Gesichter der Stadt: Kornelia Staffeldt betreibt die Pusta-Stube im Blockland /Außenposten der Bremer Kulturszene Wo Dutschke auf dem Deich saß

Die Eltern von Kornelia Staffeldt kamen Anfang der 1960er Jahre aus Ungarn nach Deutschland. Janos und Therese Hergott waren Artisten. Als „Seven Hungarias“ traten sie in New York auf, in Las Vegas, in Vietnam und Kuba. Dann flohen in den Westen. 1973 eröffneten sie in Bremen die Pusta-Stube. Heute betreibt ihre Tochter die kleine Gaststätte und holt Musiker zu Konzerten ins Blockland.
17.02.2015, 00:00
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Von Corinna Tonner

Die Eltern von Kornelia Staffeldt kamen Anfang der 1960er Jahre aus Ungarn nach Deutschland. Janos und Therese Hergott waren Artisten. Als „Seven Hungarias“ traten sie in New York auf, in Las Vegas, in Vietnam und Kuba. Dann flohen in den Westen. 1973 eröffneten sie in Bremen die Pusta-Stube. Heute betreibt ihre Tochter die kleine Gaststätte und holt Musiker zu Konzerten ins Blockland.

Die unwahrscheinlichsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Zum Beispiel die Geschichte der Pusta-Stube: Weltberühmte Artisten aus der Trapez- und Hochseiltruppe „Seven Hungarias“ fliehen aus Ungarn und kaufen eine Gaststätte im Blockland. Bei ihren Auftritten von New York bis Saigon lernen sie Che Guevara, Ho Chi Min, Frank Sinatra und Mao Tse-tung kennen. Danach betreiben sie als Nachbarn der Blockland-Bauern eine kleine Gaststätte an der Wümme.

Zu ihren Gästen gehörten nicht nur die Wochenend-Touristen, sondern auch Professoren und Dozenten der 1971 gegründeten Bremer Universität, die damals als „rote Kaderschmiede“ galt. An der Uni gab es noch keine Mensa, und so kam es, dass eines Tages auch der Wortführer der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, und der Trotzkist Ernest Mandel in der kleinen Gaststätte am Wümmedeich saßen, gemeinsam mit dem Universitätsprofessor Rudolf Hickel.

Kornelia Staffeldt ist die Tochter von Janos und Therese Hergott und betreibt heute die Pusta-Stube. Ihr Lebensgefährte Florian Kröning, ihre Töchter Sophie und Rosa helfen in der Küche und am Tresen. Ihr Vater Janos Hergott ist 2004 gestorben, ihre Mutter Therese lebt zurückgezogen. „Eigentlich wollte ich nie diese Gaststätte übernehmen“, sagt Kornelia Staffeldt, die gelernte Kosmetikerin ist. Doch dann musste sie sich nach dem Tod des Vaters entscheiden – und entschied sich für die Pusta-Stube und das Leben auf dem Wümmedeich. „Das ist mein Zuhause, hier kennt jeder jeden“, sagt Staffeldt. Regelmäßig trifft sich bei ihr der „Stammtisch der Wümme-Farmer“. Sie hat aus der Gaststätte, die vom „Bratkartoffel-Tourismus“ lebt, wie Staffeldt augenzwinkernd konstatiert, einen Außenposten der Bremer Kulturszene gemacht. Seit fünf Jahren stehen an fast jedem Wochenende Musiker, Autoren und Schauspieler auf der Bühne.

Kornelia Staffeldt erinnert sich gut daran, wie sie als Kind nach Bremen kam. Sie wurde als einziges Kind der Familie in England geboren und ging in Italien zur Schule. Ihre Eltern arbeiteten in einem Zirkus in der Nähe der legendären Filmfabrik „Cinecittà“ und trafen dort die Leinwand-Stars. Zu Hause sprach die Familie Ungarisch. Als Ihre Tochter zwölf Jahre alt war, beschlossen Janos und Therese Hergott, die Gaststätte im Blockland zu übernehmen. Die „Seven Hungarias“ waren 1964 bei der Eröffnung der Bremer Stadthalle aufgetreten. 1973 konnte das Ehepaar das Haus am Wümmedeich von der Familie Bremermann mieten, später kauften sie es.

