Wichtige Rollen für Niedersachsen und Bremen

Wie die Pipeline-Betreiber ein bundesweites Wasserstoffnetz planen

Erstmals haben Deutschlands Betreiber der Gasfernleitungen einen Plan für ein Wasserstoffnetz vorgelegt. Welche wichtige Rollen dabei Niedersachsen und Bremen spielen werden.
29.01.2020, 04:25
Lesedauer: 4 Min
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Wie die Pipeline-Betreiber ein bundesweites Wasserstoffnetz planen
Von Florian Schwiegershausen
Wie die Pipeline-Betreiber ein bundesweites Wasserstoffnetz planen

Das Wasserstoffnetz wäre für ganz Deutschland 5900 Kilometer lang.

Peter Gercke /dpa

Bis Industrie und Wärmesektor vollständig auf Erdgas verzichten kann, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Doch die Betreiber, denen die Fernleitungen für den Gastransport gehören, spielen schon jetzt durch, wie ein Wasserstoffnetz aussehen könnte. Für ganz Deutschland wäre das Netz 5900 Kilometer lang. Wie das „Handelsblatt“ schreibt, gehen die Betreiber davon aus, dass die Erzeugungszentren von Wasserstoff in Norddeutschland liegen werden – eben dort, wo der Offshore-Strom ans Land kommt. Überschüssiger Windstrom wird dort für die Produktion von Wasserstoff verwendet. Vom Norden soll das Gas dann zu den Abnehmern im restlichen Deutschland gelangen.

Die Mitglieder der sogenannten Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB Gas) wollen dabei zu 90 Prozent auf Leitungen setzen, durch die sie momentan noch Erdgas transportieren. Ein Teil der Leitungen sei doppelt verlegt. Die Betreiber gehen davon aus, dass sie einzelne Stränge irgendwann nicht mehr für Erdgas benötigen und dann nur noch Wasserstoff durchleiten können.

Speicher in der Erde

Nach Angaben der Gastransport Nord (GTG Nord), einer Tochter des Energieversorgers EWE, sieht ein mögliches Wasserstoffleitungsnetz für Bremen und Niedersachsen eine Länge zwischen 1000 und 1200 Kilometern vor. Daran beteiligt wären neben der GTG Nord, die derzeit mehr als 320 Kilometern an Fernleitungen für Erdgas verfügt, noch fünf weitere Betreiber. Tim Olbricht von der GTG Nord weist darauf hin, dass bei diesen Leitungen nicht zwei Stränge in einer Trasse liegen: „Tatsächlich würden bisher für den Erdgastransport genutzte Leitungen für den Transport von Wasserstoff umgewidmet.

Das setzt natürlich voraus, dass der Erdgasverbrauch gesunken ist und zugleich der Bedarf an Wasserstoff entstanden ist.“ Die Netzbetreiber würden dann vereinbaren, welcher Leitungsabschnitt bei Erdgas bleibt und welcher auf Wasserstoff umgestellt würde. Da die Leitungen bereits bestehen, seien vor allem bei der Messtechnik Umrüstungen notwendig. „Wir sprechen hier aber über Investitionen für die Region Niedersachsen und Bremen in der Größenordnung von 100 Millionen Euro.“

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Eine dieser Leitungen, in denen künftig Wasserstoff transportiert werden könnte, verläuft südlich von Bremen nach Achim-Embsen. Dort, unmittelbar neben der A27, befindet sich eine sogenannte Verdichterstation. Sie dient dazu, dem Gas, das etwa aus den Niederlanden kommt, neuen Schwung zu verleihen, indem der Druck auf bis zu 100 Bar angehoben wird. Dieser Verdichter gehört der niederländischen Gasunie, die ihren Deutschland-Sitz in Hannover hat. Das Unternehmen betreibt allein in Norddeutschland 3800 Kilometer an Fernleitungen. Ein Teil davon würde auch für Wasserstoff infrage kommen.

