Bremer Unternehmer des Jahres

Wie die Beckers Müll zu Geld machen

Die Geschwister Birgit und Björn Becker haben die Firma ihres Vaters über die Jahre zu einem Abfall-Unternehmen mit 30 Millionen Euro Umsatz ausgebaut. Jetzt sind sie Bremer Unternehmer des Jahres.
12.05.2016, 00:00
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Von Maren Beneke Petra Sigge Stefan Lakeband
Wie die Beckers Müll zu Geld machen

Ausgezeichnetes Geschwisterpaar: Birgit und Björn Becker.

Christina Kuhaupt

Die Geschwister Birgit und Björn Becker haben die Firma ihres Vaters über die Jahre zu einem Abfall-Unternehmen mit 30 Millionen Euro Umsatz ausgebaut. Jetzt sind sie Bremer Unternehmer des Jahres.

Geschäftstüchtig war Birgit Becker schon in jungen Jahren. Damals, als sie ein Kind war, waren Zahnpastatuben noch bleihaltig. Und für Blei war Beckers Vater bereit, Geld zu bezahlen. Also sammelte Birgit Becker alte Zahnpastatuben – und verkaufte diese an ihren Vater. Der hatte – zusammen mit seiner Frau – 1951 ein Unternehmen gegründet. Die Firma Becker war darauf spezialisiert, Lumpen, Papier, Pappe und Metall einzusammeln und weiterzuverkaufen. Mit seinen Zahnpastatuben wurde das Mädchen also so etwas wie eine – wenn auch sehr junge – Geschäftspartnerin des elterlichen Betriebes.

Becker und ihr Bruder Björn sind mit dem Familienunternehmen aufgewachsen. Heute führen sie die Becker-Holding in zweiter Generation. Für ihre Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten sind sie am Mittwochabend bei einer feierlichen Gala von den Verbänden Die Familienunternehmer, Die Jungen Unternehmer und der Sparkasse Bremen als 30. Bremer Unternehmer des Jahres ausgezeichnet worden.

Ortstermin am Firmensitz in der Wartumer Heerstraße. „Soll ich für das Foto einen Anzug anziehen?“, fragt Björn Becker. Zur Unternehmergala muss es natürlich der dunkle Anzug sein, aber auf dem 65 000 Quadratmeter großen Unternehmenssitz geht es weniger fein zu. Hier stapeln sich PET-Flaschen, Papier oder Altkleider. Für ein Foto stellen sich die Geschwister neben einen dieser Müllballen: er in Sakko, sie mit Kostüm und hochhackigen Schuhen. Ein Bild, das auf den ersten Blick nicht stimmig erscheint. Und doch sind es genau diese Abfälle – die Beckers nennen sie Wert- oder Rohstoffe –, mit denen ihr Recycling-Unternehmen sein Geld verdient.

Gutes Geld. Als Björn Becker Ende der 1980er-Jahre in das Familienunternehmen einstieg, machte der Betrieb – damals gab es die Gruppe mit den Tochterfirmen noch nicht – einen Jahresumsatz von etwa sieben bis acht Millionen Euro. Heute sind es mehr als 30 Millionen Euro, und statt der damals 70 Mitarbeiter sind allein am Bremer Standort mittlerweile 150 Angestellte für die Holding tätig.

Und das, obwohl sich zunächst einmal keines der beiden Geschwister so recht vorstellen konnte, das Firmenunternehmen später einmal zu übernehmen. Birgit Becker ließ sich zur Krankenschwester ausbilden und studierte im Anschluss Psychologie; Björn Becker machte eine Kaufmannslehre und studierte soziale Arbeit. Erst als der größere Bruder Bernd sich aus der Geschäftsführung verabschiedete, kam Björn ins Grübeln. Ab 1988 arbeitete er schließlich Seite an Seite mit dem Vater, sechs Jahre später stieß Schwester Birgit dazu.

