Bülent Uzuner, Chef der IT-Firma BTC AG, spricht über seine Verbundenheit mit der Metropolregion und den Schaden der Sarrazin-Debatte "Wir wollen den Bremer Standort weiter ausbauen"

Bülent Uzuner steht seit einem Jahrzehnt an der Spitze des IT-Beratungs-Unternehmens BTC AG, einer Tochterfirma der Oldenburger EWE AG. Über seine unternehmerischen Ziele, die Stärken der Metropolregion im Kampf gegen den Fachkräftemangel und die fatale Wirkung der Sarrazin-Debatte auf junge Migranten sprach Sebastian Manz mit ihm.
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Bülent Uzuner steht seit einem Jahrzehnt an der Spitze des IT-Beratungs-Unternehmens BTC AG, einer Tochterfirma der Oldenburger EWE AG. Über seine unternehmerischen Ziele, die Stärken der Metropolregion im Kampf gegen den Fachkräftemangel und die fatale Wirkung der Sarrazin-Debatte auf junge Migranten sprach Sebastian Manz mit ihm.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach dem ersten BTC-Jahrzehnt aus?

Es erfüllt mich ein wenig mit Stolz, dass wir es geschafft haben, aus einem kleinen IT-Betrieb ein bedeutendes Unternehmen zu entwickeln. Vor allem weil das Unternehmen aus der Region kommt, in der ich lebe und der ich mich zugehörig fühle. Die meisten der Mitarbeiter der ersten Stunde sind heute noch mit an Bord. Das zeigt, dass wir Vieles richtig gemacht haben.

Was sind die nächsten Ziele der BTC?

Es entspricht nicht meiner unternehmerischen Auffassung, sich auf dem Erreichten auszuruhen und Golf zu spielen. Wir wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, etwa indem wir Arbeitsplätze schaffen und die Region stärken. Wir haben die Chancen und das Potenzial für weiteres Wachstum. Es wäre schade, wenn wir diese nicht nutzen würden. Allerdings gilt es, das Unternehmen ausgewogen und mit Augenmaß voranzubringen.

Was sind konkrete nächste Schritte?

Wir streben mittel- bis langfristig an, die Zahl der Mitarbeiter von derzeit 1620 auf 1800 bis 2000 anzuheben. Wir wollen bis 2013 zu den großen zehn IT-Beratungsfirmen der Republik gehören und über die 200-Millionen-Umsatz-Grenze springen. Außerdem wollen wir stärker international agieren. Gerade Polen und die Türkei sind sehr interessante Märkte. Auch unsere Standorte in Bremen und Oldenburg sollen gestärkt werden, vor allem aber wollen wir im Süden wachsen. Unser erklärtes Ziel ist es, BTC in Deutschland als Premiummarke zu etablieren.

Wird der Standort Bremen profitieren?

Ja. Wir beschäftigen aktuell in der BTC- Gruppe etwa 370 Mitarbeiter in Bremen, mit denen ziehen wir Ende des Jahres in den Weser Tower. Wir wollen unseren Bremer Standort weiter signifikant ausbauen. Die Hansestadt mit ihrer guten Infrastruktur ist für uns ein Sprungbrett in die ganze Republik. Wir haben hier einen Flughafen und einen guten Bahnanschluss. Auch deshalb konzentrieren wir unsere Kräfte in der Metropolregion.

Um Wachstum zu gewährleisten, braucht man das nötige Personal. Woher wollen Sie in Zeiten des Fachkräftemangels ihre neuen Mitarbeiter nehmen?

Natürlich müssen wir uns auf Engpässe einstellen. Ein Grund dafür ist, dass die Anzahl der Studenten in Deutschland sinkt. Derzeit liegt die absolute Zahl der Hochschulabsolventen in Deutschland in den Bereichen Betriebswirtschaft und Informatik auf vergleichbarem Niveau wie in Polen oder der Türkei. Beide Länder haben allerdings eine geringere Bevölkerungszahl als Deutschland.

Was ist zu tun?

Wir haben im Nordwesten eine sehr gute Hochschullandschaft und da gilt es, Kontakte zu pflegen. Wir arbeiten eng mit der Uni Oldenburg, der Hochschule Bremen und der Jacobs University zusammen. Wir sind bei Jobbörsen vertreten, vergeben Diplomarbeiten, haben Werkstudenten und teilweise forschen wir auch mit den Universitäten. An der Jacobs University kümmere ich mich persönlich um eine Gruppe türkisch sprechender Studenten. Aus dieser Gruppe haben wir auch schon einige Mitarbeiter rekrutiert. Insgesamt haben wir Kontakt zu über 75 Universitäten durch unser Bonapart-Hochschulprogramm. Außerdem haben wir ein Förderprogramm für Hochschulabsolventen aufgelegt. Kurz: Man muss sich künftig als Unternehmer stärker um seine Fachkräfte kümmern.

Wollen die hier ausgebildeten Spezialisten auch bleiben?

Wir müssen versuchen, sie hier zu halten. Da stehen wir natürlich oft im Wettbewerb mit den Herkunftsländern dieser jungen Menschen. Viele Studenten der Jacobs University haben etwa das Problem, dass sie sehr isoliert auf ihrem Campus leben. Ich erlebe es bei meinen Besuchen, wie dankbar die Studenten über Begegnungen und Kontakte sind. In diesem Bereich müsste noch viel mehr passieren, damit die jungen Akademiker Bremen inhalieren können, feststellen, wie toll es hier ist - und bleiben.

