Kaufkräftig und auf Qualität bedacht

Zielgruppe Berufspendler

Eine Studie zeigt: Berufspendler verdienen ein überdurchschnittliches Gehalt und haben die entsprechende Kaufkraft. Nicht nur für Bäckereien sind sie auch daher gute Kunden.
30.12.2019, 21:09
Lesedauer: 3 Min
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Zielgruppe Berufspendler
Von Florian Schwiegershausen
Zielgruppe Berufspendler

Aussteigen und in die Pedale treten: Sehr beliebt unter Pendlern ist das Klapprad. Im Gegensatz zum Fahrrad gibt es für das Modell zum Falten in den meisten Zügen keinen Aufpreis.

Tobias Hase /dpa

Merle ist 24 Jahre alt und Schifffahrtskauffrau. Sie wohnt in Winsen an der Luhe, arbeitet eigentlich in Hamburg, pendelt nun aber für den Job drei Wochen lang nach Bremen. Was sie da nebenbei ausgibt? „Zu viel“, antwortet sie spontan und lacht dabei. Jeden Werktag kauft sie sich auf alle Fälle ein Brötchen. „Kaffee und Wasser gibt es auf der Arbeit“, sagt sie.

Noch konkreter bei den Ausgaben wird Rune Schmidt. Der 25-Jährige studiert an der Bremer Uni im siebten Semester Germanistik und Politik auf Lehramt und fährt von Montag bis Freitag jeden Morgen von Bremen-Nord über den Hauptbahnhof zur Uni. Selbst wenn er innerhalb einer Stadt unterwegs ist und nach Definition der Agentur für Arbeit demnach kein Pendler: „Pro Tag gebe ich wohl auf dem Weg hin und zurück vier bis sechs Euro aus.“

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Das macht auf fünf Werktage gerechnet im Monat zwischen 80 und 120 Euro aus. „Wenn ich morgens später zur Uni muss, dann mache ich mir selbst daheim was.“ An diesem Morgen war es allerdings zu früh dafür. Doch er habe einen Nebenjob, mit dem er die Ausgaben auf dem Weg finanziere: „Und da sage ich manchmal auch: Das gönne ich mir jetzt.“

Werktags der meiste Umsatz

Wenn man die Ausgaben hochrechnet, auf die vielen Pendler an den Werktagen am Bremer Hauptbahnhof, erklärt das vielleicht auch, warum dort auf den gut 150 Metern langem Gang mit Aufgang zu den Gleisen sechs Bäckereien gut nebeneinander existieren können. Die meisten von ihnen bieten auch Sitzplätze, mehrheitlich handelt es sich um Ketten. Gegen 7.45 Uhr steht am Brezelstand der Kette Ditsch ein Verkäufer mit einem Lächeln im Gesicht – gute Laune am Morgen: „Viele Kunden kennt man vom Sehen und schnackt in der Kürze ein paar Sätze.“ Die Pendler bringen Nachfrage: Der Umsatz an den Tagen von Montag bis Freitag ist höher als an Samstagen oder Sonntagen, ist vom Besitzer eines Shops zu hören.

So, wie die fertig belegten Brötchen ansehnlich mit einem Salatblatt und einigen Scheiben Tomate hinter der Glasvitrine liegen, ist es, als ob sie geradezu rufen: „Kauf mich!“ Das machen die Pendler dann auch in einem schnellen Impuls – und das bei Preisen von fertig belegten Brötchen im Bremer Hauptbahnhof bis zu 3,40 Euro. Der Material- und Arbeitseinsatz liegt in etwa höchstens bei der Hälfte. Und daheim selbst geschmiert würde der Materialeinsatz bei einem einfachen Brötchen mit Käse, Tomate und einem Blatt Eisbergsalat höchstens zwischen 50 und 60 Cent liegen.

Gehalt steigt pro Kilometer

Dass Pendler bereit sind, entsprechend Geld auszugeben, könnte auch daran liegen, dass sie überdurchschnittlich verdienen. So hat der Wirtschaftsprofessor Wolfgang Dauth von der Uni Würzburg in einer Studie ausgerechnet, dass mit jedem Kilometer, den ein Berufspendler zurücklegt, statistisch gesehen das Gehalt um 0,2 Prozentpunkte steigt. Dies begründet er damit, dass hochdotierte Stellen mit einem besonderen Anforderungsprofil eben nicht an jeder Ecke zu finden seien. Die Bereitschaft steige, zu pendeln.

Um die Berufspendler als Zielgruppe besser vereinnahmen zu können, hat Nestlé Professional – der Teil des Konzerns, der Gastronomie und Handel berät – Kriterien aufgestellt. Demnach sei den Pendlern wichtig, dass gerade am Morgen der Verkauf so schnell wie möglich abläuft. Die Waren sollten daher fertig vorbereitet in der Vitrine liegen und mit Serviette und notfalls auch Besteck an den Kunden gegeben werden. Dabei sollten sie so ansprechend aussehen, dass sie innerhalb von Sekunden den Kaufimpuls geben. Und die Unternehmensberater stellen als Besonderheit bei Berufspendlern fest: „Pendler wollen nicht einfach nur billig einkaufen. Dafür ist das Ernährungsbewusstsein in der Zielgruppe zu hoch.“ Gute Qualität könne also auch ihren Preis haben.

Ideale Stammkunden

Pendler eigneten sich außerdem als ideale Stammkunden, da es sich bei der Fahrt zur Arbeit ja um wiederkehrende Routinen handele. Entsprechend wichtig sei im Laden auch die persönliche Ansprache der Verkäufer, um sich so unverwechselbar zu machen – gerade wenn man ein Warensortiment hat, das austauschbar erscheint, weil es viele andere genauso anbieten.

Das überdurchschnittliche Gehalt und die entsprechende Kaufkraft machen Pendler aber auch für die Industrie interessant – wie schon jetzt morgens am Bremer Hauptbahnhof zu sehen ist. Sehr beliebt bei Pendlern sind Klappräder. Für sie ist in den meisten Zügen kein Aufpreis zu zahlen. Für gute Räder sind Preise von 300 Euro aufwärts durchaus üblich. Einige Pendler haben auch E-Roller dabei, die 400 Euro und mehr kosten. Wer am Bahnhof zumindest das Geld für Kaffee sparen möchte, hat seinen Isolierbecher von daheim dabei. Der kostet zwischen sieben und 30 Euro. Ebenso sollten Pendler eine Powerbank dabei haben, also einen Zusatzakku fürs Smartphone, falls Steckdosen im Zug fehlen oder er doch unpünktlich am Gleis ist.

Um beim Pendeln wenigstens etwas zu sparen, kauft Lehramtsstudent Rune Schmidt zumindest seine Getränke außerhalb des Bahnhofs im Supermarkt. Sonst käme er wohl mit sechs Euro pro Tag nicht hin. An der werktäglichen Fahrt von Bremen-Nord zur Uni will er aber festhalten.

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