Wirtschaftssenator legt Mittelstandsbericht vor Zugpferd Mittelstand

Bremen. Wie geht es dem Mittelstand im Land Bremen? Diese Frage beantwortet der Bericht über die Situation der mittelständischen Wirtschaft in der Hansestadt Bremen. Nach vier Jahren wurde die Studie im Auftrag des Wirtschaftsressorts nun fortgeschrieben.
11.03.2014, 18:00
Lesedauer: 7 Min
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Zugpferd Mittelstand
Von Maren Beneke

Wie geht es dem Mittelstand im Land Bremen? Diese Frage beantwortet der Bericht über die Situation der mittelständischen Wirtschaft in der Freien Hansestadt Bremen. Nach vier Jahren wurde die Studie im Auftrag des Wirtschaftsressorts nun fortgeschrieben. Mit eindeutigem Ergebnis: Generell fühlen sich viele Unternehmen am hiesigen Standort wohl. Nachjustieren sollte die Politik in den Bereichen Verkehrsinfrastruktur, Bildung oder dem Flächenangebot.

Wolfgang Rolla du Rosey fühlt sich pudelwohl am Standort Bremen. Sein Unternehmen profitiere vor allem von Bremen als norddeutschem Wirtschafts- und Logistikzentrum mit internationaler Anbindung, sagt der Terminic-Geschäftsführer. Seit 2008 – nach einigen Jahrzehnten im Bremer Umland – ist der Kalenderhersteller wieder in der Hansestadt beheimatet. Und die Geschäfte laufen gut: Allein in den vergangenen sechs Jahren konnte Terminic seine Mitarbeiterzahl von 49 auf knapp 70 erhöhen.

So wie dem im Gewerbepark Hansalinie ansässigen Unternehmen geht es vielen anderen Mittelständlern im Land Bremen auch. Das hat der aktuelle Bericht über die Situation der mittelständischen Wirtschaft in der Freien Hansestadt Bremen 2013 ergeben. Die Studienergebnisse legt Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) heute der Deputation für Wirtschaft und Häfen vor.

Demnach zählen knapp 22 600 Unternehmen in Bremen zum Mittelstand und machen somit 99,2 Prozent aller Firmen im Bundesland aus. 2011 erwirtschafteten die Mittelständler mit einem Gesamtumsatz von 64,9 Milliarden Euro 35 Prozent aller Umsätze der bremischen Wirtschaft. Daher leisten diese kleinsten, kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Region und sind einer der Hauptträger von Beschäftigung und Ausbildung im Land.

Fast die Hälfte der KMU bewerten ihre derzeitige Auftragslage laut dem Mittelstandsbericht als gut bis sehr gut. So auch der Hydraulik-Spezialist Hansaflex. „Derzeit sind wir gut beschäftigt und merken, dass die Konjunktur wieder anzieht“, sagt der Vorstandsvorsitzende Thomas Armerding. Auch für dieses Jahr erwarte er für sein Unternehmen, das allein in Bremen 330 Mitarbeiter beschäftigt, erneut ein gesundes Wachstum. Ähnlich geht es 80 Prozent der bremischen Mittelständler, die laut der Studie für die Zukunft mit einer gleich bleibenden oder sich verbessernden Auftragslage rechnen.

Generell werde der Wirtschaftsstandort Bremen Land von Unternehmen verschiedener Dienstleistungsbranchen als attraktiv und zukunftsträchtig bewertet, schreiben die Autoren im Mittelstandsbericht. Branchenübergreifend würden die kurzen Wege und die gute Vernetzung zwischen den regionalen Akteuren als wesentlicher Vorteil genannt. Hansaflex-Vorstand Thomas Armerding nennt noch einen weiteren Vorzug: „Die attraktive Stadt bietet Fach- und Führungskräften ein vielfältiges Angebot und ist doch noch überschaubar.“

