Neue Studienergebnisse Warum es attraktive Tiere leichter haben

Attraktive Tierarten können mit einer deutlich größeren gesellschaftlichen Akzeptanz rechnen, selbst wenn sie aus Sicht von Naturschützern ein Problem darstellen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie.
21.04.2020, 12:23
Lesedauer: 6 Min
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Warum es attraktive Tiere leichter haben
Von Jürgen Wendler

Aufgrund des weltweiten Handels und Fernreiseverkehrs sind viele Arten von Lebewesen in Gebiete gekommen, in denen sie von Natur aus nicht vorkamen. In manchen Fällen wurden sie bewusst eingeführt – etwa als Haustiere oder Gartenpflanzen –, in anderen gelangten sie unabsichtlich in andere Weltgegenden. So sind zum Beispiel Larven von Körbchenmuscheln mit dem Ballastwasser von Schiffen aus Asien nach Amerika und Europa befördert worden. Auch in zahlreichen deutschen Flüssen und Seen sind diese Muscheln inzwischen weitverbreitet.

Wenn neu hinzugekommene Arten heimische verdrängen beziehungsweise eine Gefahr für bestimmte Lebensräume oder Lebensgemeinschaften darstellen, werden sie von Wissenschaftlern als invasiv bezeichnet. Dass sie aus Sicht von Naturschützern ein Problem darstellen, muss allerdings keineswegs bedeuten, dass sie bei den Menschen in ihrem neuen Umfeld auf breite Ablehnung stoßen. Im Gegenteil: Attraktive Arten, so das Ergebnis einer kürzlich im Fachjournal „Frontiers in Ecology and the Environment“ veröffentlichten Studie, können mit einer deutlich größeren gesellschaftlichen Akzeptanz rechnen.

Konkurrenz fürs Eichhörnchen

Als eines von zahlreichen Beispielen für Arten, die von der Bevölkerung eher akzeptiert werden, nennt die Autorengruppe um den tschechischen Wissenschaftler Ivan Jarić und Professor Jonathan Jeschke vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin das aus Nordamerika stammende Grauhörnchen. Das Grauhörnchen ist größer als das heimische Eichhörnchen, mit dem es um Nahrung und Lebensraum konkurriert. Beide Arten fressen unter anderem Samen, Früchte und Insekten und sind in Wäldern ebenso anzutreffen wie in Parks und Gärten. Bereits im 19. Jahrhundert nach Großbritannien gelangt, haben Grauhörnchen dort die heimischen Eichhörnchen fast vollständig verdrängt. Als Problem gelten sie auch deshalb, weil sie ein Virus auf ihre Verwandten übertragen, gegen das sie selbst immun sind, das bei den Eichhörnchen mit rotem Fell jedoch zu einer tödlich verlaufenden Krankheit führen kann.

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In Deutschland spielen Grauhörnchen bislang keine Rolle, wohl aber in Italien, wo sie wie in Großbritannien den heimischen Eichhörnchenbestand gefährden. Dort hat das vergleichsweise attraktive Erscheinungsbild der Tiere nach Darstellung der Gruppe um Jarić dazu geführt, dass ein Programm zu ihrer Kontrolle verhindert wurde. Dies sei Interessengruppen mithilfe niedlicher Comicfiguren gelungen.

Beliebte Marmorkrebse

Wie der an der Studie beteiligte Biologe Gregor Kalinkat vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erläutert, hängt die Verbreitung mancher Tierarten, die das Leben in Ökosystemen verändern können, damit zusammen, dass sie bei Aquarienbesitzern wegen ihres reizvollen Aussehens besonders beliebt sind. Ein Beispiel hierfür sei der Marmorkrebs, der auf eine in Nordamerika heimische Flusskrebsart zurückgehe und sich durch sogenannte Jungfernzeugung sehr stark vermehre. Bei dieser Art der Fortpflanzung entstehen die Nachkommen aus einzelnen unbefruchteten Eiern. Laut Kalinkat besteht die Gefahr, dass freigesetzte Marmorkrebse heimische Flusskrebse verdrängen.

