Vor 195 Jahren Wie Bremerhaven entstand – und welche Bremer Idee dahintersteckte

Am 11. Januar 1827 kauft Bremen 87 Hektar Land an der Wesermündung, um einen neuen Hafen zu bauen. Bremerhaven entsteht – eine Stadt, die ihre Existenz dem Willen einiger Männer verdankt. Und ihrer Angst.
11.01.2022, 12:47
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Von Leonie Ratje

Die Geschichte einer Seestadt ist immer auch die Geschichte ihrer Häfen. Für Bremerhaven gilt das in besonderem Maße. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Städten ist Bremerhaven nicht natürlich gewachsen. Die Stadt ist eine künstliche Schöpfung der Moderne. Sie verdankt ihre Existenz dem Willen und der Tatkraft einiger Männer. Und ihrer Angst.

Mit der Gründung des Vorhafens an der Weser begegnete die Hansestadt Bremen vor bald zwei Jahrhunderten dem drohenden Verlust ihrer Stellung als Seehandelsplatz. Da die Weser versandete und Seeschiffe nur noch bis Brake kamen, wuchs die Sorge, aus dem Welthandel zu verschwinden. Tatsächlich ging der gesamte überseeische Verkehr an der Weser von oldenburgischen Plätzen aus.

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Bremens Bürgermeister Johann Smidt gelang es, Hannover am anderen Weserufer zu überzeugen, dass die bremischen und die hannoverschen Handelsinteressen an der Unterweser dieselben sind. Am 1. Mai 1827 erhielt Bremen knapp 90 Hektar Land zur Anlage eines Hafens. 1830 waren Bassin, Schleuse und Deich fertig. Am Hafen entstanden Magazine und Packhäuser, es folgten Wirtshäuser und Wohnungen für Handwerker, Lotsen, Matrosen und Arbeiter.

Der Beginn einer langen Blütezeit

Das ins Wasser geworfene Geld trug schnell Zinsen. Bremen stieg dank Bremerhaven zur Welthandelsstadt auf. 14 Jahre nach der Eröffnung machte die Dampfschifffahrt eine Erweiterung des Hafenbassins erforderlich, der Neue Hafen ging 1852 in Betrieb. Hannover beobachtete das Aufblühen Bremerhavens und legte im Juli 1847 selbst einen Hafenort an der Geeste an: Geestemünde.

Im Laufe der Jahre wurden die Schiffe immer größer. Innerhalb von fünf Jahren verdoppelte sich der Umfang der Häfen. In dieser Zeit wuchs auch der Ort. 50 Jahre nach der Gründung lebten mehr als 10 000 Menschen in Bremerhaven.

Die Gründung des Deutschen Reichs 1871 bedeutete den Beginn einer langen Blütezeit. Da die Bassins in Bremerhaven und auch der Geestemünder Hafen häufig überfüllt waren, beschloss Bremen den Bau eines dritten Hafens. Mit der Vollendung des Kaiserhafens 1876 endete die erste große Epoche des Wachstums, das sich allerdings nur zu einem kleinen Teil auf Bremer Gebiet abspielte. Bremerhaven selbst war lange nach Umfang und Einwohnerzahl keine Großstadt, es lag eingezwängt zwischen Lehe und Geestemünde, von denen es durch Landesgrenzen getrennt war.

Um die Jahrhundertwende galt der Norddeutsche Lloyd auf dem Gebiet der Passagierfahrt als erste Reederei der Welt. Aber: Bremerhaven war als Abfertigungsort für die Schiffe nach Übersee nicht mehr geeignet. Bisher hatte man die Häfen stückweise nach den aktuellen Erfordernissen erweitert. Nun strebte Bremen eine großzügigere Regelung an. 1905 schlossen Bremen und Preußen den Vertrag, der Bremen weitere 600 Hektar Land brachte. 1908 wurde der Kaiserhafen II, 1909 der Kaiserhafen III fertig. Der Erste Weltkrieg beendete den Aufstieg jäh. Nach Kriegsende gingen die Lloydschiffe an die siegreichen Alliierten.

Wesermünde wird größer

In die Zeit der Lebensmittelknappheit fiel 1920 die Eingemeindung Wulsdorfs in die Stadt Geestemünde und die Vergrößerung ihres Fischereihafens zum größten des Kontinents. Die Eingemeindung Wulsdorfs war der erste Schritt zum Zusammenschluss von Lehe und Geestemünde, die am 18. Oktober 1924 folgte. Die nun 75 000 Einwohner zählende Stadt erhielt den Namen Wesermünde. 1927 kamen Schiffdorferdamm und Weddewarden dazu. Das kleinere Bremerhaven blieb dank seiner Häfen das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum an der Unterweser.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts besaß es den bedeutendsten Auswandererhafen Europas. Die 1927 fertiggestellte Columbuskaje und der dazugehörige Bahnhof am Meer wurden für viele Menschen zum Schicksalsort. Große Lloydampfer brachten Millionen Menschen in ein neues Leben jenseits des Atlantiks. Heute befindet sich hier der Kreuzfahrtterminal Columbus Cruise Center Bremerhaven.

Die Schrecken der Nazi-Diktatur begannen auch in Bremerhaven und Wesermünde in der Nacht des Reichstagsbrands vom 27. auf den 28. Februar 1933. Wesermünde wuchs in den Folgejahren zur drittgrößten Marinegarnison im Deutschen Reich.

Oberbürgermeister Walter Delius gelang es, Hermann Göring zu überzeugen, Wesermünde und Bremerhaven zu vereinen. Am 1. November 1939 fand die offizielle Feier der Eingliederung Bremerhavens in Wesermünde statt. Der Hafen verblieb im Besitz Bremens. Das alte Bremerhaven hieß nun Wesermünde-Mitte. Es hörte am Abend des 18. September 1944 auf zu bestehen.

