Psychologe: Enthemmung begleitet Massenereignisse "WM-Krawalle keine Überraschung"

Bremen-Nord. Zehn Tage nach den Vegesacker WM-Krawallen arbeitet die Polizei mit Nachdruck an der Aufarbeitung der Ereignisse. Eine Ermittlungsgruppe wurde eingerichtet, mehrere Vernehmungen haben bereits stattgefunden.
22.07.2014, 18:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jürgen Theiner

Bremen-Nord. Zehn Tage nach den Vegesacker WM-Krawallen arbeitet die Polizei mit Nachdruck an der strafrechtlichen Aufarbeitung der Ereignisse.

Eine Ermittlungsgruppe wurde eingerichtet, mehrere Vernehmungen haben bereits stattgefunden. Doch die Gewalt gegen Polizisten und friedlich feiernde Fußballfans muss nicht nur juristisch bewältigt werden. Sie wirft auch eine Reihe sozial- und rechtspsychologischer Fragen auf. Darüber sprach Jürgen Theiner mit Dietmar Heubrock vom Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen.

Herr Heubrock, in einer Nacht, in der Fußballfans friedlich feiern wollen, tobt sich mitten in Vegesack ein aggressiver Mob aus, verletzt Passanten und zwingt die Polizei zum Rückzug. Hat es Sie überrascht, dass so etwas ausgerechnet in Bremen passiert?

Dietmar Heubrock: Bremen war nicht allein betroffen, es hat auch in anderen Städten vergleichbare Übergriffe gegeben. Überrascht haben sie mich nicht. Was hier passierte, ist eine inzwischen typische und erwartbare Begleiterscheinung von Massenphänomenen wie beispielsweise einer WM-Feier. Psychologisch gesehen, spielen da mehrere Faktoren eine Rolle. Der erste ist ganz einfach: Die Leute trinken sehr viel Alkohol, sind enthemmt und tun dann Dinge, die sie sonst in ihrer bürgerlichen Existenz nicht tun würden.

Einspruch! Bei den Randalierern handelte es sich um jugendliche Migranten. Die haben eben gerade keine bürgerliche Existenz, aus der sie für eine Nacht ausbrechen wollen, um mal „die Sau rauszulassen“.

Es ist ja bekannt, dass bei jungen Migranten, die oft beruflich erfolglos und gesellschaftliche Außenseiter sind, Dauerfrust angesagt ist. Aber das heißt ja nicht, dass die jeden Tag losziehen und irgendjemanden verprügeln. Ein zentrales Moment ist tatsächlich das Massenereignis. Hinzu kommt etwas, das für solche Ausnahmesituationen bezeichnend ist, nämlich eine Art sozialer Ansteckung. Wenn es einen harten Kern gibt, der mit irgendetwas anfängt, wird das wie eine „La Ola“ von anderen aufgegriffen, die über die Folgen ihres Tuns nicht nachdenken und auch die Verantwortung dafür beiseiteschieben.

Können die Aggressionen in der WM-Nacht auch darin ihre Ursache gehabt haben, dass sich die Täter nicht zur deutschen Mehrheitsgesellschaft zugehörig fühlen, sodass ihnen der schwarz-rot-goldene Rausch ihr Außenseitertum besonders deutlich bewusst machte?

Die Umstände der WM-Nacht waren wohl weniger die Ursache als vielmehr ein willkommener Anlass für die jungen Migranten, um einfach mal loszulegen.

Was sind das für Leute, und woher kommt ihre Gewaltbereitschaft? Eine Vermittlung gesellschaftlicher Werte und Normen scheint bei ihnen ja nicht stattgefunden zu haben. Und es ist die Frage, ob sie noch nachholbar ist.

Ich teile diese Zweifel. Ich weiß, dass das nicht gern gehört wird. Wir beschäftigen uns in der Forschung schon seit einiger Zeit mit Jugendgewalt und dem psychischen Zustand verschiedener Migrantengruppen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, warum manche dieser jungen Leute so unempathisch (mitleidslos – Anm. d. Red.) sind und zutreten, wenn jemand schon am Boden liegt. Unsere Erfahrung zeigt, dass es Kerne von Gruppen gibt, die erzieherisch im weitesten Sinn nicht mehr erreichbar sein werden. Ich fürchte, damit werden wir leben müssen.

Reden wir über die psychologische Wirkung der Vorfälle auf die Öffentlichkeit. Wie kommt es beim deutschen Durchschnittsbürger an, wenn ein Ereignis wie die WM-Feier vor Ort von migrantischer Gewalt überschattet wird?

Man fühlt sich betrogen. Die meisten Menschen wollten den Erfolg der Nationalmannschaft feiern, ein bisschen auch Nationalgefühl verspüren dürfen, womit wir sonst in Deutschland ja auch Probleme haben. Und das wird dann kaputt gemacht. Da fühlen sich sehr viele Menschen betrogen. Sie werden auf ein Gefühl zurückgeworfen, das man so beschreiben könnte: Selbst wenn wir ein kleines bisschen einen echten Erfolg ohne Deutschtümelei feiern, wird uns das nicht gegönnt. Das überragende Gefühl ist: Man wird betrogen.

Besteht also der dauerhafte sozialpsychologische Effekt der Ereignisse in einer weiteren Entfremdung zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft und Zuwandererkreisen?

Auf jeden Fall. Was dort passierte, wird richtig übel genommen. Genauso wird es empfunden.

Viele Menschen in Bremen-Nord erwarten, dass die Behörden aus den Ausschreitungen in der WM-Nacht für die Zukunft lernen. Was kann ein Gewaltforscher den staatlichen Akteuren raten?

Das ist eine sehr schwierige Situation. Würde man sagen: Wir ersticken solche Aggressionen im Keim, dann käme es wahrscheinlich zu Auseinandersetzungen, die noch unschönere Szenen hervorbrächten. Gewähren lassen wäre die alternative Strategie, die von der Polizei ja auch angewendet worden ist bei Normenverletzungen unterhalb der Gewaltschwelle, nämlich den Autokorsos während der WM, als sich angetrunkene Leute aus den Fenstern lehnten. Das Allergünstigste wäre wahrscheinlich, wenn es der Polizei gelänge, einen gewaltbereiten Kern von wenigen Personen zu isolieren.

Genau das ist der Polizei in der konkreten Einsatzsituation nicht gelungen, sie hat sich vielmehr zunächst zurückgezogen. In der Öffentlichkeit hat das ein sehr negatives Echo gefunden.

Die Wahrnehmung des Rückzugs nährt natürlich eine Diskussion, die wir in Bremen schon öfter hatten: Haben wir rechtsfreie Räume, in denen die Polizei die Innere Sicherheit nicht mehr garantieren kann? Auf der anderen Seite gäbe es sicher auch Kritik an der Angemessenheit der Mittel, wenn die Polizei gewaltsam vorginge. Ich fürchte, es kann da keine Leitlinie geben, die allseits für Zufriedenheit sorgt.

Zur Person

Dietmar Heubrock ist Professor am Institut für Psychologie und Kognitionsforschung (IPK) der Universität Bremen. 2007 übernahm er dort die Leitung des Instituts für Rechtspsychologie.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+