Die Borgward-Pleite lastete noch auf dem Selbstbewusstsein der Stadt - da erhielt Hans Koschnick einen Anruf aus Stuttgart Wie Mercedes nach Bremen kam

Der Daimler-Konzern feiert 125 Jahre Mercedes-Benz-Automobilbau. Von diesem Erfolg profitiert auch Bremen, denn hier entstand ab 1978 das nach Sindelfingen zweitgrößte deutsche Mercedes-Werk mit in Spitzenzeiten bis zu 17500 Beschäftigten (aktuell 12500). Hans Koschnick, der von 1967 bis 1985 Bremer Bürgermeister war, hatte maßgeblichen Anteil an dieser Ansiedlung, die er gegen viele Widerstände durchsetzte. Studenten unterstützten die Kleingärtner im Kampf gegen die "Kapitalistenknechte" im Rathaus, erinnert sich der Altbürgermeister im Gespräch mit Annemarie Struß-von Poellnitz.
29.01.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste

Der Daimler-Konzern feiert 125 Jahre Mercedes-Benz-Automobilbau. Von diesem Erfolg profitiert auch Bremen, denn hier entstand ab 1978 das nach Sindelfingen zweitgrößte deutsche Mercedes-Werk mit in Spitzenzeiten bis zu 17500 Beschäftigten (aktuell 12500). Hans Koschnick, der von 1967 bis 1985 Bremer Bürgermeister war, hatte maßgeblichen Anteil an dieser Ansiedlung, die er gegen viele Widerstände durchsetzte. Studenten unterstützten die Kleingärtner im Kampf gegen die "Kapitalistenknechte" im Rathaus, erinnert sich der Altbürgermeister im Gespräch mit Annemarie Struß-von Poellnitz.

Sie haben Mercedes nach Bremen geholt. Wie kam es dazu?

Hans Koschnick: Als Borgward 1961 zusammenbrach, hatten wir ein Gelände im Holter Feld, das für die Erweiterung von Borgward gedacht war. Daimler war damals interessiert an einer Produktionsstätte außerhalb von Süddeutschland. Das wussten wir und haben den Stuttgartern dieses Gelände angeboten, sogar dringend angeboten, denn wir mussten etwas unternehmen, um die Arbeitslosenzahlen wieder nach unten zu drücken.

Wie hat die Daimler-Zentrale reagiert?

Zunächst gar nicht. Wir erfuhren nur: Sie sind weiter auf der Suche, in Düsseldorf, in Hamburg, in Norddeutschland. Für uns war die Sache erledigt. Damals hatten wir das Problem, dass zwei Kleingartenvereine aus Gründen der Stadtentwicklung umgesiedelt werden mussten. Denen haben wir das Gelände angeboten, und die Kleingartenanlagen wurden aufgebaut. Für uns war das jetzt ein wichtiges Stück Grün in diesem von Industrie belasteten Bremer Osten. Und dann bekam ich eines Tages einen Anruf von dem damaligen stellvertretenden Daimler-Vorstandsvorsitzenden Werner Niefer. Er ließ anfragen, ob er den Bremer Bürgermeister auch am Wochenende mal aufsuchen könnte.

Und konnte er?

Natürlich! Wir trafen uns im damaligen Senatsgästehaus in der Parkallee zum Mittagessen. Dabei haben wir uns unterhalten über Möglichkeiten, die Daimler haben könnte und Wünsche, die Bremen haben könnte, falls Daimler sich auf Bremen zubewegen würde. Herr Niefer hatte seine Tochter mitgebracht, eine junge Dame, die noch studierte. Sie hatten sich vorher schon das Gelände in Sebaldsbrück angesehen. Die Tochter sagte dann: "Herr Bürgermeister, das können Sie doch gar nicht machen! Da blühen gerade die Bäume. Das ist alles neu angelegt. Das bekommen Sie doch gar nicht weg." Ich habe gesagt: "Wir müssen erstmal sehen, was Ihr wollt, und dann müssen wir prüfen, was geht." Aus dem Gespräch wurde deutlich: Daimler hatte Interesse.

Um wie viele Arbeitsplätze ging es?

