Windkraft Wie ein Phönix aus dem Schlick

Die Eröffnung der Fabrik von Siemens-Gamesa macht Cuxhaven zum Zentrum der deutschen Offshore-Industrie. Eine andere norddeutsche Stadt hat jedoch das Nachsehen.
05.06.2018, 19:52
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Wie ein Phönix aus dem Schlick
Von Stefan Lakeband

Am Ende strahlt immer der Sieger. Die Verlierer, ja selbst die zweiten und dritten Plätze, sind schnell vergessen. So ist es auch an diesem Dienstag in Cuxhaven. Als hier die neue Fabrik des Windanalgenherstellers Siemens-Gamesa eröffnet wird, ist von Bremerhaven keine Rede mehr. Von der Seestadt, keine 36 Kilometer Luftlinie entfernt, wird maximal als „konkurrierender Standort“ gesprochen, einer unter vielen. Einer, der unterlegen ist.

Und so kommt es, dass viele mit Rang und Namen am Dienstag in Cuxhaven vor einem schlichten grauen Gebäude sitzen, die Sonne in ihre Gesichter strahlt und sie den Reden von Vorständen, Ministerpräsident und Oberbürgermeister lauschen. Das deutsch-spanische Gemeinschaftsunternehmen Siemens-Gamesa hat zur offiziellen Eröffnung der Halle geladen – in der schon seit Ende vergangenen Jahres Maschinenhäuser für Windräder auf hoher See entstehen.

"Ein attraktives Standortmarketing"

Es ist nicht nur die modernste und größte Fertigung dieser Windrad-Gehirne in Deutschland. Die Halle ist auch aus anderen Gründen bemerkenswert: Seit langer Zeit eröffnet Siemens wieder eine Fertigung in Deutschland. Viele Kommunen hatten sich darum bemüht, hätten gerne die 55.000 Quadratmeter große Halle auf ihrem Boden gesehen, wären gerne Zielort der 200 Millionen Euro Investitionen gewesen, hätten gerne 850 neue Arbeitsplätze in ihrer Gemeinde gehabt. Am Ende fiel die Wahl auf Cuxhaven.

„Cuxhavens Oberbürgermeister Ulrich Getsch hat ein attraktives Standortmarketing betrieben“, sagt Markus Tacke, Vorstandsvorsitzender von Siemens-Gamesa. „Er hat aber auch die Voraussetzungen geschaffen, damit die Fabrik in kürzester Zeit entstehen kann.“ Und auch das Wort Infrastruktur fällt mehrfach an diesem Nachmittag.

Sie war ausschlaggebend, dass sich der Windanlagenbauer in Cuxhaven niedergelassen hat. Die neue Fertigung liegt nah an der Autobahn und noch näher am Wasser. Die fertigen Gehäuse können direkt aus der Halle aufs Schiff gefahren werden. In Bremerhaven habe man nicht so ein Angebot gefunden, hieß es damals als Begründung.

Deswegen steht an diesem Dienstag auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) auf der Bühne – und begrüßt die Gäste mit einem schlichten „Moin“. Seine Freude über diesen Tag ist ihm anzusehen. „Cuxhaven hat schwere Jahre hinter sich“, sagt er. „Mit viel Enttäuschung und Verlust.“ Der Strukturwandel seit den 70er-Jahren habe die Stadt an der Nordsee voll erwischt.

Diese Zeiten seien nun dank Siemens-Gamesa vorbei. Die Fabrik brächte neue Arbeitsplätze mit, zusätzlich würden sich auch andere Firmen in Cuxhaven ansiedeln. „Die Entscheidung, wer das deutsche Offshore-Zentrum wird, ist mit der Ansiedlung gefallen“, sagt Weil. „Es ist Cuxhaven.“ Dieser Optimismus ist aber längst nicht überall in der Branche zu spüren.

Zweifel gibt es zwar nicht an Cuxhaven, allerdings an den Rahmenbedingungen. In Deutschland hat die Bundesregierung den Ausbau der Windenergie auf See durch Deckelung gedrosselt. So wurden die Ausbauziele 2014 durch das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz wegen der zunächst hohen Kosten von 25 auf 15 Gigawatt (GW) bis zum Jahr 2030 herabgesetzt. Die Branche, das machen auch Tacke und seine Kollegen am Dienstag deutlich, fordert mehr. Sie will 20 GW bis 2030 und 30 GW bis 2035 durchsetzen.

Basis für Weiterentwicklung der Produktion

Meinhard Geiken, Bezirkseiter der IG Metall Küste, sieht die Fertigung von Siemens-Gamesa als „derzeit einzigen Lichtblick“. Die Situation der Beschäftigten in den deutschen Windkraftunternehmen sei „extrem angespannt“. Seit Anfang vergangenen Jahres seien bereits mehr als 2000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Der Vorstandsvorsitzende des Windanlagenbauers betont, dass Deutschland nicht der einzige Markt sei.

Auf der ganzen Welt würden sich Staaten für Windkraft auf hoher See interessieren. Große Potenziale sieht er in den USA und Taiwan. Gerade mit dem asiatischen Inselstaat laufen die Geschäfte gut. In den vergangenen Monaten hat Siemens-Gamesa zwei Aufträge für Offshore-Projekte vor Taiwans Küste gewonnen. Ihr Volumen: insgesamt 100 Windanlagen.

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„Wir haben Aufträge bis 2020“, sagt Tacke vor den Gästen und der Belegschaft. Das schaffe die Basis für die Weiterentwicklung der Produktion. Aktuell würden am Standort in Cuxhaven 850 Menschen im und am Werk arbeiten, bei starker Auslastung könne die Zahl aber noch erhöht werden. Laut IG Metall wäre das aber wohl die Ausnahme im Konzern: Siemens-Gamesa baut laut Gewerkschaft Personal in Deutschland ab, und für das Werk in Cuxhaven habe man eigentlich mit 1000 Stellen geplant.

Weil bleibt dennoch optimistisch. „Ich hoffe, dass Siemens-Gamesa schon in wenigen Jahren die Frage stellen wird, wo es das Werk erweitern kann.“ Auch für die Stadt, die lange Zeit im Sumpf des gescheiterten Strukturwandels festzustecken schien, hat Niedersachsens Ministerpräsident eine Vision. „Es wird nicht der letzte Erfolg beim Wiederaufstieg von Cuxhaven sein.“

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