Sendefähig-Gründer Christian Tipke

Wie ein Bremer mit Youtube-Videos ein Unternehmen aufbaute

Mit Youtube-Dokus hat Christian Tipke ein Unternehmen aufgebaut und den Gründerpreis gewonnen. Dabei geht es Tipke nicht mehr nur um die Firma. Er will Platz schaffen für Kreative, die sonst keinen mehr finden.
01.11.2019, 22:31
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Wie ein Bremer mit Youtube-Videos ein Unternehmen aufbaute
Von Nico Schnurr
Wie ein Bremer mit Youtube-Videos ein Unternehmen aufbaute

„Es geht um Haltung, klare Kante, nahbare Typen vor der Kamera.“ Sendefähig-Gründer Christian Tipke macht Fernsehen für Leute, die kein Fernsehen mehr schauen.

Christina Kuhaupt

Das Bremer Start-up der Stunde sitzt dort, wo man Start-ups in Bremen vielleicht am allerwenigsten vermuten würde. In Woltmershausen, wo die Häuserfassaden oft grau und die Schaufenster staubig und leer sind, geht es rechts ab in den Hohentorshafen. Alte Industrie, Fabrikhallen. Und dazwischen ein ehemaliges Werftgelände, in dem sie heute Fernsehen machen für Leute, die kein Fernsehen mehr schauen.

Draußen an der Metalltür prangt das Firmenlogo der Produktionsfirma, eine Super-8-Kamera, ewig alt. Ein Modell aus einer Zeit, als Fernsehen auch für junge Menschen noch wichtig und ein großer Teil der Mitarbeiter der Sendefähig GmbH noch gar nicht geboren war. Hinter der Tür mit dem Kameralogo führt eine Wendeltreppe in den ersten Stock. Es geht durch ein Großraumbüro der freundlicheren Sorte, helle Dielen, hohe Fenster, ein paar Meter weiter noch, dann steht man im Eckbüro von Christian Tipke.

„Wahnsinn, wie schnell alles ging"

Als einer von drei Geschäftsführern leitet er Sendefähig. Gerade ist er dafür ausgezeichnet worden. Gründerpreis in Berlin, roter Teppich vorm Bundeswirtschaftsministerium. „Man muss das hier jetzt wohl Unternehmen nennen“, sagt Tipke im schnoddrigen Singsang, „das ist ein richtiges Geschäft geworden.“ Tipke, 38, Glatze und Vollbart, rote Socken zu Sneakern, lässt sich auf ein abgewetztes Ledersofa fallen. „Wahnsinn, wie schnell alles ging.“ Klingt nach Klischee, klar, aber so richtig fassen, sagt er, kann er das noch nicht.

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Bis vor vier Jahren ist Tipke vor allem Filmemacher, nicht Unternehmer. Er hat in der Szene einen Namen und eine kleine Firma mit sechs Mitarbeitern. Mal läuft es schlechter, mal besser, aber nie so, dass etwas völlig durch die Decke geht. Bis eine Idee alles ändert. Mit dem Reporter Dennis Leiffels entwickelt er im Auftrag von Radio Bremen das Format Y-Kollektiv für Funk, das junge Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Sie wollen Dokumentationen drehen für die, von denen es heißt, sie würden sowieso keine schauen.

Jede Woche eine neue Dokumentation

Ein Reportageformat für die junge Generation, politisch und subjektiv. Jede Woche eine neue Dokumentation, veröffentlicht auf Youtube. Immer donnerstags stellen sie die Filme online, einige dauern bloß 15 Minuten, andere eine halbe Stunde. Es geht um alles und nichts. Klimaforschung in der Arktis. Hungersnot in Somalia. Superreiche in Hongkong. Aber auch: betrunkene Abiturienten in Lloret de Mar. Echte Vampire in Bremen. Schnüffel-Fetischisten in Frankfurt. Nicht nur die Protagonisten stehen vor der Kamera, auch die jungen Reporter, viele keine 30 Jahre alt. Sie berichten nicht bloß über die Themen, sie stellen auch aus, was sie dabei empfinden. Die Wut, den Ekel, die Faszination.

„Wir sind ein Haufen Freigeister, die Reportagen machen“, sagt Tipke. Er steht vom Ledersofa auf und geht zum Schreibtisch, auf dem eine dieser alten Acht-Millimeter-Schmalfilmkameras liegt. Ein Geschenk, er hat sie nie benutzt. Die Technik ist lange überholt, aber irgendwie passt sie zu dem, was sie hier treiben. Anarchie auf acht Millimetern. Wie damals, vor Jahrzehnten. Als Radio Bremen schon mal für ein anarchisches, mindestens aber aufregendes Programm stand. „Was wir machen, ist keine Weltsensation.“ So sieht Tipke das: keine Revolution, eher eine Rückbesinnung. Auf das, was Fernsehen aus Bremen einst ausgezeichnet hat, irgendwann vor den starren Programmplänen. „Wir haben ein paar alte Werte des Senders wieder rausgekramt“, sagt Tipke. „Es geht um Haltung, klare Kante, nahbare Typen vor der Kamera.“

