Neue Verhandlungen über Standortkonzept Zitterpartie für 140 Telekom-Mitarbeiter

Bremen. Ende September erfuhren die Bremer Telekom-Mitarbeiter, dass der Konzern zwei Bereiche schließen will. Den Beschäftigten wurden Stellen in Hamburg und Münster angeboten. Nach Protesten scheint nun Bewegung in die Sache zu kommen.
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Zitterpartie für 140 Telekom-Mitarbeiter
Von Petra Sigge

Bremen. Für die Telekom-Mitarbeiter war die Nachricht ein Schock. Ende September erfuhren sie, dass der Konzern den Geschäftskunden-Service und den IT-Bereich in Bremen schließen will. Den 140 Beschäftigten wurden Stellen in Hamburg und Münster angeboten. Auf Demonstrationen und Kundgebungen protestierten die Mitarbeiter gegen die Verlagerung ihrer Arbeitsplätze. Nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen.

Die Proteste haben aus Sicht der Gewerkschaft ver.di immerhin dazu geführt, dass sich die Tarifparteien in dieser Woche zu neuen Verhandlungen zusammengesetzt haben. Seit Mittwochabend liegen nun erste Eckpunkte für ein überarbeitetes Standortkonzept vor, sagte ver.di-Fachsekretär Jürgen Gorgs dieser Zeitung. Details will er nicht nennen. Beide Seiten hätten Stillschweigen vereinbart. Gorgs spricht von einer "durchaus positiven Entwicklung". Die Gespräche seien jedoch nicht in einem Stadium, "wo man heute schon sagen könnte, welche Standorte erhalten bleiben und welche nicht".

Noch ist die Zitterpartie für die Telekom-Beschäftigten also nicht vorbei. Bundesweit sind mehr als 5000 Mitarbeiter von der Umstrukturierung betroffen. Nach dem bisher vorgelegten Standortkonzept sollen der Geschäftskundenservice und Vertrieb von bundesweit 113 auf nur noch neun Zukunftsstandorte konzentriert werden. In diesem Bereich müssten nach Konzernangaben etwa 3640 Beschäftigte bis 2012 ihren Arbeitsort wechseln.

Im IT-Bereich soll die Arbeit künftig in nur noch fünf Zentren gebündelt werden. Das bedeutet nach Unternehmensangaben, dass 1500 der rund 2800 IT-Beschäftigten ihren Arbeitsplatz wechseln müssen. Im Nordwesten sollen laut ver.di neben Bremen auch die Service-Center in Bremerhaven, Oldenburg, Osnabrück, Braunschweig und Göttingen geschlossen werden. Insgesamt seien an diesen Standorten 580 Mitarbeiter betroffen.

Ziel sei es, im stark umkämpften Markt wettbewerbsfähiger zu werden und die eigene Marktposition zu stärken, erklärt Telekom-Sprecherin Stefanie Halle. Mit der jetzigen Firmenorganisation sei das nicht zu schaffen. "Wir haben eine historisch gewachsene, viel zu kleinteilige Struktur." Mit dem neuen Standortkonzept sollen die Kompetenzen im Konzern gebündelt und die Effizienz gesteigert werden.

Jetzt nicht das Feld räumen

Dem Bremer Betriebsrat Walter Sänger will nicht einleuchten, welchen Sinn es überhaupt machen soll, Bremer Geschäftskunden künftig von Hamburg aus zu betreuen. "Der Konzern begründet seine Standortschließungen damit, dass man effektiver und stärker im Wettbewerb werden will. Gerade in Bremen aber haben wir besonders starke Konkurrenten wie EWE und BTC. Das heißt, wir sind ja schon da, wo der Wettbewerb ist." Da dürfe man doch jetzt nicht das Feld räumen. Gerade die Großkunden bräuchten die Nähe und legten großen Wert auf Vor-Ort-Beratung. Sänger hält deshalb die Verlegungspläne auch aus vertrieblicher Sicht für eine Fehlentscheidung des Managements "Ich verstehe nicht, was für eine Logik dahinter stehen soll."

Nach Angaben des Betriebsrats verspricht sich die Konzernleitung Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe. "Die Lasten verlagert das Unternehmen auf uns, ohne an persönliche Schicksale zu denken", kritisiert Sänger. Dabei hätte die Telekom als Deutschlands größtes Systemhaus alle Möglichkeiten, vernetztes Arbeiten und Leben umzusetzen. Sänger: "Warum wird nicht die Arbeit zu den Menschen gebracht, statt umgekehrt?"

Sänger ist selbst im Vertrieb tätig und damit ein Betroffener der Neustrukturierung. Er erinnert sich noch gut an den "schwarzen Dienstag" vor mehr als zehn Wochen, als alle Beschäftigten zusammengerufen wurden. "Da hat man uns dann erzählt, dass bundesweit 130 Vertriebsstandorte geschlossen werden sollen und wir hier bald keine Arbeitsplätze mehr haben - ohne Vorwarnung, ohne Diskussion." Werden die Pläne umgesetzt, müssten 106 Kundenbetreuer künftig nach Hamburg umziehen oder pendeln - zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. 34 Mitarbeiter der internen IT sollen neue Stellen in Münster bekommen. "Das sind immerhin 360 Kilometer am Tag. Da kommen pro Jahr allein an Fahrtkosten locker 6000 bis 9000 Euro zusammen", hat Sänger ausgerechnet. Der Arbeitgeber werde diese Kosten vielleicht für ein Jahr übernehmen, und auch das müsste erst noch ausgehandelt werden. Danach aber müssten die Beschäftigten selbst dafür aufkommen.

"Diese Mehrbelastung kann keiner tragen", sagt Sänger. Im Vertrieb arbeiteten zudem viele Teilzeitkräfte und Alleinerziehende. "Die können nicht einfach umziehen oder jeden Tag stundenlange Arbeitswege auf sich nehmen. Für die ist das Standortkonzept eine richtige Katastrophe", sagt Sänger. Viele empfänden deshalb die angekündigten Verlegungen als "kalte Kündigung". Der Konzern weiß um dieses Problem. "In Ausnahmefällen", wenn Beschäftigte nicht an einen anderen Standort wechseln wollten oder könnten, werde geschaut, ob man den Mitarbeiter nicht in anderen Geschäftsbereichen am alten Standort unterbringen kann, sagt Telekom-Sprecherin Halle. "Wir lassen niemanden im Regen stehen, versuchen, mit jedem einzelnen eine Lösung zu finden."

Betriebsrat Sänger hält das für "Augenwischerei". Schließlich würden im Konzern überall in großem Stil Arbeitsplätze abgebaut. "Man wird keine freien Stellen finden." Und da, wo es Bedarf geben könnte, etwa im Bereich T-Systems, passten die Qualifikationen der Vertriebsmitarbeiter nicht. "Menschen, die hier in der Auftragsbearbeitung sitzen, können weder programmieren noch Software entwickeln."

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