Mit dem Heidhof-Förster durch sein Revier Wo der Wald die Sandwüste erobert

Eine Sandkuhle als Experimentierfeld und 90 000 Bäume, die jetzt neu gepflanzt werden - im Heidhof-Forst in Brundorf tut sich einiges. Ein Streifzug mit Förster Bernd Wiedenroth durch sein Revier.
02.12.2017, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gabriela Keller

Brundorf. Bernd Wiedenroth stapft durch das Unterholz. Querfeldein geht es zwischen himmelsstürmenden Douglasien über weichen Moosboden im Brundorfer Forst durch den Wald. Plötzlich lichtet sich das Gelände, wird unwegsam. Überall aufgewühlte Erde, als hätte sich ein Bagger ausgetobt. Wälle mit Ästen und Strauchwerk türmen sich zwischen kniehoch wachsenden Gräsern. Ein paar Kiefern verlieren sich auf der abschüssigen Fläche. Der Rest von dem, was einst hier stand. „Eigentlich wollten wir Douglasien nachpflanzen“, sagt Wiedenroth. Doch die Natur hat ihre eigenen Pläne. Der Förster zeigt auf den Boden. Überall sprießt zartes Nadelgrün: Tanne, Kiefer, Douglasie, Fichte Lärche. „Im Frühjahr wurden Äste, die zu Boden fielen, maschinell zusammengeharkt. An den Stellen, wo der Mutterboden hochkam, ist eine üppige Naturverjüngung entstanden“, erklärt der Chef der Heidhof-Försterei.

Jetzt darf sich die Natur hier ungestört weiter entwickeln. Das ist im Waldbau-Programm der Niedersächsischen Landesforsten, zu denen das Heidhof-Revier gehört, sogar ausdrücklich erwünscht. „Löwe“ steht für Langfristige Ökologische Waldentwicklung. 13 Grundsätze für die Waldbewirtschaftung sieht das 1991 von der Landesregierung beschlossene Programm vor. Dazu gehört, dass sich der Wald bevorzugt aus natürlicher Ansamung verjüngen soll. „Dort, wo wir mit vor Ort wachsenden Baumarten arbeiten können, müssen wir auf Naturverjüngung setzen“, erklärt Knut Sierk. Der Landesforsten-Sprecher für die Region Nord-Ost-Niedersachsen läuft an diesem regnerischen Vormittag mit durch den Wald. Seit Sommer ist er im Amt, das Heidhof-Revier sieht er heute zum ersten Mal mit eigenen Augen.

Wiedenroth ist vorausgeeilt. „Ich muss mir mal eben da drüben was ansehen.“ Am Rand der Fläche begutachtet er 30 Zentimeter hohe Jungbuchen, die hier in Reih und Glied stehen. An dieser Stelle wächst ein Stück Wald der Zukunft heran. „Auf Sonderflächen wie dieser arbeiten wir mit beginnender Naturverjüngung und Neupflanzung Hand in Hand“, erklärt der Förster. Zwei Mitarbeiter einer Garten- und Landschaftsbaufirma aus Eggestedt bringen im Auftrag der Landesforsten an diesem Tag bis zu 900 der zwei Jahre alten Bäumchen in die Erde. „Insgesamt werden wir auf der Fläche 4000 Buchen pflanzen. Wir klotzen hier etwas, weil wir enger pflanzen müssen. Wir brauchen eine Reserve gegen Wildverbiss“, erläutert Wiedenroth.

In seinem 1700 Hektar großen Revier, zu dem neben den Wäldern in Brundorf auch Waldgebiete in Löhnhorst und Meyenburg gehören, gibt es für Wiedenroth und sein Team in diesen Tagen und Wochen viel zu tun. „Von November bis April pflanzen wir 90 000 Bäume.“ Vor allem Buchen, Douglasien und Roteichen werden an verschiedenen Stellen den Bestand ergänzen. Einst bestand der Wald in Brundorf aus Nadelbäumen. Um 1870 waren Heideböden mit Kiefern und Fichten aufgeforstet worden. Heute setzen die Landesforsten auf Mischwald. Ein Mix aus Nadel- und Laubbäumen soll den Wald widerstandsfähiger machen gegen Schädlinge und Naturgewalten.