Neues Büro in Berlin

Das Konzept geht auf. Erst klicken einige Zehntausend auf die Videos, bald sind es Hunderttausende. Dann folgen Monate, in denen insgesamt weit über zehn Millionen zuschauen. Der bisherige Sitz in der Neustadt wird zu klein, die Firma eröffnet ein Büro in Berlin-Kreuzberg, dazu der Umzug in die Bremer Werfthalle. Inzwischen arbeiten etwa 40 Medienschaffende für Sendefähig. Tipke ist längst mehr Unternehmer als Filmemacher. Er prüft die Videos nicht mehr, bevor sie erscheinen. Machen andere. Tipke entwirft nun neue Formate. Es gibt eine Langstreckenversion der Youtube-Filme in der ARD zu sehen, die Reihe heißt „Rabiat“. Und bald wollen sie auch noch einen Podcast produzieren, für einen Streaminganbieter. „Ich würde gerne noch viel mehr ballern, aber wir müssen ein bisschen chillen“, sagt Tipke. Sie kommen nicht mehr hinterher. Die Firma kann gar nicht so schnell wachsen, wie es nötig wäre, um alles abzuarbeiten, was ihnen angeboten wird. Alle wollen einen Teil abhaben vom Erfolg, ständig neue Aufträge. Tipke hat erlebt, wie wenig selbstverständlich das ist.

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Als die Fußball-WM vor neun Jahren in Südafrika stattfindet, fliegt er mit einem Kollegen hin. Sie richten die Technik in den Stadien ein, ziemlich stumpf, bringt aber Geld, das sie brauchen, um danach auf eigene Faust Reportagen auf dem Kontinent zu drehen. Public-Viewing in Ghana, Kolonialgeschichte in Namibia, die Reporter mittendrin und vor der Kamera. Danach stellen sie die Filme auf Youtube. Kümmert keinen. Kaum Klicks. Die beiden, erzählt Tipke, bleiben auf 15 000 Euro Ausgaben sitzen. Die Sache mit der Selbstständigkeit hatte er sich anders vorgestellt.

Karriere mit vielen Hindernissen

In den späten 1990er-Jahren treibt er sich in der Hamburger Hip-Hop-Szene herum und sieht, wie man als Kreativer Karriere machen kann. Einigen Typen aus seinem Umfeld gelingt der Durchbruch, Tipke will es ihnen nachmachen. Wenn nicht mit Rap, dann mit der Kamera. Er kauft sich eine Sony, Modell Vx2000E, und merkt schnell, dass die Realität als selbstständiger Filmer kompliziert ist. Mal zahlt ein Kunde über Monate nicht, Tipke kann seine Stromrechnung nicht mehr begleichen und sitzt bald im Dunkeln. Mal reißt sein Meniskus, und er kann keine Aufträge mehr annehmen. Wenn Tipke aus dieser Zeit berichtet, dann erzählt er von schlaflosen Nächten. Von der Angst vor der Post aus dem Finanzamt. Vom ständigen Gefühl, alles hinschmeißen zu wollen. Tipke weiß, dass es vielen Kreativen so geht. Und dass sich die wenigsten Karrieren so wenden wie seine.

Nach der Gala beim Gründerpreis hat Tipke einen langen Text auf Facebook veröffentlicht. Er schreibt: „Wir kaufen uns geile Elektroautos und bezahlen gerne 'nen Euro mehr für einen nachhaltigen Kaffee, sind aber nicht bereit, den Menschen, die diese Welt mit Farbe anmalen und die sich ernsthafte Gedanken darüber machen, was in dieser verrückten Welt überhaupt los ist, ihren Lohn dafür zu geben.“ Die Politik fördere die Kreativen immer weniger und Unternehmen unterstützten nur, was wirtschaftlich läuft. „Die Spinner und Freigeister bleiben auf der Strecke.“ Tipke meint: auch in Bremen. Er will das ändern.

Nicht die gesamte Firma nach Berlin

Im Hohentorshafen steht Tipke am Fenster seines Eckbüros und blickt durch die Jalousien auf die Weser. Kurz hat er überlegt, mit der ganzen Firma nach Berlin zu ziehen. Hat er gelassen. Lieber Woltmershausen, eine alte Werfthalle, „ein bisschen dreckig und rau“. Er will einen Ort daraus machen, an dem Platz ist für abseitige Ideen, die sonst keinen Platz mehr finden. Seine Idee: eine kreative Keimzelle für die ganze Stadt. Tipke führt nun durch die Hallen, es geht noch einmal durchs Großraumbüro, hinaus auf einen Balkon. Er steckt sich eine Zigarette an und zeigt hinunter in den Innenhof, über dem eine Diskokugel baumelt. Ein paar Musiker sind dort eingezogen, daneben ein Künstler, auch zwei Kneipenbetreiber. Sie wollen Tipkes Idee von einem neuen Ort für Kreative umsetzen, es gibt jetzt einen Verein und ein Festival.

Ein Freitagabend im August, der erste Festivaltag. Roter Rauch steigt über dem Innenhof des früheren Werftgeländes auf. Von einer Bühne weht Elektropop, davor fackeln Bengalos. Der Geruch von verbrennendem Magnesium beißt sich in ein paar hundert Lungen. Die Band Hundreds spielt einen letzten Song, noch einmal wackelt und schiebt sich der Pulk aus hippen Endzwanzigern über den Asphalt. Irgendwo dazwischen steht Christian Tipke unter einer Rauchwolke und grinst mit der Gewissheit eines Typen, der die nächste Idee aufgehen sieht.

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