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Die Folgezeit, sie war nicht immer ganz einfach. Denn die Konstellation, wenn Eltern und ihre Kinder zusammenarbeiten, ist immer besonders: Unternehmensgründern fällt es oft schwer, sich aus der Firma zurückzuziehen, und die Nachfolger müssen ihren eigenen Weg finden, die Betriebe zu führen. Um nicht die gleichen Fehler zu machen, wie sie bei Nachfolgeregelungen vielfach zu beobachten sind, gründete Familie Becker einen Firmenbeirat mit externen Beratern, der den Generationenwechsel begleiten sollte. „In einem Familienunternehmen kann es auch schon einmal emotional werden“, begründet Björn Becker. Der Beirat habe Konflikte geregelt, bevor diese eskalieren konnten. Und Ratschläge zu unternehmerischen Entscheidungen gegeben – sofern diese denn gewünscht waren.

Die Fähigkeit, sich Tipps von außen zu holen und diese Ratschläge dann auch anzunehmen, bezeichnen die beiden Geschwister als Teil ihres Erfolges. „Ein Studium kann nicht vermitteln, wie man ein Unternehmen leitet“, sagt Björn Becker. Immer wenn er sich in einem Bereich nicht sicher fühlte, habe er sich von Wirtschaftsberatern Unterstützung geholt. „Kein Mensch kann alles wissen. Und wer nicht weiter weiß, sollte Menschen fragen, die sich auskennen“, sagt er.

Damit es auch unter den Geschwistern keine Konflikte gibt, haben Björn und Birgit Becker die einzelnen Geschäftsbereiche untereinander aufgeteilt. So könne sich jeder in seiner Sparte kreativ austoben, erklärt die 63-jährige Unternehmerin. Sie kümmert sich um die Tochterfirma Becker Putztextilien und die Ersatzbrennstoffe Bremen GmbH (EBB), ihr Bruder ist für die 50-prozentige Beteiligung an Becker und Brügesch zuständig. Gleichzeitig sind beide Inhaber der Holding, die als Mutter über all diesen Firmen steht.

Die Gruppe selbst entstand zu Beginn des Jahrtausends, als die Entsorgungsfirma Becker mit dem Unternehmen Brügesch fusionierte. Die Bereiche Entsorgung, Putztextilien und Kunststoffhandel wurden in eigenständige Firmen ausgegliedert. Eine Trennung, die auch auf dem Gelände an der Firma zu sehen ist: Altkleider, die beispielsweise als Putzlappen weiterverwendet werden, sind in einer der Hallen zu finden. Ein paar Meter weiter stapeln sich paketweise Kunststoffe. Und dann sind da noch die vielen Abfälle, die die Becker-und-Brügesch-Lkwvon den Gewerbekunden aus Bremen und der Region einsammeln.

Während Becker und Brügesch ein Entsorgungsunternehmen mit Betriebsstätten in der Hansestadt und Debstedt ist, verkauft und verleiht Becker Putztextilien von Bremen, Elterlein (Sachsen) und Werneuchen (Brandenburg) aus Putzlappen und Tücher aller Art an Gewerbekunden. Dazu zählen kleinere Unternehmen, aber auch die ganz Großen wie Audi. Viele der Geschäftspartner des Handelshauses EBB sitzen dagegen in Asien: Dort werden aus den Kunststoffen, die aus ganz Europa kommen, neue Produkte hergestellt.

Aus dem operativen Geschäft ziehen sich Birgit Becker und ihr 60-jähriger Bruder nach und nach zurück. Als Holding-Chefs wollen sie ihren Geschäftsführern beratend zu Seite stehen und sich um die Gesamtstrategie kümmern. Die Becker-Holding wird aber auch in Zukunft in Familienhand bleiben: Nichte Paula ist als Prokuristin eingestiegen. Begleitet wird die Firma noch immer von dem Beirat. „Das ist unser Weg“, sagt Birgit Becker. Wenn die Zeit gekommen ist, dann gibt das Geschwisterpaar die Verantwortung gern ab.

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