Zukunftschancen sehen die Studienerheber in Bremen vor allem für Dienstleistungsunternehmen insbesondere aus der Automobilindustrie, die in den vergangenen Jahren viel Spezialwissen aufgebaut haben. Insgesamt sind etwa 40 Prozent der Bremer KMU solch unternehmensnahe Dienstleister. Auf sie entfällt mittlerweile etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes der KMU. Aber auch für die Bremer Innovationscluster in den Bereichen der Luft- und Raumfahrt, der Maritimen Wirtschaft, der Logistik sowie der Windenergie sehen die Wissenschaftler große Möglichkeiten. Die insgesamt positive Bestandsaufnahme des Berichtes sollte für die Bremer Wirtschaftspolitik dennoch kein Grund sein, sich auf den Ergebnissen auszuruhen. Im Gegenteil: Die Autoren der Studie geben Senator Günthner und seinen Kollegen aus den anderen Ressorts konkrete Handlungsem-pfehlungen mit an die Hand. So gaben viele Unternehmen in den Befragungen etwa an, dass die Familienfreundlichkeit des Standortes erhöht werden sollte.

„Ein solcher Standortvorteil könnte zum Kern einer Anwerbestrategie gemacht werden“, heißt es in dem Mittelstandsbericht. In diesem Bereich bestehe nach wie vor Handlungsbedarf, sagt auch Terminic-Chef Wolfgang Rolla du Rosey. „Allerdings nicht nur am Standort Bremen, sondern bundesweit.“ Er würde sich zum Beispiel einen Betriebskindergarten für alle Firmen im Gewerbepark Hansalinie wünschen.

Als „eines der größten Wachstumshemmnisse“ machten die Autoren zudem die „nur unzureichend mögliche Besetzung offener Stellen aus“. Daher raten sie den Politikern unter anderem, lernschwache Schüler noch besser zu integrieren, um mehr junge Menschen in die duale Berufsausbildung zu führen. Zudem sollte ihrer Meinung nach bereits in der Schule eine gezielte Berufsorientierung angeregt werden. Auch die akademische Ausbildung müsste angesichts des Fachkräfteengpasses effizienter gestaltet werden. „Zu empfehlen ist eine gezielte Förderung berufsqualifizierender Studiengänge, die sich am tatsächlichen Bedarf des Arbeitsmarktes orientieren“, schreiben die Wissenschaftler in dem Mittelstandsbericht.

Da Bremen und Bremerhaven bei der Standortwahl der KMU mit dem direkten Umland im Wettbewerb stehen, sollte das Land zudem die kommunal beeinflussbaren Standortkosten wie etwa die Realsteuern in benachbarten Kommunen im Blick behalten. Zusätzlich sollte die Politik den Gewerbesteuerhebesatz, nach einer Erhöhung in diesem Jahr, nun längerfristig festschreiben, damit die Mittelständler mehr Planungssicherheit hätten. Auch Wolfgang Rolla du Rosey sieht in der vergleichsweise höheren Gewerbesteuer einen Nachteil für den Standort.

Einen Umzug seines Unternehmens kommt für den Geschäftsführer dennoch nicht in Frage. So wie ihm geht es laut Bericht 80 Prozent der KMU. Sechs Prozent hingegen wollen ihr Unternehmen mittelfristig vollständig oder teilweise aus dem Land Bremen wegverlagern. Dabei spielt laut dem Bericht die Flächenplanung der Wirtschaftsförderung eine entscheidende Rolle: „Für die Entwicklung des Flächenangebots sollte nicht nur die Nachfrage flächenintensiver Wirtschaftsbereiche oder großer mittelständischer Betriebe maßgeblich sein“, schreiben die Autoren. Aktuell bestünde hierzulande gerade auch ein Bedarf an kleinteiligen Flächenangeboten mit guter Verkehrsanbindung für kleinste und kleine Unternehmen.