Kornelia Staffeldt erzählt: „Ich hatte ein goldenes Cape aus Italien, das ich häufiger trug.“ Von einem Tag auf den anderen wurde sie in eine Welt katapultiert, in der goldene Capes eher unüblich waren. Hochseil-Artisten und bodenständige Landwirte – das war am Anfang nicht ganz einfach. Vermutlich hätte ebenso gut eine Familie von Außerirdischen an den Wümmedeich ziehen können.

Doch dann startete die ungarische Charme-Offensive. Rudolf Hickel, in den 1970er-Jahren als junger Wirtschaftsprofessor nach Bremen berufen, war Stammgast in der Pusta-Stube und ist bis heute der Familie verbunden. Der mittlerweile emeritierte Ökonom: „Es war natürlich völlig überraschend, dass sich im Blockland ein Ungar mit seiner Familie niederließ und ungarische Küche anbot.“ Aber Janos Hergott begann schon bald, den kleinen Flachbau neben dem Kanu-Club herzurichten und auszuschmücken. Viele Fotos und Souvenirs zierten den Gastraum, auf den Blumenbeeten standen Gartenzwerge. „Das kam selbst bei den kritischen Geistern gut an“, erinnert sich Hickel. Und auch Künstler, die vorher in der Stadthalle ein Konzert gegeben hatten, trafen sich danach in der Pusta-Stube. Sogar Vicky Leandros soll einmal am Tresen gesessen haben.

Kornelia Staffeldt kultiviert die urige Atmosphäre mit Rüschengardinen, einer Lichterkette in Form von Paprika-Schoten, reichlich Nippes und Künstler-Fotos. Die 53-Jährige serviert schmackhafte Hausmannskost. Für die Auswahl der Musiker sorgt Florian Kröning, der selbst in seiner Freizeit Gitarre spielt. „Wir hatten schon tolle Künstler, die Bremer Gitarristen Fred Drobnjak und Jan Olaf Roth, die Hamburger Band ‚Stompin‘ Blues‘ und auch die Amy Winehouse-Imitatorin Jutta Gürtler“, erzählt Kröning.

Dazu kam vor vier Jahren der Schauspieler Benedikt Vermeer. Kornelia Staffeldt hatte ihn mit einem Solo-Stück im Literaturkeller im Viertel gesehen und spontan angesprochen. Seither ist Vermeer regelmäßiger Gast im Blockland mit der „Feuerzangenbowle“ und einem Wilhelm-Busch-Abend. Für Fans von Kleinkunstbühnen ist die Pusta-Stube längst kein Geheimtipp mehr. Viele Gäste kommen aus nahegelegenen Stadtteilen wie Borgfeld, Oberneuland oder Findorff.

Wie Rudi Dutschke in die Pusta-Stube kam, das erzählt Rudolf Hickel. Dutschke war Anfang der 1970er-Jahre in Bremen politisch aktiv. „Wir wollten Ernest Mandel als Gast-Professor nach Bremen holen“, sagt Hickel. Doch der Belgier Mandel, ein einflussreicher marxistischer Ökonom und Theoretiker, hatte von Innenminister Hans-Dietrich Genscher ein Einreiseverbot erhalten. Also wurde ein konspiratives Treffen organisiert. Mandel fuhr mit dem Motorrad nachts über die grüne Grenze und traf Hickel, Dutschke und hochrangige Bremer Politprominenz auf dem Wümmedeich.

Aus der Gastprofessur wurde am Ende nichts, so Hickel, und was blieb, ist die Erinnerung an einen sehr nebligen Abend: „Dicke Nebelschwaden, eine nach der anderen, wie in Wellen – so etwas habe ich erst im Blockland kennengelernt.“

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