolle eine entscheidende Rolle. Staab ist Professor am Lehrbereich Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, er sieht die Autonomie der Arbeitnehmer gefährdet. „Immer mehr Tätigkeiten erhalten eine digitale Ebene, Verwaltungsprozesse werden in Software abgebildet, wodurch immer mehr Daten anfallen.“ Dadurch ließen sich Mitarbeiterbeurteilungen erstellen und Leistungsvorgaben definieren. Auch bei Datenbrillen sei dies der Fall, der Beschäftigte bekomme die Aufgaben direkt vor das Auge gespielt. Dass die neuen Möglichkeiten zur digitalen Leistungskontrolle auch genutzt würden, habe die Corona-Pandemie gezeigt: Der Umsatz von Kontrollsoftware zur Vermessung von Telearbeit sei stark gestiegen, sagt Staab.

Denkbare Einsatzmöglichkeiten gibt es viele: Datenbrillen könnten beim Navigieren helfen, ohne dabei den Blick von der Straße zu lenken. Sie könnten als digitale Assistenten in Krankenhäusern eingesetzt werden, die 3D-Modelle von Körperscans bei Operationen ergänzen. Oder sie könnten in der Ausbildung Ausnahmesituationen simulieren, ohne den Lehrling in Gefahr zu bringen. Was davon tatsächlich sinnvoll ist oder nicht, muss in der Praxis erprobt werden. Aber schon jetzt ist sicher: Augmented Reality ist mehr als nur eine Spielerei.

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