Mit dem Geländewagen geht es über Waldwege zu einer Vorzeigefläche. Riesige Fichten stehen hier – „das ist Naturbestand, Anfang des 19. Jahrhunderts gepflanzt.“ Dazwischen hat sich die neue Waldgeneration hochgeschoben: jüngere Tannen und kleinere Buchen. „So soll der Idealwald aussehen: eine Mischform mit Bäumen unterschiedlichster Art, Größe und Stammdicke“, sagt Wiedenroth. Mischwald soll auch Stürmen besser trotzen. „Die Baumarten wurzeln unterschiedlich tief. Die Tanne etwa ist ein Tiefwurzler, die Fichte ein Flachwurzler. Es entsteht ein Wurzelgeflecht, durch das die Bäume sich gegenseitig Halt geben“, erläutert Sierk. Als jüngst Tief „Herwart“ durch das Land fegte, hielt sich der Verlust laut Wiedenroth in Grenzen. „Wir verloren 300 Festmeter Holz“. Das entspreche 300 Kubikmeter reiner Holzmasse.

Auf einer anderen benachbarten Waldfläche werden alte Tannen gehegt und gepflegt. „Das ist unser Gen-Erhaltungsbestand“, sagt der Förster. Hier stehen die ganz Robusten, die den sauren Regen und andere Luftverschmutzungen der 1970er/80er Jahre heil überstanden haben. Wertvolle Eigenschaften, die im Wald der Zukunft nicht verloren gehen sollen. Was den Förster zudem freut: „Eigentlich war auf dieser Fläche Sandabbau vorgesehen. Das haben wir mit der Ausweisung als Erhaltungsbestand verhindert.“

Sand wird im Revier im großen Stil an anderer Stelle abgebaut. Eine bewirtschaftete Sandkuhle gibt es im Heidhof noch. „Eine erste Kuhle an der ehemaligen B6 wurde 1993 stillgelegt. Heute steht dort Naturwald“, erzählt der Förster. Der Weg zur noch aktiven Grube führt an einem langen Zaun entlang. Dahinter erstreckt sich eine riesige Fläche mit Akazien. „Der Baum wächst gut auf Sand.“ In diesem Fall dient der Akazienwald als Schutzwall für die Sandgrube und Uferschwalben, die an den Hangrändern nisten. „Wir haben Riesenprobleme mit Quadfahrern, die in der Kuhle kurven“, berichtet Wiedenroth.

Über einen Sandweg geht es jetzt bergab. Mitten im riesigen Krater hievt ein Radlader Sand auf ein Förderband. Links daneben dehnt sich schwarze Erde weitläufig aus. Mittendrin ein Steinhaufen. "Für die Eidechsen", sagt Wiedenroth. Die schwarze Erde ist Mutterboden. "2013 legten wir im Forst Heideflächen als Ausgleichsgebiete für die Stadt Bremen an. Dafür wurde Boden abgetragen, den wir in der Sandkuhle aufgeschüttet haben." Eine Renaturierungsfläche soll jetzt daraus werden, Eiche und Schwarznuss werden angepflanzt. Ein erstes Experiment, wie Wiedenroth es nennt, trägt auf einer Fläche nebenan schon Früchte. Hier hat der Heidesamen in der Erde einen grünen Teppich sprießen lassen. Vor drei Jahren angepflanzte Birken und Roteichen schießen in die Höhe. "Andere Baumarten sind auf der Strecke geblieben. "Die Linde war sofort verschwunden, auch der Ahorn hat es kaum geschafft."

Aus der Sandwüste geht es zurück in den Wald. Vorbei an einem 1,2 Hektar großen Heidestreifen. „Den haben wir neu angelegt, als Ruhe- und Äsungsfläche für das Wild.“ Im Frühjahr, erzählt der Förster während der Fahrt, werden auf mehreren Flächen im Wald auch Wildkräuter eingesät. Schmetterlinge und Bienen finden hier einen gedeckten Tisch. Auf der Panzerstraße, vom Förster „Heidhof-Highway“ genannt, geht es weiter. Gegenüber vom alten Verladebahnhof führt ein Waldweg zum Ziel.

Dicht an dicht stehen hier auf einer Fläche bis zu drei Meter hohe Fichten. Was Bürgern sonst im Wald streng verboten ist, das erlaubt der Förster am 20. Dezember: Mit der Säge dürfen sie dann in den Wald gehen und eine Fichte als Weihnachtsbaum mit nach Hause nehmen. Für den Wald tun sie damit ein gutes Werk. „Mit der Tannenbaum-Aktion bringen wir Licht in den Bestand. Die verbleibenden Bäume haben mehr Raum zum Wurzeln und können besser wachsen“, erklärt Wiedenroth. Waren es zu Beginn 1988 gerade mal eine Handvoll Menschen, die sich ihre Weihnachtstanne im Wald aussuchten, strömen heute mehrere Hundert. „Es sind Leute dabei, die kamen früher mit Oma und Opa. Heute kommen sie mit ihren eigenen Kindern“.

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