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Wie Bremen eine nachhaltige Zukunftsstadt werden kann

Ulrike Mansfeld, Dekanin der Fakultät Architektur, Bau und Umwelt der Hochschule Bremen, erklärt im Interview, wie Bremen eine nachhaltige Zukunftsstadt werden kann.
09.02.2020, 20:58
Lesedauer: 5 Min
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Wie Bremen eine nachhaltige Zukunftsstadt werden kann
Von Elena Matera
Wie Bremen eine nachhaltige Zukunftsstadt werden kann

Städte für Menschen planen anstatt für Autos, meint Ulrike Mansfeld. Sie hat einige Ideen, wie man die Bremer Infrastruktur besser gestalten könnte.

Michael Matthey

Die Bremer Innenstadt soll bis 2030 autofrei sein. Was halten Sie von diesem Ziel der rot-grün-roten Regierung?

Ulrike Mansfeld: Das Vorhaben ist gut, aber der Titel ist nicht gerade ambitioniert. Wenn es um unsere Innenstadt geht, sollten wir nicht nur ein Datum ausrufen, sondern qualitative Verbesserungen anstreben. Die Debatte dazu wird hier sehr technisiert geführt. Es geht gerne um Verkehrsmittel und Spurbreiten. Da braucht es aber ein grundsätzliches Umdenken. Wir müssen unsere Städte für Menschen planen, nicht für Autos. Statt „Autofreie Innenstadt“ ließe sich auch sagen „Lebenswerte Innenstadt“ – und am besten sofort!

Sofort? Ist das überhaupt realistisch?

Auf jeden Fall. Die Martinistraße zum Beispiel ist stark von der Schlachte getrennt und fußläufig nur über wenige Ampeln zu erreichen. Wir könnten die Straße zur Hälfte dem Radverkehr freigeben. Die Gehwege würden zu großen Flaniermeilen werden, der Autoverkehr würde sich in der Mitte konzentrieren. Worauf warten wir und wer hält uns davon ab? Im gleichen Zuge gilt es, unsere großen Plätze aufzuwerten und attraktiver zu machen: für den Aufenthalt und den Handel, der auch im Begriff ist, sich zu wandeln.

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Wie gelingt das?

Indem wir den Fokus auf die Bewohner, Besucher und Nutzer der Stadt legen und deren Bedürfnisse. Im Moment regeln wir „Verkehre“ und das in getrennten Spuren. Das führt dazu, dass sich auf jedem Terrain ein jeder stets im Recht fühlt und dieses auch verteidigt. Wenn wir stattdessen die Verkehre deregulieren und insbesondere für die Innenstadt offene Plätze, sogenannte Shared Spaces, entwickeln, würde das die Achtsamkeit eines jeden fördern. Und es würde auch die Geschwindigkeit drosseln. Warum soll Bremen nicht gelingen, was sogar am Times Square in New York gelungen ist? Und zwar aus einem Verkehrsraum einen Aufenthaltsraum zu gestalten.

Eine autofreie Stadt – da wird der Unmut vieler Pendler doch groß sein.

Wir sollten Anreize schaffen, die besser sind als ein Auto zu fahren. Es gibt ja bereits das Park & Ride-Prinzip. Das muss noch weiterentwickelt werden. An den Umsteigeorten können wir multimodale Angebote machen und zwar ehe wir Verbote aussprechen. Pendler müssen mehr Möglichkeiten erhalten, das Auto abzustellen und dann ein Fahrrad mieten zu können oder mit dem Nahverkehr in die Stadt zu fahren. Und der Wechsel der Verkehrsmittel muss niederschwellig und einfach gestaltet sein. Deshalb befürworte ich ein System, das über eine Umlage alle öffentlichen Verkehrsmittel frei zugänglich macht.

Was müsste sich beim Nahverkehr ändern?

Das Straßenbahnnetz könnte in den Randgebieten und in der Innenstadt durch kleine Busse mit alternativen Antrieben ergänzt werden: kleinere Einheiten, die öfter oder auf Abruf fahren, mehr Straßen erreichen und das leise und weniger invasiv als auf den Trassen der Straßenbahn. Dazu gab es im letzten Jahr eine Bachelorthesis an der Hochschule Bremen, in der die Straßenbahn in der Obernstraße durch kleine Busse ersetzt wurde. Der öffentliche Raum vor den Geschäften würde damit neu gestaltet werden und mehr Aufenthaltsqualität bieten können.

Die Bundesregierung hat das Ziel gesetzt, dass Deutschland bis 2050 klimaneutral sein soll. Welchen Beitrag muss Bremen leisten?