Gasunie hat außerdem vergangenen Juni sein Versuchsprojekt für Wasserstoff mit dem Namen „HyStock“ in Betrieb genommen. In der Provinz Groningen wird aus Solar- und Windstrom Wasserstoff produziert. Der wird anschließend direkt in einer 1000 Meter tief liegenden Kaverne in einem Salzstock gespeichert. Der Oldenburger Energieversorger EWE, zu dem die SWB gehört, arbeitet derzeit daran, die Erdgaskaverne in Huntorf bei Elsfleth für Wasserstoff zu nutzen. Für Paul Schneider von der EWE Gasspeicher hat die Lage dieser Kaverne eine wichtige Bedeutung: „Von hier könnte man das Bremer Stahlwerk mit Wasserstoff versorgen.“ Auch für die Häfen von Bremen bis Bremerhaven könnte die Kaverne ebenso von Bedeutung sein.

EWE verfügt im Verbreitungsgebiet über 37 Kavernen, in denen Erdgas gespeichert wird. „Alle davon könnten grundsätzlich auch für die Speicherung von Wasserstoff genutzt werden“, sagt Schneider. Für die Energiewende gehe es eben darum, die Grundlast an Strom, der aus Kohle und Atomkraft kommt, zu ersetzen. Da spiele Wasserstoff eine wichtige Rolle. Klar ist laut Schneider aber auch, dass Deutschland hier zusätzlich auch auf Wasserstoff aus anderen Ländern angewiesen sei – „so wie derzeit eben Gas und auch Öl aus anderen Ländern transportiert wird“. Eine Kaverne wie in Huntorf könne dazu dienen, dort Wasserstoff zu speichern, der per Schiff über die Weser dorthin transportiert wurde. Würde man alle 37 Kavernen mit Wasserstoff füllen, könnte man laut Schneider Deutschland damit für zehn Tage mit Energie versorgen.

Forderungen an Politik

Im Dezember hat EWE für sein Projekt „Hyways for Future“ vom Bundesverkehrsministerium Fördergelder in Millionenhöhe zugesagt bekommen. Der Energieversorger will zusammen mit seiner Tochter SWB und weiteren Partnern aus Industrie und Politik in der Metropolregion Nordwest rund 90 Millionen Euro investieren. Schwerpunkte sind die Städte Cuxhaven, Wilhelmshaven, Bremerhaven, Oldenburg und Bremen. „Im ersten Schritt liegt der Fokus dabei auf der Anwendung von Wasserstoff im Mobilitätssektor“, erklärte EWE-Chef Stefan Dohler.

So gehe es um den Bau weiterer Wasserstofftankstellen, den Kauf von Wasserstoffbussen oder mit Wasserstoff betriebene Reinigungsfahrzeuge. Demnächst fährt in Oldenburg ein Taxiunternehmen mit Wasserstoff. EWE hat dem Betrieb dafür drei Autos zur Verfügung gestellt. So lange es in Oldenburg noch keine Wasserstofftankstelle gibt, sollen die Taxen ab Februar jeden Sonntag für Fahrten zum Bremer Flughafen eingesetzt werden – um dann an der Bremer Wasserstofftankstelle vollzutanken.

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Was die Pläne für das neue Fernnetz angeht, will die FNB Gas auch Wasserstoff künftig in den Entwicklungsplan neben dem für den Endverbraucher wichtigen H-Gas und L-Gas integrieren. Die Geschäftsführerin der FNB Gas, Inga Posch, sagte dazu: „Da der Rechtsrahmen hierfür angepasst werden muss, appellieren wir an die Politik und die Regulierungsbehörde, hier zügig die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten.“

Die Vereinigung mahnt die Politik ebenso an, zusätzliche Anreize für die Nachfrage von erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen zu schaffen und die Zahl der Anlagen, die per Elektrolyse aus Strom Wasserstoff produzieren, zu erhöhen. Laut Paul Schneider von EWE Gasspeicher gehe es darum, jetzt die Projekte anzugehen, um alles rund um den Wasserstoff für die Zeit in 15 bis 20 Jahren zum Laufen zu bekommen. EWE-Chef Dohler sagt: „Diese Voraussetzungen in Kombination mit unserer Innovationsbereitschaft und Infrastruktur machen den Nordwesten zum Wasserstoff-Hub.“

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