Das Firmentagebuch - Tag 8

Wie eine Neugründung

Die gemeinsame Frühstückspause mit den Auszubildenden fühlte sich ein bisschen wie früher an – wie in Kindheitstagen. Insgesamt ist es gerade wie eine Zeitreise.
29.03.2020, 05:00
Lesedauer: 1 Min
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Wie eine Neugründung
Von Timo Thalmann
Wie eine Neugründung

Konditormeister Bernard Timphus vom Café Stecker berichtet jeden Tag von seiner Situation in Zeiten der Coronakrise.

Christina Kuhaupt

Am Samstag war ich nur mit den Auszubildenden in der Backstube. Für sie ist keine Kurzarbeit möglich. Wegen des aktuell reduzierten Sortiments haben wir erst um sechs Uhr angefangen. Um halb neun dann gemeinsame Frühstückspause, der Einfachheit halber in meinem Esszimmer über dem Geschäft. Das fühlte sich ein bisschen wie früher an, als immer die ganze Belegschaft zusammen gefrühstückt an. Ich meine wirklich ganz früher, als ich als Kind im elterlichen Betrieb immer mit dabei war.

Aber auch insgesamt ist es gerade wie eine Zeitreise. Der Betrieb ist geschrumpft. Wir überlegen neu, welches Angebot wohl gefragt ist und ob uns zum Beispiel ein ausgebauter Lieferdienst hilft. Es kommt mir fast wie eine Neugründung vor, auch wenn es Stecker jetzt schon 112 Jahre gibt. Andererseits haben wir unsere Stammkunden und die erweisen sich als wirklich treu. Manche schicken uns sogar aufmunternde Briefe und wünschen sich, dass wir durchhalten.

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Über die Gesamtsituation in der Wirtschaft kann man sich dabei zu Recht Sorgen machen. Ich war auf dem Großmarkt. Da waren mehr Geschäfte geschlossen als geöffnet. Wenn man weiß, was da sonst früh morgens los ist, war es gespenstisch. Eine frühere Auszubildende hat mir geschrieben. Wir haben immer noch gelegentlichen Kontakt. Sie ist inzwischen Meisterin und hat sich selbstständig gemacht mit einem ganz kleinen Laden, der sehr ländlich liegt. Vor allem Hochzeiten und Torten für Veranstaltungen sind ihr Geschäft. Das ist alles weg.

Auch zu den anderen Geschäftsleuten in der Knochenhauerstraße gibt es Kontakt und man spricht über die Lage. Wir alle hoffen, dass die Vielfalt der kleinen und inhabergeführten Läden irgendwie erhalten bleibt. Die ist aus vielerlei Gründen ohnehin schon bedroht. Die Coronakrise könnte den Strukturwandel aber noch beschleunigen.

Aufgezeichnet von Timo Thalmann.

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