Binnen 20 Minuten prasselten Tausende Bomben auf die Wohngebiete zwischen dem Leher Tor im Norden und der Georg-Seebeck-Straße im Süden. Die Stadt verwandelte sich in ein Flammenmeer. Am Ende des Angriffs lag die Stadtmitte in Trümmern. Hunderte verloren ihr Leben. Zigtausende waren obdachlos. Nach der Kapitulation richtete die amerikanische Militärregierung an der Wesermündung eine US-Enklave zur Sicherung ihres Nachschubs ein. In den intakten Häfen Wesermündes begann mit dem Güterumschlag der Alliierten wieder das Wirtschaftsleben.

Der Fischereihafen hatte schwere Schäden. Packhallen und Fabrikgebäude lagen in Schutt und Asche. Im Juni 1945 lief der erste Fischdampfer wieder zum Fang aus. Bereits acht Jahre später erreichte der Seefischmarkt seinen alten Marktanteil.

Mit der Eingliederung Wesermündes in das Land Bremen am 1. Januar 1947 war die Lösung erreicht. Seit dem 10. März 1947 heißt sie Bremerhaven. Die Wohnsiedlungen „Am Bürgerpark“ und „Auf dem Eckernfeld“ waren die ersten größeren Wohnungsbauten nach dem Krieg, danach folgten weitere Stadtteile.

Ein Terminal nach dem anderen

Die Hafenanlagen waren zwar weitgehend intakt, bis auf den berühmten Columbus-Bahnhof. Nach dem Wiederaufbau nahm der Norddeutsche Lloyd in den 50er-Jahren den Liniendienst Bremerhaven−New York wieder auf. 1962 wurde gar eine neue Fahrgastanlage eingeweiht. Der Columbus-Bahnhof bot nun auf 1075 Metern Kajenlänge fünf Passagierschiffen gleichzeitig Platz. In den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs stieg der Erzbedarf in Deutschland. Im Bremerhavener Nordhafen wurde ab 1961 ein neues Hafenbecken ausgebaggert. Als Erzhafen diente von 1964 bis 1993 der Osthafen.

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Die ersten Container in Bremerhaven läuteten 1966 die Revolution des Transportwesens ein. Der Nordhafen wurde zum Containerhafen ausgebaut und eine 750 Meter lange Stromkaje nördlich der Nordschleuse errichtet. Das „Containerkreuz Bremerhaven“ ging am 14. September 1971 in Betrieb. Drei Jahre später wurde die Bremerhavener Autobahn freigegeben. Sie reichte von der B 6 bei Nesse im Süden bis nach Debstedt. 1979 hieß es auch „freie Fahrt“ bis Bremen-Burglesum.

Was sich bei der Eröffnung der Fahrgastanlage II am Columbus-Bahnhof abgezeichnet hatte, wurde zur Gewissheit: Der Flugverkehr lief der Passagierschifffahrt den Rang ab. 1974 wich die Fahrgastanlage I einem Stückgut-Terminal. Ihr Abriss markierte das Ende einer Ära, in der Bremerhaven als Vorhafen New Yorks galt. Das 2005 eröffnete Auswandererhaus erinnert an die Geschichte Bremerhavens als bedeutendster Auswandererhafen Europas.

Nicht nur die Häfen, auch die Stadt veränderte ihr Gesicht. Unter dem Arbeitstitel Columbus-Center lobte die Neue Heimat 1970 einen Architektenwettbewerb zur Neugestaltung der Innenstadt aus. Das Columbus-Center sollte mit Wohn-, Arbeits-, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten zum Mittelpunkt werden. Die Grundsteinlegung des „Columbus-Centers“ gilt als Meilenstein in der Geschichte Bremerhavens. Am 27. April 1978 war Eröffnung.

Strukturwandel kostet Arbeitsplätze

Auch die Entwicklung des Containerhafens schritt voran. 1979 wurde die Süderweiterung fertig, das Terminal II folgte 1983. Zur gleichen Zeit entstand ein neuer Verschiebebahnhof in Speckenbüttel. Ende 1997 war der Terminal III betriebsbereit. 2003 folgte Terminal IIIa, 2008 Terminal IV in Weddewarden. Auch der Autoumschlag wuchs. Seit 1964 existiert eine Autoumschlaganlage im Nordhafen. Als 1970 der Import japanischer Fahrzeuge einsetzte, richtete die Stadt an den Kaiserhäfen II und III zusätzliche Stellflächen her. Bremerhaven ist seitdem die bedeutendste Autodrehscheibe Europas.

Doch die Stadt erlebte auch Niederschläge. Der Strukturwandel in der Hafenwirtschaft, der Fischerei und im Schiffbau, das Aus vieler Werften, sorgte dafür, dass viele Menschen ihre Arbeit verloren. Hinzu kam der Kaufkraftverlust nach dem Abzug der US-Soldaten 1993. Im Januar 1998 lag die Arbeitslosenquote bei 22,3 Prozent, die Einwohnerzahl sank. Erst seit der Jahrtausendwende erholt sich Bremerhaven langsam.

Auf einem Gelände, das jahrhundertelang Wiese war, erhebt sich heute eine junge Stadt, die einst Symbol der wachsenden Industrie und des Welthandels war und zum beherrschenden Ort an der Unterweser aufstieg. Mit dem Hafenbetrieb verbundene Zweige prägen bis heute die Wirtschaft. Ob Container-Terminal, Werften, Autoumschlag, fischverarbeitende Industrie, Kreuzfahrt, maritimer Tourismus oder Offshore-Windkraft: Geht es dem Hafen gut, geht es auch der Stadt gut, heißt es.

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