Gibt es noch andere Faktoren, die für ausländische Studenten wichtig sind?

Die Sarrazin-Debatte, das spüre ich in vielen Gesprächen, geht nicht spurlos an den Studenten vorbei. Es ist unklug und populistisch, wenn Politiker behaupten, dass wir keine Einwanderung benötigen. Wenn ich ein junger Mensch wäre und jetzt vor der Wahl stünde, würde ich ernsthaft überlegen, ob ich in Deutschland bliebe. Die Leute haben die Wahl, ihr Wissen woanders weiterzugeben, woanders ihr Geld zu verdienen.

Welche Folgen hat das konkret?

Die meisten wollen in ihre Heimat zurück, viele in die USA. Die Furchen, die eine solche Debatte hinterlässt, sind viel größer als viele erwarten würden. Das bleibt den Menschen im Gedächtnis. Wir beobachten auch, dass viele Deutsch-Türken, die hier aufgewachsen sind, gern wieder in die Türkei abwandern. Sie haben dort sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und werden mit offenen Armen empfangen. Das ist aus deutscher Sicht eine bedenkliche Entwicklung.

Wie können Unternehmer dem entgegenwirken?

Wir müssen in Zukunft viel stärker auf Diversity-Management setzen, also die Vielfalt innerhalb eines Unternehmens besser organisieren. Bleiben wir bei den Jacobs-Studenten. Viele von ihnen sprechen noch nicht besonders gut Deutsch, aber sie sprechen perfekt Englisch und ihre Muttersprache. Diese Menschen sind klug und werden schnell Deutsch lernen. Da kann man als Unternehmen sagen, wir nehmen sie auf und sie können on-the-job deutsch lernen. Bei der BTC bieten wir zum Beispiel Deutschkurse an. Damit erleichtern wir unseren ausländischen Mitarbeitern den Einstieg. Unternehmer müssen die eine oder andere Anstrengung auf sich nehmen. Es wäre zu schade, diese hochqualifizierten Menschen ziehen zu lassen.

Wäre es nicht einfacher, in den Unternehmen gleich auf Englisch umzustellen?

Das kann ich mir offen gestanden außerhalb der großen international agierenden Firmen nicht vorstellen. Das muss aber auch gar nicht sein. Deutsch ist eine wunderbare Sprache. Wir müssen den Menschen die Chance geben, sie auch zu lernen. Übrigens: Es gibt deutsche Geschäftsführer, die seit 15 Jahren in Istanbul arbeiten und keine zehn Sätze türkisch sprechen.

Einige Deutsch-Türken haben gerade die Bremische Integrations-Partei gegründet und wollen mit ihr bei den Bürgerschaftswahlen im kommenden Jahr antreten. Was halten Sie von dieser Initiative?

Ich kenne einige der Aktivisten und weiß, dass diese Menschen auch aus einer gewissen Verzweiflung heraus gehandelt haben. Die Gründer waren enttäuscht von der Rolle, die die etablierten Parteien in der Migrationsdebatte gespielt haben. Langfristig gesehen ist die neue Partei nicht die Lösung. Ihre Aktiven sollten sich früher oder später in den etablierten Parteien engagieren und dort für ihre Themen sensibilisieren. Soweit ich diese Menschen verstanden habe, wollen sie einfach etwas in Bewegung setzen.

Also nur ein Strohfeuer?

Die Parteigründung ist ein Signal. Die Gründer wollten zeigen, dass es in der Form, wie es momentan läuft, nicht weitergeht. Sehen Sie sich nur die Aktivisten an. Wir sprechen hier nicht von irgendwelchen ungebildeten Menschen, das sind alles Akademiker. Sie sind sehr gut integriert und haben es satt, nach 30, 40 und 50 Jahren in Deutschland immer noch als Ausländer behandelt zu werden.

Sie engagieren sich intensiv bei der aktuellen Türkeiwoche der Hochschule Bremen. Warum?

Ich finde es für Bremen äußerst wichtig, Kontakte zu Ländern zu vertiefen, deren Menschen in der Hansestadt leben. Auf die Türkei bezogen, bin ich froh, dass in Bremen endlich verstanden wurde, welches Potenzial dort schlummert. Leider hat es sehr lang gedauert, bis diese Erkenntnis gewachsen ist. Mittlerweile haben uns andere Bundesländer überholt.

Was muss Ihrer Meinung nach passieren?

Niedersachsen oder NRW organisieren Delegationsreisen in die Türkei. Ich kann mich nicht erinnern, wann Bremen so etwas das letzte Mal getan hätte. Auch die Partnerschaft mit der Stadt Izmir, immerhin die drittgrößte Stadt der Türkei, könnte mit mehr Leben gefüllt werden. Teilweise sind hier Chancen verschlafen worden. Wenn man jetzt nicht ein wenig Gas gibt, wird man das auch nicht mehr aufholen. In Stuttgart gibt es ein richtiges Gründerzentrum für türkische Unternehmen, die sich in Deutschland ansiedeln wollen. Viele wollen über Deutschland in den europäischen Markt. Deutschlands zweitgrößte Hafenstadt könnte für solche Unternehmen durchaus spannend sein. Umgekehrt genießen Waren "Made in Germany" ein extrem hohes Ansehen am Bosporus. Noch ist Deutschland der größte Handelspartner der Türkei. Aber die Chinesen sind kurz davor, uns abzulösen. Das sollten wir vermeiden bei einem 70-Millionen-Einwohner-Land, das nur drei Flugstunden von Bremen entfernt liegt.

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