Ford-Deutschland-Chef Mattes im WESER-KURIER-Interview "Wir machen die Rabattschlacht nicht mit"

Bremen. Vor dem Elektromobilitätsgipfel im Kanzleramt am 3. Mai fordert Ford-Deutschland-Chef Bernhard Mattes mehr Unterstüztung des Staates, um Elektroautos markttauglich zu machen. Mit ihm sprach Günther Hörbst.
23.04.2010, 15:22
Lesedauer: 6 Min
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Von Günther Hörbst

Bremen. Vor dem Elektromobilitätsgipfel im Kanzleramt am 3. Mai fordert Ford-Deutschland-Chef Bernhard Mattes mehr Unterstüztung des Staates, um Elektroautos markttauglich zu machen. Mit ihm sprach Günther Hörbst.

Ihre Beziehungen zu Bremen sind lang und intensiv. Wie kam es dazu?

Bernhard Mattes: Die haben sich dadurch ergeben, dass mein Vater bei Volkswagen für den weltweiten Transport aller Fahrzeuge verantwortlich war. Bremerhaven ist dafür ein zentraler Umschlagplatz. Mein Vater hatte aus diesem Grund nach Bremen enge Beziehungen und war auch häufiger mit der Familie hier. Deshalb war ich schon als kleiner Junge in Bremen. Aus dieser Zeit stammen noch persönliche Beziehungen in die Stadt.

Sie kommen also auch gerne privat...

...genau. Darüber hinaus durfte ich aber auch schon an der Schaffermahlzeit und der Eiswette teilnehmen. Ich verbinde also mit Bremen viele schöne Dinge. Die überall spürbare Kaufmannsart hat mich zudem immer fasziniert. Sie kommt mir sehr entgegen. Ich habe mich in Bremen immer sehr wohlgefühlt.

Ford kooperiert bei der Logistik sehr eng mit der BLG. Wie wichtig ist dieser Bereich für einen Autohersteller?

Extrem wichtig, bei 80 Prozent Exportquote. Das erkennt man auch, wenn man einmal selbst die Vielfalt bei einem Logisitik-Kongress kennenlernt. Ohne Logisitik wäre es für Deutschland nicht möglich, seine führende Stellung als Exportland zu behaupten.

Wie sensibel dieser Bereich ist, konnte man dieser Tage gut durch die Flugausfälle wegen der Vulkanasche erkennen. BMW und Mercedes mussten zum Teil die Produktion stoppen. Gab es bei Ford auch Beeinträchtigungen?

Nein. Wir haben einen verschwindend kleinen Teil von Bauteilen, die über Luftfracht kommen. Das konnten wir über andere Wege ausgleichen. Wir haben voll durchproduziert. Wie stehen derzeit vor allem in Köln unter voller Aulastung. Die Kunden warten auf ihre Autos.

Bei Ford brummt also das Geschäft. Ist das ein Indiz dafür, dass die Krise vorbei ist?

Die Krise ist noch nicht beendet. Man sieht aber erste Anzeichen, dass es sich wieder bessert. Die Nachfrage hat sich stabilisiert. Dazu haben auch die Konjunkturprogramme beigetragen. Der Aufschwung ist noch ein zartes Pflänzchen. Deshalb ist es wichtig, dass ein Unternehmen sehr flexibel auf schwankende Nachfragen reagieren kann. Wir können das.

Ford ist recht geräuschlos durch die Krise gekommen. Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben schon vor vielen Jahren die Kapazitäten nach unten angepasst. Wir haben die Produktion mit großem Investitionsaufwand sehr flexibel gestaltet, sodass wir gut auf Konjunkturschwankungen reagieren konnten. Zudem haben wir zur richtigen Zeit die richtigen neuen Produkte auf den Markt gebracht: etwa den Ka und den Fiesta. Auch die Abwrackprämie hat uns geholfen. Weit vor der Krise haben wir aber schon die Strukturen gestrafft und Prozesse optimiert. Das hat uns geholfen, als es schwierig wurde.

Sie haben die die Entwicklung vorhergesen? Haben Sie eine Glaskugel im Büro?

(lacht) Nein. Aber die brauche ich auch nicht. Wir haben schon vor zehn Jahren überlegt, wie sich die Segmente in der Automobilindustrie entwickeln werden. Darauf aufbauend haben wir unsere Produktionskapazitäten angepasst. Und wir sind effizienter geworden: Wir haben in dieser Zeit die Produktionszeit für einen Fiesta von 24 auf 12 Stunden halbiert. Auf diese Weise ist es uns gelungen, im Krisenjahr 2009 trotzdem einen Gewinn von 88 Millionen Dollar zu machen. Wir haben aber auch kräftig investiert: Allein in Deutschland vier Milliarden Euro in neue Produkte und bessere Produktionsabläufe.

Sie haben also vorausschauend gemanagt. Der Konkurrent Opel hat das nicht gemacht, fordert jetzt aber allein in Deutschland 1,3 Milliarden Euro Staatshilfe.

Restrukturierung ist eine Aufgabe, die ein Unternehmen selbst leisten und auch finanzieren muss. Wenn Opel dafür jetzt Staatshilfe bekäme, hielte ich das für Wettbewerbsverzerrung. Etwas anderes ist es, wenn öffentliche Mittel genommen werden, um neuen Technlogien zum Durchbruch zu verhelfen oder die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts insgesamt zu erhöhen. Daran kann sich jeder beteiligen.

