Aufschwung auch in Bremen Wirtschaftsexperten fordern kräftigen Lohnanstieg

Bremen. Die Bremer Hütte läuft auf Hochtouren. Seit sechs Monaten schon liegt die Auslastung bei 90 bis 95 Prozent. Der Mutterkonzern und Weltmarktführer ArcelorMittal vermeldete für das zweite Quartal 2010 einen Milliardenüberschuss. Zeit für mehr Lohn?
03.08.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Krischan Förster

Bremen. Die Bremer Hütte läuft auf Hochtouren. Seit sechs Monaten schon liegt die Auslastung bei 90 bis 95 Prozent. Der Mutterkonzern und Weltmarktführer ArcelorMittal vermeldete für das zweite Quartal 2010 einen Milliardenüberschuss. Wenn ab Herbst die Tarifverhandlungen für die deutsche Stahlindustrie beginnen, werden auch die Bremer Beschäftigten auf mehr Geld hoffen. Und sie bekommen dabei prominente Unterstützung: Reihenweise empfehlen Wirtschaftsexperten und Gewerkschafter ein Ende der Bescheidenheit und satte Lohnaufschläge.

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel hatte die Debatte vor wenigen Tagen angestoßen. Nach der Zurückhaltung in Krisenzeiten sei bei den anstehenden Tarifverhandlungen eine Lohnerhöhung von drei Prozent angebracht. Renommierte Experten nehmen die Forderung seither auf. Erst Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) und Franz-Josef Möllenberg, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Am Montag auch Peter Bofinger, einer der fünf Wirtschaftsweisen. Oder Reinhard Bispinck, Konjunkturexperte der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. 'Seit fast zehn Jahren verläuft die Entwicklung der Reallöhne sogar im Minus', sagt er. 'Eine Erhöhung ist überfällig.' Auch Folker Hellmeyer, Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank, hält drei Prozent - als Anpassung an den Produktivitätsgewinn und einen Inflationsausgleich - für geboten, um Kaufkraft und Binnennachfrage zu stärken.

Alle Fürsprecher verweisen auf die deutliche anziehende Konjunktur, die steigenden Verbraucherpreise und die jahrelang praktizierte Zurückhaltung der Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen. Gleichzeitig sind auch die deutschen Unternehmen besser als gedacht aus der Krise gekommen und können mit beeindruckenden Zahlen aufwarten.

Die Autokonzerne Daimler und VW machen wieder Milliardengewinne. Siemens, Henkel und Adidas peilen Rekordergebnisse an. Beim Maschinenbau, als exportorientierte Branche besonders von der Krise betroffen, stiegen die Bestellungen binnen Jahresfrist um 62 Prozent. Auch Logistik- und Hafenwirtschaft sind zurück auf Wachstumskurs. Vor diesem Hintergrund geben jetzt auch die Gewerkschaften ihre zuletzt praktizierte Zurückhaltung auf und wollen satte Aufschläge auf die Löhne.

In diesem Jahr stehen allerdings kaum noch Tarifverhandlungen an. Die wichtigsten Branchen haben bereits im vergangenen Jahr lang laufende Verträge abgeschlossen. In der Metall- und Elektroindustrie, einer Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft, war zunächst - krisenbedingt - eine Nullrunde zur Beschäftigungssicherung vereinbart worden. Erst in diesem Jahr steigen die Löhne um 2,7 Prozent - also annähernd in Höhe der Forderungen. Aktuell wird bei der Bahn verhandelt, Anfang 2011 ist der öffentlichen Dienst der Länder an der Reihe, als Industriebranche ist davor nur die Stahlindustrie dran.

Auch da ist die IG Metall wieder Verhandlungspartner der Arbeitgeber. Mit öffentlichen Äußerungen hält sie sich noch zurück, die kolportierte Forderung nach 'gut zwei Prozent' wird in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale nicht kommentiert. Zunächst müsse die in diesen Tagen beginnende Mitgliederbefragung abgeschlossen werden, um Stimmung und Wünsche in den Belegschaften zu erkunden, erst Ende des Monats will sich die Tarifkommission erklären. So lange gibt es nur Allgemeinplätze. 'Wir werden darauf achten, dass die Beschäftigen fair und angemessen am Aufschwung beteiligt werden', sagte gestern eine IG-Metall-Sprecherin.

So sehen es auch die Bremer Stahlwerker, die eine harte Zeit mit Kurzarbeit und Lohnverzicht hinter sich haben. Nun, da die Produktion seit Monaten stabil läuft und auch wieder Gewinne eingefahren werden, 'gucken die Kollegen schon aufs Geld', sagt Betriebsratschef und IG-Metall-Vertrauensmann Markus Bendig. Zudem ja auch die Abgaben etwa durch die Gesundheitsreform gestiegen seien.

Belegschaft wie auch Gewerkschaft wissen allerdings auch, dass sich die Aussichten gerade wieder eintrüben. Im zweiten Halbjahr rechnet ArcelorMittal erneut mit Rückgängen vor allem in China. Die Auslastung aller Stahlwerke soll von 78 auf 70 Prozent gesenkt werden, ist bereits angekündigt. Auch im Bremer Stahlwerk, das in diesem Jahr bislang 1,7 Millionen Tonnen Rohstahl produziert hat - gegenüber 2,3 Millionen Tonnen im gesamten Vorjahr. 'Man muss also auch schauen, wie es dem Unternehmen geht', sagt Bendig. Das wird auch bei der größten Einzelgewerkschaft ver.di so gesehen, die ebenso wie die IG Metall ihre Vorstellungen für die Verhandlungen noch nicht preisgeben will.

Die Gegenseite wappnet sich bereits für die erwartete Auseinandersetzung. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte umgehend vor zu hohen Lohnforderungen, sie könnten den derzeitigen Aufschwung belasten oder gefährden. Und auch der Wirtschaftsweise Christoph M. Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und ebenfalls Mitglied der Wirtschaftsweisen, geht auf Distanz zum Kollegen Peter Bofinger. Die Wirtschaft müsse gegenüber den Einbrüchen des Krisenjahres 2009 erst einmal wieder Boden aufholen. 'Zu diesem Zeitpunkt die Löhne zu stark anzuheben, könnte Arbeitsplätze gefährden', sagte Schmidt unserer Zeitung.

Allenfalls einen Aufschlag in Höhe des langfristigen Produktivitätszuwachses halte er für vernünftig. Dieser wird von Experten einhellig bei etwa einem Prozent pro Jahr angesetzt. Sollte es branchenbezogen weiteren Spielraum geben, plädiere er eher für Einmalzahlungen als für flächendeckende Abschlüsse. Es sei eine Riesenleistung des deutschen Wirtschaftssystems, Krise und Produktionsrückgang ohne einen signifikanten Abbau von Arbeitsplätzen gemeistert zu haben. 'Das wäre gefährdet, wenn jetzt nicht Maß gehalten wird.'

Während die Debatte momentan primär um Löhne und Prozente geführt wird, streiten parallel führende Wirtschaftsexperten um die Ausrichtung der Wirtschaft, nachdem die Exportnation Deutschland von der Krise besonders betroffen war. Während Hickel, Bispinck und auch Bofinger mit ihrer Lohn-Forderung auf eine Stärkung der Binnennachfrage als Gegengewicht zur Exportwirtschaft sowie eine ausgeglichenere Bilanz zwischen den Volkswirtschaften der Euro-Zone setzen, hält RWI-Präsident Christoph M. Schmidt dagegen. Ein Umsteuern auf die Binnen- zu Lasten der Exportwirtschaft wäre kaum erfolgreich. 'Das würde nur Jobs kosten.'

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