Detlef Wetzel, Vizechef der IG Metall, kündigt Kampf um Einführung eines flächendeckenden Tarifvertrags an "Windkraftbranche braucht ein Regelwerk"

Die IG Metall hat Betriebsräte aus der Windkraftbranche gestern und heute zu einer zweitägigen Konferenz nach Bremen gerufen. Es geht um die Arbeitsbedingungen in einer Branche, die wirtschaftlich zwar sehr erfolgreich ist. Gleichzeitig bemängelt die Gewerkschaft, die in dem noch jungen Industriezweig kaum Fuß gefasst hat, aber auch das Fehlen eines flächendeckenden Tarifvertrages. Mit Detlef Wetzel, dem 2. Vorsitzenden der mächtigen IG Metall, sprach Krischan Förster über Ziele und Forderungen.
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Die IG Metall hat Betriebsräte aus der Windkraftbranche gestern und heute zu einer zweitägigen Konferenz nach Bremen gerufen. Es geht um die Arbeitsbedingungen in einer Branche, die wirtschaftlich zwar sehr erfolgreich ist. Gleichzeitig bemängelt die Gewerkschaft, die in dem noch jungen Industriezweig kaum Fuß gefasst hat, aber auch das Fehlen eines flächendeckenden Tarifvertrages. Mit Detlef Wetzel, dem 2. Vorsitzenden der mächtigen IG Metall, sprach Krischan Förster über Ziele und Forderungen.

Was interessiert Sie so sehr an der Windkraftbranche, dass Sie dafür eigens eine Konferenz in Bremen einberufen?

Detlef Wetzel: Wir haben natürlich auch als Gewerkschaft ein energiepolitisches und gesellschaftliches Interesse, die Nutzung der Erneuerbaren Energien zu unterstützen. Gleichzeitig sehen wir aber gerade in der Windkraftbranche eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem positiven Image und einer sozialen Realität, die wir für erheblich verbesserungswürdig halten.

Was stört Sie denn?

Die Branche ist sehr erfolgreich, das finden wir auch gut. Sie ist aber auch sehr urwüchsig gewachsen und noch sehr individualistisch von einzelnen Unternehmern geprägt. Das sorgt in vielen Fällen dafür, dass aus unserer Sicht Fragen der Arbeitszeitgestaltung, der Arbeitssicherheit und der gerechten Entgeltstrukturen nicht zufriedenstellend geklärt sind. Da liegt noch einiges im Argen - das wollen wir ändern.

Wie stark ist denn die IG Metall in diesem Industriezweig vertreten?

Eben noch nicht so stark, wie wir uns das wünschen würden. Allein durch Windkraft haben mittlerweile mehr als 100000 Menschen Arbeit, nimmt man den gesamten Bereich der Erneuerbaren Energien, sind es mehr als 300000. Gemessen daran haben wir noch zu wenig Einfluss.

Was heißt das konkret?

Es ist mittlerweile gelungen, fast überall Betriebsräte zu gründen. Aber es fehlt noch das allgemeingültige Regelwerk eines Tarifvertrages. Mit Siemens und Weserwind haben wir erste Tarifverträge abgeschlossen. Das ist ein wichtiger Schritt, aber das reicht noch nicht aus. In Bremen wollen wir diskutieren, wie wir das ändern können.

Warum tut sich die IG Metall so schwer damit, Fuß zu fassen?

Es fällt uns weniger schwer bei den Zulieferern, die ja oft aus der Elektroindustrie oder dem Maschinenbau stammen, zwei Branchen, in denen wir traditionell gut verwurzelt sind. Die reine Windkraftbranche, also die Hersteller, ist dagegen noch jung, sehr mittelständisch geprägt und uns gegenüber nicht immer sehr aufgeschlossen. Wir haben da schon den einen oder anderen harten Strauß ausfechten müssen.

Die Firmenchefs wollen Sie nicht haben?

