DFKI-Forscher Frank Kirchner spricht über künstliche Intelligenz, Robotik und die Angst vor Innovationen „Wir müssen transparent forschen“

Herr Kirchner, vor 50 Jahren war das, was sich bis heute in der Robotik getan hat, der Stoff von Science-Fiction-Filmen. Gibt es in Ihrem Forschungsbereich überhaupt eine Grenze zum Unmöglichen?Frank Kirchner: Es gibt gewisse Grenzen, die uns die Physik stellt. Die andere Grenze auf der algorithmischen Seite ist unklar.
02.04.2017, 20:07
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa-Maria Röhling

Herr Kirchner, vor 50 Jahren war das, was sich bis heute in der Robotik getan hat, der Stoff von Science-Fiction-Filmen. Gibt es in Ihrem Forschungsbereich überhaupt eine Grenze zum Unmöglichen?

Frank Kirchner: Es gibt gewisse Grenzen, die uns die Physik stellt. Die andere Grenze auf der algorithmischen Seite ist unklar. Wenn es unser Ziel ist, Intelligenz nachzubilden, dann haben wir nur ein einziges Beispiel für intelligente Leistung: Menschen und höhere Primaten. Die Frage ist, ob das modellierbar und die menschliche Intelligenz überhaupt mathematisch-formal abbildbar ist. Das ist natürlich eine tief philosophische Frage. Es würde bedeuten, dass wir Menschen auch nichts anderes sind als sehr komplexe Maschinen.

Wird die künstliche Entwicklung von menschlicher Intelligenz irgendwann einfacher?

Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern mit Glauben. Die einen sagen, dass die Nachahmung und Abbildung menschlicher Intelligenz natürlich möglich ist. Denn schließlich ist alles aus den gleichen Atomen gebaut. Warum sollte der Mensch also anders sein, als jede andere Materie? Die andere Seite sagt, hinter der menschlichen Intelligenz steckt schlichtweg mehr als die reine Physik. Allerdings konnten beide Seiten ihre Überzeugungen bisher nicht beweisen.

Die Arbeitswelt ist in Zeiten von Digitalisierung stark im Wandel. Treibt die Robotik diese Veränderungen voran oder reagiert sie auf neue Herausforderungen?

Die Robotik hat in den letzten zehn bis 20 Jahren enorm von der Entwicklung in anderen Bereichen profitiert. So hat zum Beispiel die Batterietechnologie durch Smartphones einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Da gab es vorher keinen anderen Markttreiber – weder Elektroautos, noch Roboter. Es waren der Wille und der Wunsch der Menschen, massiv miteinander zu kommunizieren, die diese Systeme vorangetrieben und die Entwicklung von besserer Batterietechnologie notwendig gemacht haben. Wir haben also durch Tablets, PCs und Smartphones plötzlich ganz andere Möglichkeiten, komplexe robotische Systeme zu bauen und zu entwickeln. Weil mithilfe dieser Konsumgegenstände die Forschung vorangetrieben wurde.

Sie sagen, Roboter seien lange Zeit nur das Mittel zur Umsetzung von künstlicher Intelligenz gewesen – inzwischen sei der Roboter selbst ein interessantes Forschungsobjekt. Woher kommt dieser Wandel?

Die Forschung hat lange Zeit geglaubt, künstliche Intelligenz werde schon dann entwickelt, wenn man einen Computer baut, der den Menschen beim Schachspielen schlagen kann. Eine physische Interaktion war nebensächlich. Irgendwann gab es eine Gegenbewegung, die das Gehirn nicht als isoliertes Objekt betrachtete, sondern auch die Körperlichkeit und damit die Einbindung in die reale Welt. Das ist ein zentraler Bestandteil der Forschung über künstliche Intelligenz. Denn dafür brauchte man technische Systeme wie Roboter. Durch die Fortschritte in der Technologie haben wir inzwischen die Möglichkeit, hochkomplexe robotische Systeme zu bauen. Damit sind wir in einem Bereich der Forschung angekommen, in dem der Roboter nicht mehr ein triviales Instrument ist, sondern aufgrund seiner Komplexität ein nutzbares Gerät, um seriöse Forschung über künstliche Intelligenz zu betreiben. Denn der Körper zählt auch. Da reicht es natürlich nicht, wenn man eine Mülltonne auf zwei Räder stellt. Da müssen schon Arme und Beine dran sein. Genau diese Systeme können wir jetzt bauen.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen wird es für Deutschland haben, wenn immer mehr Industriestandorte auf Roboter und künstliche Intelligenz setzen?