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Auch die sogenannten Feuerfische mit ihren auffälligen fächerförmigen Brustflossen und ihrem Muster weißer sowie rötlicher oder bräunlicher Querstreifen sind nach den Worten des Berliner Biologen nicht nur attraktiv, sondern auch eine mögliche Bedrohung für andere Arten. Die ursprüngliche Heimat der Feuerfische, die in verschiedenen Arten vorkommen, sind Korallenriffe des tropischen Indopazifiks und des Roten Meeres. Von Aquarienbesitzern freigesetzte Fische haben sich andernorts vermehrt. Als invasive Arten sind Feuerfische nun unter anderem im westlichen Atlantik in großer Zahl anzutreffen.

Wann invasive Arten zum Problem werden

Sowohl im öffentlichen Bewusstsein als auch in der Forschung spielen charismatische Arten, das heißt Arten mit besonderer Ausstrahlungskraft, laut Kalinkat eine herausragende Rolle. Dies berge das Risiko, dass bei Schutzmaßnahmen falsche Akzente gesetzt würden. Der Hauptautor der Studie, Ivan Jarić, kommt zu diesem Schluss: „Ein als schön oder niedlich empfundenes Äußeres kann das Management von Artinvasionen erschweren, weil dann oft die öffentliche Unterstützung fehlt.“

Dass es gleich eine ganze Reihe von unterschiedlichen Gründen dafür gibt, dass invasive Arten zum Problem werden können, lässt sich auch in Deutschland beobachten. So konkurrieren beispielsweise Nordamerikanische Ochsenfrösche mit anderen Amphibien um Lebensräume und Nahrung. Die bis zu 20 Zentimeter langen Ochsenfrösche sind in den 1980er- und 1990er-Jahren in Gartenbauzentren zum Kauf angeboten worden. Schwierigkeiten entstanden dadurch, dass sie nicht in Gartenteichen blieben, sondern sich in manchen Gegenden Deutschlands in der freien Natur ausbreiteten, so beispielsweise in der Oberrheinebene.

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Bisamratten wiederum, die ursprünglich nur in Nordamerika vorkamen, entpuppten sich als eine Gefahr für die wegen der Gewässerverschmutzung ohnehin schon zurückgegangenen Bachmuschelbestände. Bisamratten fressen Bachmuscheln, wenn die ansonsten bevorzugte pflanzliche Nahrung knapp ist. Andere invasive Arten werden dadurch zur Gefahr, dass sie die Verbreitung von Krankheiten fördern. So übertragen amerikanische Flusskrebse wie der Rote Sumpfkrebs eine durch einen parasitischen Pilz ausgelöste Krankheit. Während sie selbst dagegen immun sind, sterben einheimische Flusskrebse wie der Edelkrebs daran.

Herkulesstaude als invasive Pflanze

Während Tiere wie Bisamratten oder Rote Sumpfkrebse vielen Menschen gar nicht oder nur sehr selten begegnen, ist es bei manchen ursprünglich gebietsfremden Pflanzen mittlerweile schwer, sie zu übersehen. So ist der Riesen-Bärenklau, auch Herkulesstaude genannt, in Deutschland weitverbreitet und kommt von den Alpen bis zur Küste vor. Die ursprünglich aus dem Kaukasus stammende Pflanze enthält Stoffe, die bei Menschen Hautentzündungen verursachen können. Der Riesen-Bärenklau ist bereits im 19. Jahrhundert als Zierpflanze eingeführt worden, wahrscheinlich zuerst in Großbritannien. Wegen seines hohen Wuchses verändert er das Landschaftsbild und verhindert, dass kleinere Pflanzen genügend Licht erhalten. Große Bestände in Uferbereichen erhöhen die Gefahr der Erosion, das heißt das Risiko, dass Erdmaterial fortgespült wird.