Na, so sechs- bis achttausend Arbeitsplätze. Das waren erste Überlegungen. "Glauben Sie, dass Sie es hinbekommen, dass wir in zwei bis drei Jahren anfangen können?", fragte Niefer. "Weiß ich nicht", habe ich gesagt. "Ich muss erst mit dem Senat und mit den Bauplanern sprechen und mit denen, die davon betroffen sind." Es war klar: Wir würden einige Häuser abreißen müssen, die Grünanlagen müssten weichen. "Das wird nicht ganz leicht, aber ich will mich bemühen", sagte ich zu Niefer. "Geben Sie mir zwei Wochen Zeit."

Wie haben der Senat und Ihre Partei das aufgenommen?

Die Genossen und auch die Nicht-Genossen fanden das im Prinzip ideal wegen der vielen Arbeitsplätze. Aber es war klar: Da sind noch viele Hürden wegzuräumen. Wir brauchten einen gerichtsfesten Bebauungsplan. Wir mussten mit den Kleingärtnern verhandeln. Die sollten nicht nur da weg, sie brauchten schließlich etwas Neues. Wir mussten mit den Anwohnern verhandeln, deren Häusser abgerissen werden sollten. Da rechneten wir uns mit einer entsprechenden Entschädigung ganz gute Chancen aus. Das war nicht einfach und hat auch einiges gekostet, aber das ging dann auch. Aber die Kleingärtner! Die Bremer Kleingartenbewegung war eine sehr aktive grüne Organisation der damaligen Arbeiterbewegung. Sie waren parteipolitisch zwar neutral, aber ein Großteil der Kleingärtner kam doch aus dem Milieu, in dem wir ein Fundament von Wählern hatten.

Das machte die Sache nicht einfacher?

Nein! Man spricht mit dem Verbandsvorsitzenden. Der sieht alles ein, der weiß: Wir haben die Arbeitslosen. Aber, aber, aber... Dann habe ich das im Senat vorgetragen, und der damalige Bausenator Hans Stefan Seifritz hat sich bereit erklärt, mit den Kleingärtnern zu verhandeln. Seifritz ist es gelungen, unter moderaten Zugeständnissen die Zustimmung des Verbandes zu erhalten - aber nicht die der beiden betroffenen Vereine. Sie waren gerade erst umgesiedelt worden und zweifelten nun an unserer Glaubwürdigkeit. Wir haben dann für alles einen Weg gefunden. Aber die größte Seelenmassage mussten wir bei den Kleingärtnern machen. Trotzdem waren einige Kleingärtner der Meinung, der Verband hätte bei den Verhandlungen nicht genug herausgeholt, und sie klagten. Aber wir haben, auch durch internationale Gutachter, den Bebauungsplan in der zweiten Instanz vor Gericht durchbekommen. Eine Revision wurde verworfen.

Da konnten Sie also nach Stuttgart melden: Die Sache läuft.

Zur Zeit der Entscheidung war Edzard Reuter Vorstandsvorsitzender. Er war höchst erstaunt - ich sage nicht: beglückt - , dass das doch klappte. Sie haben dann eine gute Crew von Meistern und Gesellen zum Aufbau hierher geschickt. Bremen hat dann noch etwas mehr getan: Wir haben Daimler die Schule, die auf dem Gelände war, für die Lehrlingsausbildung zur Verfügung gestellt. Dafür musste eine neue gebaut werden. Das summierte sich alles. Und dann gab es auch noch eine andere Kostenfrage: Durch die Ansiedlung von Mercedes wurde der Ortsteil Hemelingen besonders stark belastet, vor allem durch den starken Verkehr. Das Hemelinger Ortsamt hat damals recht wacker darum gestritten, von dem Honig, der durch die Ansiedlung abfloss, möglichst viel für die Stadtentwicklung in Hemelingen abzubekommen.

Aber der Bau des Hemelinger Tunnels hat dann noch einmal viele Jahre gedauert.