Gerade meine Profession kann da einen bedeutenden Beitrag leisten. Wer mag, kann sich das im Positionspapier des Bundes Deutscher Architekten „Das Haus der Erde“ zu Gemüte führen. Da heißt es: Umbau geht vor Neubau. Wenn wir das ernst nehmen, ist das ein Paradigmenwechsel. Und je mehr Institutionen und Unternehmen sich in ihrem Bereich verantwortlich zeigen, wird daraus ein gesellschaftlicher Konsens hervorgehen, Klimaschutz als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Ich bin zuversichtlich, dass wir dazu bald kommen. Denn das Klima wandelt sich schneller als wir es wahrhaben wollen: Draußen blühen die Rosen...

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Wie könnte das konkret aussehen?

Auf Bremens Stadtentwicklung bezogen gilt es die Verantwortlichkeiten zu bündeln und die relative Kleinheit und Eigenständigkeit Bremens für sinnvolle Testphasen zu nutzen. Bieten wir uns dem Bund als Versuchsraum an! So ließe sich der Stadtumbau auch finanzieren. Für wichtig halte ich auch, in einen intensiveren Austausch mit den Umlandgemeinden zu gehen. Nur so lässt sich die Stadt in ihrer wirklichen Größe und über die Landesgrenze hinaus denken – mit all den Potentialen, Problemen und Abhängigkeiten.

Was könnte man in Bremen verändern, damit es eine nachhaltigere Stadt wird?

Nachhaltig heißt nicht nur klimaneutral, sondern auch sozial. Was mich beschäftigt, ist die Frage, ob sich die Tendenz, dass Menschen alleine auf immer größer werdenden Flächen wohnen, stoppen lässt. Denn diese Tendenz ist ökologisch wie ökonomisch fragwürdig und führt zu Desozialisierung und Einsamkeit.

Wie kann man denn dagegen angehen?

Wir könnten über nachbarschaftliche Initiativen Menschen neu zusammenbringen. Nur als Beispiel: Eine Familie könnte einen Rentner aufnehmen, der mit den Kindern Latein übt, oder der Rentner bietet jungen Menschen Raum und lernt mit ihnen Deutsch. Die Mieter gehen für ihn einkaufen oder zur Post. Man teilt sich die Aufgaben und den Wohnraum sinnvoll. Wir haben nicht wirklich Wohnraumnot, aber der zur Verfügung stehende Raum könnte klüger genutzt werden.

So ließen sich die Kompetenzen der verschiedenen Generationen neu koppeln. Die Generation der Babyboomer zum Beispiel bewohnt relativ große Flächen an Wohnraum. Sie wird mit zunehmendem Alter auf Mithilfe angewiesen sein und sich bestenfalls auf neue Konstellationen des Zusammenlebens einlassen. Vielleicht erspart das auch den ein oder anderen Altenheimaufenthalt. In der Schweiz und Österreich sind alternative Wohnkonzepte schon viel selbstverständlicher als bei uns.

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Merken Sie bereits bei Ihren Studierenden, dass es ein Umdenken gibt in Sachen Nachhaltigkeit?

Enorm. Ihnen sind Nachhaltigkeit, Klimaschutz und sozialer Austausch sehr wichtig. So haben sie in ihren Projekten zur Reduktion von CO2 vorgeschlagen einen Teil der Wallanlagen als Anbauflächen zu nutzen oder dafür auf den Dächern einen großen Park anzulegen. Das hört sich kühn an, ist aber nicht allzu schwer vorstellbar, wenn wir die Lufträume über unserer begrenzten Stadt als Potenzial betrachten. Die Flächen binden Regenwasser, kühlen das Stadtklima, generieren Strom, und es entsteht eine zweite öffentliche Ebene in der Stadt. Diese Generation zeigt uns, wie sie sich ihr künftiges Leben vorstellt. Wir sollten ihnen zuhören.

Und wie schafft es die Hochschule, hinzuhören?

Wir schreiben neue Professuren aus und forschen und lehren zu Fragen der Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit unserer Stadtregion oder auch zur Gestaltung unserer öffentlichen Räume. Denn „autofrei“ meint ja eigentlich die Rückeroberung des öffentlichen Raumes für den Menschen, und dann will dieser auch gut gestaltet sein. Das wäre ein Mehrwert – nicht nur für unsere Innenstadt, sondern für alle Quartiere. Und es wäre womöglich ein Grund mehr, Bremen am Wochenende nicht mit dem nächsten Billigflieger zu verlassen, weil sich auf unseren städtischen Plätzen dann auch wieder das Leben abspielt, das wir andernorts suchen.

Das Gespräch führte Elena Matera.

Info

Zur Person

Ulrike Mansfeld ist Dekanin der Fakultät Architektur, Bau und Umwelt der Hochschule Bremen. Die 48-Jährige ist im Schwarzwald aufgewachsen und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und an der Bartlett School in London Architektur und Design.

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