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Dass viele Experten die aus Nordamerika stammende Robinie als Problem betrachten, hat andere Gründe. Dieser Baum kann mithilfe seiner Wurzelknöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft binden, also einen Stoff, den Pflanzen zum Wachsen benötigen. Der Luftstickstoff hilft der Robinie nicht nur, stickstoffarme Standorte zu besiedeln, sondern wird von ihr auch über Laub und Wurzeln an die Umgebung weitergegeben. Die Robinie verändert auf diese Weise ursprünglich nährstoffarme Standorte – mit der Folge, dass sich dort heimische Arten nicht mehr behaupten können. Zu den Stärken der Robinie gehört, dass sie vergleichsweise gut mit Trockenheit zurechtkommt. Insbesondere wegen dieser Eigenschaft ist sie zum Baum des Jahres 2020 erklärt worden.

Ökosysteme verändern sich

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Studien veröffentlicht worden, die belegen, dass sich die Zusammensetzung der Arten in vielen Ökosystemen der Erde stark verändert. Insgesamt nimmt die Anzahl der Arten zwar nach den Erkenntnissen von Forschern ab, doch regional gibt es durchaus unterschiedliche Entwicklungen, das heißt: Beobachtet wird auch, dass der Artenreichtum in einzelnen Gebieten zunimmt. Besonders hoch ist die Anzahl der Arten, die infolge der Globalisierung neu hinzugekommen sind, einer 2017 im Fachjournal „Nature Ecology and Evolution“ veröffentlichten Arbeit zufolge auf Inseln und in Küstenregionen. Eine Spitzenposition nehmen demnach die Inseln des Hawaii-Archipels, die Nordinsel Neuseelands und die zu Indonesien gehörenden Kleinen Sundainseln ein.

Der Hauptautor Professor Wayne Dawson von der Universität Durham in England fasste die Erkenntnisse so zusammen: „In wohlhabenden Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte gibt es mehr gebietsfremde Arten.“ Er und seine Kollegen hatten im Rahmen ihrer Studie die Verbreitung von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, Fischen, Spinnen, Ameisen und Gefäßpflanzen auf 186 Inseln und in 423 Gebieten auf allen Kontinenten dokumentiert.

Mensch brachte neue Arten auf Inseln

Die Inseln des Hawaii-Archipels im Pazifischen Ozean sind vulkanischen Ursprungs und nach erdgeschichtlichen Maßstäben erst vor vergleichsweise kurzer Zeit entstanden. Mit einem Alter von ungefähr sechs Millionen Jahren gilt die Insel Kaua'i als älteste Insel des Archipels. Zu dessen Besonderheiten gehört, dass sich dort eine Vielzahl von Fruchtfliegenarten entwickelt hat. Viele Arten von Säugetieren wie beispielsweise Haushund und -katze, Pazifische Ratte und Wanderratte sind hingegen erst durch Menschen auf die Inseln gelangt. Auch Amphibien gab es dort vor der Ansiedlung von Menschen nicht.

Wie andere Landmassen der Südhalbkugel gehörte Neuseeland bis vor rund 200 Millionen Jahren zu einem riesigen Kontinent namens Gondwana. Geografisch isoliert ist Neuseeland nach den Erkenntnissen von Fachleuten vermutlich seit mehr als 80 Millionen Jahren. In dieser langen Zeit konnte sich eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickeln.

Zu den Tieren, die nur dort vorkommen, gehören zum Beispiel die Kakapos, flugunfähige Papageien, und Kiwis, kleine Vögel, die ebenfalls nicht fliegen können. Mit Menschen gelangten unter anderem Ratten, Ziegen, Schweine, Rothirsche, Wildschweine, Hauskatzen, Kaninchen und australische Fuchskusus, bis zu einen halben Meter große Beuteltiere, nach Neuseeland. Letztere fressen große Mengen an Blättern und verursachen damit Schäden in Wäldern. Andere neu hinzugekommene Tierarten sind dadurch zum Problem geworden, dass sie die Vogelbestände stark dezimiert haben.

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