Auch im Bereich Verkehr schneidet Bremen nicht in allen Teilen gut ab: Der Bahnhof und der Flughafen seien demnach nur unzureichend angebunden. Und die überregionale Verkehrsanbindung müsste durch die zeitnahe Umsetzung von Großprojekten wie dem Ringschluss der A281, dem Bau des Hafentunnels, einem zusätzlichen Gleis zwischen Hauptbahnhof und Bremen-Burg und einer Alternative zur Y-Trasse weiter verbessert werden. Von hoher Bedeutung sei auch, dass das Land eine stringente Hinterland-Verkehrs-Strategie entwickele.

Hansaflex-Chef Thomas Armerding kritisiert zudem die singulären Zu- und Abfahrtsmöglichkeiten der A27 zu seinem Firmenstandort im Gewerbegebiet am Bremer Kreuz. „Die Gesprächsrunden zahlreicher Anlieger und die verkehrsstrukturellen Planungen laufen seit vielen Jahren – bisher faktisch ohne Ergebnis“, sagte er. Auch Terminic-Chef Wolfgang Rolla du Rosey nennt für sein Unternehmen noch einen weiteren Punkt: Die Anbindung der Hansalinie mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei gerade am Wochenende schwierig.

Um für die Zukunft gewappnet zu sein, investiert Terminic weiter in den Standort Bremen. So stünden nach Angaben von Rolla du Rosey in nächster Zeit nicht nur erhebliche Maschineninvestitionen an. Auch die Lagerhalle wird derzeit erweitert. Terminic will der Hansestadt treu bleiben. So wie viele andere Mittelständler auch.

Bericht über die aktuelle Situation der mittelständischen Wirtschaft

n Das Mittelstandsförderungsgesetz aus dem Jahr 2006 sieht vor, dass die Bremer Politik verlässliche Rahmenbedingungen für die mittelständische Wirtschaft schaffen und erhalten muss. Um verlässliche Zahlen zum Bremer Mittelstand zu bekommen, hatte der damalige Wirtschaftssenator Ralf Nagel eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. 2009 stellte er den ersten Mittelstandsbericht mit Schwerpunktthema „Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise“ vor. Dieser Bericht ist nun im Auftrag des Wirtschaftsressorts von Wissenschaftlern der Bremer Niederlassung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fortgeschrieben worden. Neben den Ergebnissen aus einer Zusatzbefragung der bremischen Unternehmen im Zuge der Deutschen Innovationserhebung 2013 sowie den Daten des Mannheimer Unternehmenspanel des ZEW beziehen sich die Experten in dem Mittelstandsbericht vor allem auf eine Umfrage unter 4000 Bremer Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. Die Rücklaufquote der beantworteten Fragebögen von 22,7 Prozent schätzen die Autoren der Studie als hoch ein. Dies belege das Interesse der mittelständischen Wirtschaft im Land Bremen an Fragen der Wirtschaftspolitik, heißt es in dem Papier.

n Das Mittelstandsförderungsgesetz aus dem Jahr 2006 sieht vor, dass die Bremer Politik verlässliche Rahmenbedingungen für die mittelständische Wirtschaft schaffen und erhalten muss. Um verlässliche Zahlen zum Bremer Mittelstand zu bekommen, hatte der damalige Wirtschaftssenator Ralf Nagel eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. 2009 stellte er den ersten Mittelstandsbericht mit Schwerpunktthema „Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise“ vor. Dieser Bericht ist nun im Auftrag des Wirtschaftsressorts von Wissenschaftlern der Bremer Niederlassung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fortgeschrieben worden. Neben den Ergebnissen aus einer Zusatzbefragung der bremischen Unternehmen im Zuge der Deutschen Innovationserhebung 2013 sowie den Daten des Mannheimer Unternehmenspanel des ZEW beziehen sich die Experten in dem Mittelstandsbericht vor allem auf eine Umfrage unter 4000 Bremer Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. Die Rücklaufquote der beantworteten Fragebögen von 22,7 Prozent schätzen die Autoren der Studie als hoch ein. Dies belege das Interesse der mittelständischen Wirtschaft im Land Bremen an Fragen der Wirtschaftspolitik, heißt es in dem Papier.

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