Es gibt eine Studie, die den Einfluss von Robotik und künstlicher Intelligenz auf das Bruttoinlandsprodukt der 60 führenden Industrienationen untersucht hat. Sie hat festgestellt, dass ein Zuwachs in der Produktion und der Arbeitsproduktivität entsteht und dass bis 2030 das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik um 1000 Milliarden Euro zulegen wird. Also von jetzt 3,5 Billionen auf 4,5 Billionen Euro.

Innovation ist immer auch mit Angst verbunden. Die Menschen haben Angst, überflüssig zu werden. Ist diese Angst berechtigt?

Angst ist ein psychologischer Zustand, den man hat oder nicht. Wenn Kinder Angst vor dem Monster unterm Bett haben, dann kann man so oft wie man will sagen, dass da keines ist. Diese Angst kann nur durch Erfahrung abgebaut werden, unterstützt durch den Zuspruch von Eltern. So ist es in der ganzen Gesellschaft. Wenn sie diese Frage nach der Angst vor Technologien in unterschiedlichen Altersgruppen stellen, werden sie ein sehr starkes Ungleichgewicht erkennen. Die Menschen, die sich schon von Kindesbeinen an mit Technologie beschäftigt haben, empfinden diese Angst gar nicht. Es wird oft vergessen, dass wir schon drei industrielle Revolutionen überlebt haben und immer noch da sind. Das waren genauso große Umbrüche wie die, die wir heute erleben. Das einzige, was wir als Wissenschaftler tun können, ist die Menschen aufzuklären, Wissen zu vermitteln und die Fakten zu zeigen. Denn Angst resultiert oft aus Unwissen.

Das europäische Robotik-Forschungsnetzwerk Euron geht davon aus, dass Roboter eines Tages mit dem Menschen koexistieren, ihn unterstützen und zu einer friedlicheren Welt beitragen. Ist das nicht etwas idealistisch?

Gerade die Frage der Ethik ist eine extrem schwierige Frage. Wir tendieren häufig dazu, uns mit Ethikkommissionen oder entsprechenden Diskussionen das Leben zu leicht zu machen. Denn damit delegieren wir es von uns weg. Die Ethik ist aber eine Frage, die die Gesellschaft selber bestimmen muss. Ethik ist nicht etwas, was Politiker vorgeben, sondern das ist eine zutiefst gesellschaftspolitische Frage, die jeder einzelne Mensch bestimmen muss. Jeder einzelne Mensch muss sich selbst nach ethischen Grundsätzen, Werten und Maßstäben fragen, nach denen er handelt. Ich nenne das die ethische Grundverfasstheit einer Gesellschaft. Wenn diese Grundverfasstheit gefestigt ist, mache ich mir auch keine Sorgen darüber, dass wir Technologien missbrauchen. Wenn es diese Grundverfasstheit allerdings nicht gibt, nützen auch keine Gesetze – es wird immer Menschen geben, die diese Gesetze missachten. Das gilt für alle Technologien. Deswegen versuchen wir in der Wissenschaft, möglichst transparent zu forschen und zu publizieren. Denn gar keine Forschung ist auch nicht im Sinne der Menschheit.

Die Fragen stellte Lisa-Maria Röhling.

Über das Thema Robotik spricht Frank Kirchner am Montag, 3. April, um 19 Uhr im Mercedes-Benz Kundencenter Bremen (Im Holter Feld, 28309 Bremen). Der Titel seines Vortrages heißt „Was ist Science Fiction, was Fakt? Robotik und künstliche Intelligenz“.

Zur Person

Frank Kirchner (53) leitet den Forschungsbereich des Robotics Innovation Center (RIC) in Bremen, das zum Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz gehört sowie die Arbeitsgruppe Robotik der Universität Bremen.
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