Fast zehn Jahre! Das Problem war, dass der Beschluss zum Bau zwar stand, aber der genaue Verlauf noch geklärt werden musste. Das hat aber auch Vorzüge gehabt: Der Blutdruck von Bürgermeister und Bausenator blieb immer flott oben! Ich hatte damals mit Daimler den Vertrag geschlossen über die Schaffung von 8000 Arbeitsplätzen. Damit stellte ich mich ins Parlament, und der Vertrag wurde einstimmig angenommen. Als es dann aber den Krach gab mit den Kleingärtnern, da wollte sich kaum noch einer hinstellen und für das Projekt kämpfen. Dazu kam, dass meine Universität - damals noch im Aufbruch der Gefühle und der revolutionären Veränderung - meinte, wir würden den großen Kapitalisten noch Zucker irgendwo hineinstecken und die Kleingärtner unterstützte gegen die Kapitalistenknechte im Rathaus. Das war so die Schlachtordnung. Heute wissen wir, was Daimler für Bremen bedeutet.

Warum war Bremen für Mercedes ein attraktiver Standort? Hat die Tradition im Automobilbau dazu beigetragen?

Für die klassischen Arbeiter bei Daimler ist der Borgward natürlich nie so gut gewesen wie Daimler! Da hieß es: Die Bremer können das gar nicht. Aber die Bremer haben gezeigt, dass sie es sehr wohl können.

Daimler will in Zukunft verstärkt im Ausland produzieren. Es gibt ein großes Werk in den USA, Tuscaloosa, in China sollen verstärkt Fahrzeuge produziert werden. Ist das eine Gefahr für den Standort Bremen?

Wenn wir in Bremen die Kernkompetenz für die C-Klasse behalten, die wir gerade bekommen haben, mache ich mir um den Standort keine Sorgen. Aber die Zeiten sind vorbei, wo in Deutschland entschieden wurde, wo produziert wird. In einer globalisierten Welt werden die Ansprüche wachsen, dort, wo die Märkte sind, auch zu produzieren. Damit muss man fertigwerden. Wichtig ist eine hohe Qualifikation bei der Produktion und damit auch bei den Menschen, die dort arbeiten. Womit ich nicht gerechnet habe: dass in den Verwerfungen der Finanzkrise einige doch so gut verdient haben, dass gerade die großen Wagen jetzt wieder so einen Absatz finden.

Das ist gerade auch in Asien wohl eine Statusfrage.

Für einen armen Verwaltungsangestellten wie mich, der nur das einfache Leben kennt, war Status nie die entscheidende Frage. Wir haben uns hier doch früher amüsiert, wenn ein Kaufmann im Sechshunderter mit Chauffeur vor der Handelskammer stand. Das ist eigentlich nicht die bremische Art. Man zeigt nicht, was man hat. Man muss schon was haben, aber man zeigt es nicht.

Die Daimler-Spitze hat kritisiert, dass die Bremer Polizei nicht Mercedes fährt. Was sagen Sie dazu?

Das ist ein Wettbewerb. Ich hätte mich schon angestrengt, dass wir die Wagen für die Polizei bekommen mit entsprechenden Preisnachlässen. Aber Mercedes war nicht zu Verhandlungen bereit. Mit den Autobussen war es genauso. Wenn der Preis eines Konkurrenten so viel besser ist, bei fast gleicher Qualität, muss man gerade angesichts knapper Kassen manchmal so entscheiden. Aber ich gehöre zu denen, die - im Rahmen der Legalität Europas - gern der bremischen Wirtschaft unter die Arme gegriffen hätten. Es war jedenfalls nicht Bösartigkeit - ob es immer die höchste Klugheit war, will ich damit nicht beurteilen.

Bürgermeister Böhrnsen hat kürzlich unter dem Beifall der Wirtschaft gesagt: Bremen ist eine Autostadt. Warum erst jetzt?

Muss denn ein Bürgermeister dauernd Bekundungen abgeben für Dinge, die so selbstverständlich sind? Wenn man bedenkt, wie viele Arbeitsplätze wir durch Daimler hierher geholt haben, sind wir selbstverständlich eine Autostadt. Aber natürlich: Je näher wir an den Wahltermin herankommen, desto mehr müssen die Profile geschärft werden. Da sind die Wirtschaftsfeindlichen und da sind die Wirtschaftsfreundlichen. Das ist Nonsens. Dieser Senat, ganz egal wie er zusammengesetzt ist, wird immer ein Interesse haben, einen Betrieb mit so großen Beschäftigungsmöglichkeiten wie Daimler hier zu halten, in der stillen Hoffnung, dass er nicht nur Beschäftigung bringt, sondern dass auch Steuern fließen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+