Statt Staatshilfe für Opel also lieber Staatshilfe für Elektroautos?

Die gibt es ja schon. 500 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Vielleicht brauchen wir noch mehr, um Leitmarkt für Elektromobilität zu werden.

Am 3. Mai findet ein Gipfel zur Elektromoblität im Kanzleramt statt. Was erwarten Sie sich davon?

Sehr viel. Ich erwarte nicht nur Absichtserklärungen sondern sehr konkrete Beschlüsse darüber, wie wir bis 2020 eine Million Elektroautos auf den Markt bringen wollen und der Leitmarkt für die weltweite Elektromobilität werden können. Die Inhalte müssen wir gemeinsam mit der Politik definieren. Wir fühlen uns auf diesem Weg gut unterstützt.

Ford will 2012 das erste Elektroauto auf den Markt bringen. Wie lange wird es noch dauern, bis Elektroautos massentauglich werden?

Die Verbrennungsmotoren werden noch eine lange Zeit eine wichtige Rolle spielen. Auch die Hybridisierung - also das Miteinander von Elektro- und Verbrennungsantrieb - wird wichtiger werden. Die Elektromobilität wird aber bis 2015 eher einen kleinen Teil ausmachen.

In welcher Größenordnung planen Sie die Einführung Ihres Elektroautos?

Das werden sehr kleine Serien sein, die wir in Pilotprojekten testen und ab 2012 auf dem Markt anbieten.

Ist die Zukunft des Autos zwingend elektrisch? Oder gibt es noch Alternativen?

Wenn man die autobmobile Zukunft an die Bedingungen Null Emissionen sowie nachhaltige und bezahlbare individuelle Mobilität knüpft, dann kommen wir an Elektroautos nicht vorbei. Ob diese Autos den Strom aus Batterien oder Brennstoffzellen erhalten, ist noch offen. Derzeit deutet alles auf die Batterie hin. Bis wir aber soweit sind, dass die Elektromobilität für die Masse verfügbar ist, wird noch viel Zeit vergehen.

China ist da schon weiter. Dort werden rasante Fortschritte gemacht.

Das ist richtig. Bis zu 200000 Elektro-Roller werden dort jährlich verkauft. Eine ganze Generation wächst in China elektromobil auf. Wenn diese Generation später ein Auto fahren will, wird sie nach elektrischen Antrieben fragen.

Ist China für die Europäer dann der Wettbewerber der Zukunft?

Wir müssen China als Wettbewerber bei der Elektromobilität sehr, sehr ernst nehmen. Die Fortschritte dort sind beeindruckend. Es gibt keinen Grund, den Wettbewerb zu unterschätzen, den wir hier mit den Chinesen erwarten können. Deshalb müssen wir auf diesem größten Automarkt der Welt mit eigenen Produkten stark und frühzeitig vertreten sein.

In Deutschland tobt seit dem Ende der Abwrackprämie ein heftiger Preiskampf. Viele sagen, er sei ruinös. Sie auch?

Ich halte nichts von dieser Rabattspirale. Der Erfolg ist kurzfristig. Man bezahlt als Hersteller doppelt: Der Restwert sinkt und die Marke leidet. Als Hersteller mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis zu gelten, ist gut. Aber wenn man beim Kunden als billiger Jakob gilt, ist das schlecht. Das hilft nicht dabei, eine starke Marke zu bilden.

Heißt das, Sie machen bei der Rabattschlacht nicht mit?

So ist es. Wir stellen Profitabilität vor Volumenwachstum. Das muss in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Hohe Verkaufszahlen sind eine tolle Sache. Wir sind in Europa die Nummer zwei, haben mit dem Fiesta das meistverkaufte Auto in Europa. Darüber freuen wir uns. Aber das steht immer unter der Maßgabe, diese Ziele profitabel zu erreichen. Wir bauen Autos, um damit Geld zu verdienen.

Sie sind großer Fan des 1. FC Köln, kommen aber aus Wolfsburg. Schauen Sie noch, was der alte Verein macht. Oder gehört sich das nicht, weil der große Konkurrent VW dort Sponsor ist?

(lacht) Ach was! Ich habe als Kind lange selbst beim VfL Wolfsburg gespielt. Das war sehr schön. Aber heute schlägt mein Herz ganz klar für den 1. FC Köln.

Ihr Verein spielt heute Nachmittag im Weserstadion gegen Werder. Haben Sie einen Tipp?

Vielleicht gelingt es uns, auswärts ein Pünktchen zu entführen.

Ford sponsert die Champions-League. Sie sind der größte Fan des 1. FC Köln. Wäre es nicht der Traum aller Träume, wenn die beiden mal zusammenfänden?

Aber das sind sie doch schon. Ford und der 1. FC Köln sind seit 15 Jahren...

. ..ich meinte eigentlich den 1. FC Köln und die Champions League.

Träume darf man haben. Es ist gut, dass der Verein sich in der Bundesliga etabliert hat. Jetzt gilt es, darauf aufzubauen. Aber warum sollten wir nicht das Ziel haben, in ein paar Jahren wieder international zu spielen?

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