So sieht es manchmal aus. Einige "Patriarchen" haben sich wohl zu sehr daran gewöhnt, nach eigenem Gusto zu agieren, ohne allgemein gültige Regeln.

Fälle von grober Ausbeutung sind bislang aber nicht unbedingt bekannt geworden?

Es geht uns nicht nur um Geld. Zum Teil wird sehr gut bezahlt, in anderen Fällen aber auch nicht. Das ist von Firma zu Firma sehr unterschiedlich. Es fehlen gerechte und transparente Entgeltstrukturen. Was bei dieser Branche zudem auffällt, ist der extrem hohe Anteil an Leiharbeitern. Der liegt teilweise bei 40 bis 50 Prozent, bei anderen Branchen finden wir dagegen schon sechs Prozent zu hoch. Diese Mitarbeiter werden natürlich auch schlechter bezahlt und sind sozial weitaus schlechter abgesichert. Deshalb sehen wir dringenden Handlungsbedarf.

Was fordern Sie denn?

Wir wollen zunächst einmal Transparenz erreichen. In einzelnen Werken, in den Unternehmen, letztlich in der ganzen Branche. Ziel ist es natürlich, diese neue Industrie flächendeckend unter einen Tarifvertrag zu bringen. Denn nur dieser bietet auch für die Beschäftigten die höchstmögliche Rechtssicherheit und überall eine gerechte Bezahlung.

Sind Sie auch bereit zu kämpfen?

Klar sind wir das, aber wir sind zunächst nicht auf Krawall aus. Wir wollen auch einzelne Negativbeispiele, die es durchaus gibt, nicht skandalisieren oder sogar auf die ganze Branche übertragen. Sondern wir bieten uns den Unternehmen als Partner an. Wir wollen sie überzeugen, dass eine Tarifgemeinschaft und ein stärkeres Mitbestimmungsrecht der Belegschaften auch in ihrem Interesse liegen.

Warum?

Die Branche setzt auf Erneuerbare Energien, auf Nachhaltigkeit. Damit trifft sie gesellschaftlich bislang auf eine breite Akzeptanz. Es wird in Zukunft aber auch wegen der steigenden Strompreise immer wieder Debatten geben, auch um die Förderung und Vergütung. Bei der Fotovoltaik ist das ja schon ganz virulent. Eine Branche, die ihre Mitarbeiter unter sozialen Gesichtspunkten schlecht behandelt, riskiert ihr positives Image und wird an Akzeptanz verlieren. Schon jetzt klaffen Wahrnehmung und Realität aus unserer Sicht zu weit auseinander. Wir sind überzeugt davon, dass die Branche nur eine gute und nachhaltige Zukunft hat, wenn sie sich künftig ihrer sozialen Verantwortung stellt. Sie sollte sich ein Beispiel am Maschinenbau nehmen. Dieser Industriezweig ist an die Weltspitze gelangt, obwohl er seine Mitarbeiter gut bezahlt und behandelt. Bislang fehlt da mancherorts noch der nötige Weitblick.

Was erhoffen Sie sich von der Bundesregierung, der Sie in der Vergangenheit eine mangelhafte Industriepolitik vorgeworfen haben?

Sie sollte die Chancen sehen und nutzen. Die Windkraft mit ihren vielen Arbeitsplätzen steht wie kaum eine andere Branche für eine neue Industrie, für einen gelungenen Strukturwandel gerade hier im Norden. Das gilt es auszubauen. Die Verlängerung der Atomlaufzeiten war kontraproduktiv. Wir werden dafür kämpfen, dass künftig die richtigen energiepolitischen Beschlüsse gefasst werden. Es gibt jede Menge technologischer Fragen, von der Speicherung bis hin zur E-Mobilität, die noch zu klären sind. Ohne die Hilfe der Bundesregierung wird das nicht gelingen - und wir werden sie ständig daran erinnern.

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