Finanzwissen Wirtschaft gehört in die Schule

Wirtschafts- und Finanzwissen ist enorm wichtig für junge Menschen. Es sollte in der Schule vermittelt werden, meint Lisa Boekhoff. Denn es geht um mehr als Kompetenzen in Verbraucherfragen.
16.09.2021, 19:50
Lesedauer: 3 Min
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Wirtschaft gehört in die Schule
Von Lisa Schröder

Auf Twitter brachte eine Schülerin vor einigen Jahren ihre Verzweiflung zum Ausdruck. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Der Beitrag der Gymnasiastin aus Köln mit dem Twitternamen Naina löste 2015 eine Debatte aus: Welches Wissen sollen Schulen heute vermitteln? Gehören Finanzen und Wirtschaft nicht in den Unterricht, um junge Menschen auf die Zeit nach dem Abschluss vorzubereiten?

Lernen fürs Leben? Schon der römische Philosoph Seneca warf die Frage auf. Naina stieß, Jahrhunderte später, pointiert eine Diskussion dazu an und gab ihr ein modernes Gesicht.

In dieser Woche ist das Thema wieder da. Eine Umfrage des Bankenverbands zeigt, dass junge Menschen Lücken beim Finanzwissen haben. Immerhin – deutlich mehr als der Hälfte der Teilnehmer sagte demnach der Begriff Inflationsrate etwas. Die aktuelle Höhe war dem Großteil aber nicht bekannt.

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Ihrem Finanzwissen stellten die Jüngeren unlängst selbst kein gutes Zeugnis aus. Im Gegenteil: Es fiel noch schlechter aus als in den Vorjahren. Im „Jugend-Finanzmonitor 2021“ bewerteten fast 40 Prozent der 16- bis 25-Jährigen ihre Finanzkenntnisse mit den Schulnoten vier bis sechs. Das ist bitter und darf nicht sein. Wie wenig vorbereitet aufs Leben müssen sich die Befragten womöglich fühlen?

Die jungen Menschen selbst wünschen sich – laut beiden Umfragen – , Finanzen und Wirtschaft im Unterricht zu behandeln. Die Forderung ist alles andere als neu, aber in der Breite im Land immer noch unerfüllt. Obwohl der Wunsch doch so berechtigt ist. In der Schule sollten Abläufe in der Wirtschaft, Grundzüge des Steuersystems und Finanzwissen vermittelt werden. Letztlich geht es nicht nur darum, die Schüler zu unterstützen, wache und kluge Verbraucher zu werden, um das eigene Leben und Portemonnaie zu managen. Es geht vor allem darum, dass das Wissen über Steuern, Arbeitsmarktpolitik oder die Globalisierung sie zu mündigen und aufgeklärten Bürgern macht.

Die Welt da draußen wird zudem nicht ungefährlicher und unkomplizierter. Immer mehr Finanzprodukte werden digital angeboten. Und immer mehr Informationen werden im Netz verbreitet. Das kann ein Segen sein, wenn man die neuen Kanäle denn auch richtig nutzt.

Ob Internet oder Bankhaus: Junge Erwachsene sollten unterscheiden können, welche Angebote und Verträge seriös sind und welche Renditeaussicht dagegen viel zu hoch ist, um wahr zu sein. Schließlich drängt sich auch noch die Frage der Altersvorsorge in den nächsten Generationen zunehmend auf.

Leserbriefe verwiesen damals, als Naina über ihre Wissenslücken klagte, auf die Eltern. Klar, hier liegt auch Verantwortung. Eltern sollten nicht scheuen, mit ihren Kindern über Wirtschaftsthemen zu reden. Warum steigen die Preise gerade derart schnell? Was ist mit Niedrigzinsen gemeint? Wie funktioniert die Börse? Gespräche zu solchen Fragen gibt es vermutlich zu selten am Küchentisch. Das wäre nicht verwunderlich, weil hierzulande überhaupt ungern über Geld gesprochen wird. Die Denke dahinter, die mit Scham oder Bescheidenheit zu tun haben mag, kann zum Problem werden. Und das haben nicht nur Jüngere. Am Donnerstag erschien eine weitere Umfrage: Demnach ist es um das Wissen bei Geldgeschäften insgesamt nicht gut bestellt.

Wirtschaftswissen ist elementar. Die Schule sollte junge Menschen hier nicht allein lassen – zumal es die Betroffenen selbst einfordern. Die Politik muss dafür den Rahmen setzen. Das ist bei engen Lehrplänen und Lehrermangel gewiss ein Kunststück. Ein Argument darf das aber nicht sein. Schülerinnen und Schüler sollten in der Schule eine Menge Einblicke bekommen, ihre Stärken dabei entdecken und entwickeln können.

Ein Plädoyer gegen Schillers "Räuber" und Goethes "Zauberlehrling", gegen Musik und Kunst ist das nicht. Die Schule muss selbstverständlich Raum für Inhalte vieler Art sein – natürlich auch für musische Fächer. Doch dass Wirtschaft kaum Platz in diesem Raum findet, ist fast verblüffend.  

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